Andreul T. (Name geändert) gönnt sich ab und zu etwas. Fotos von Ferien in Paris, in Dubai, in seiner Heimat postet er auf Facebook. Der 31-jährige Rumäne will zeigen: Ich habe etwas erreicht. Auf einem weiteren Bild steigt er in einen dicken Mercedes ein.

Gekommen ist er vor drei Jahren. Als sogenannter Care Migrant: Er pflegt alte, kranke Schweizer, die das Altersheim hinausschieben oder nicht finanzieren wollen. Sechs Tage die Woche, 24 Stunde am Tag Bereitschaft, wenig Pause. Er kocht, er mäht den Rasen, er putzt, er wäscht bettlägrige Personen. «Ich bin das Mädchen für alles», sagt der korpulent gebaute Mann mit dem Kurzhaarschnitt und der Pflegeausbildung des Roten Kreuzes.

Kosten in Pflegeheim

7500 Franken monatlich kostet ein Platz in einem Schweizer Pflegeheim laut der Homepage pflegesearch.ch. Der Betrag setzt sich aus Kosten für Unterkunft, Pflegeleistungen und Betreuung zusammen. Von den Pflegekosten vergüten die Krankenkassen etwa die Hälfte. «Den Rest der Pflegekosten zahlen die Bewohner (max. 20%) sowie die öffentliche Hand (30%)», so das Fachportal. Die Kosten für Hotellerieleistungen gingen zulasten der Bewohner. Ist das Vermögen aufgebraucht, helfen Ergänzungsleistungen. 140'000 Menschen leben in der Schweiz in einem Altersheim. (szr)

Unser erstes Treffen. Ein Restaurant in der Region Solothurn. T. kommt mit dem Mann, den er betreut. Tagsüber kann er kaum ohne ihn zu einem Gespräch ausser Haus kommen. Der Klient ist über 90, verwitwet, zittert leicht. Dem Gespräch folgt er nur teilweise. Dank der Betreuung kann er zuhause bleiben. T. nennt ihn «Päpu». Sie leben im selben Haus, sie gehen zusammen einkaufen. Es entsteht Nähe: T. ist Teil der Familie seines Klienten geworden. Sie nehmen ihn mit, machen ihm Geschenke. Trotzdem sagt T, dass er manchmal, ein wenig einsam sei. «Ich kenne nicht so viele Leute.»

Arbeitsbedingungen im Ungefähren

Wie viele Care Migranten es im Kanton gibt, ist nicht bekannt. Das Amt für Wirtschaft und Arbeit kontrolliert jährlich etwa 20 Fälle. Gemeldet wurden im vergangenen Jahr 119 Personen, die weniger als drei Monate hier bleiben und in Haushalten arbeiten. Das können aber auch Hauslehrer sein.

Andreul T. ist eigentlich eine Ausnahme. Er hat einen Vertrag mit Kündigungsfrist, er hat eine Aufenthaltsbewilligung und bleibt längere Zeit hier. Und er ist ein Mann. Die meisten Care Migranten sind Frauen. Osteuropäerinnen, die meist nur bis zu drei Monaten kommen, dann nach Hause reisen und etwas später wieder kommen. «Ich kenne aber auch Leute, die schwarz arbeiten», sagt er. Krankenkasse, AHV: Das hat er alles sauber organisiert. Er hat eine Pflegeausbildung. Auch das ist nicht immer der Fall. Viele Frauen aus Osteuropa werden auch von Agenturen vermittelt. Tausende dürften es schweizweit sein.

Arbeitsgesetz schützt die Care Migranten nicht

Wie lange arbeitet ein Care Migrant täglich? Ist es Arbeitszeit, Pikett oder Freizeit, wenn er im selben Haus wie sein Klient schläft und dort bei einem Notfall jederzeit geweckt werden kann? Das Arbeitsgesetz schützt die Care Migranten da kaum.

Handlungsbedarf sieht auch der Solothurner Regierungsrat. «Da das Arbeitsgesetz auf private Haushaltungen keine Anwendung findet, sind die Arbeits- und Ruhezeiten gesetzlich nicht umfassend geregelt», hält er in einer Antwort auf eine überparteiliche Interpellation fest, die kommende Woche im Kantonsrat diskutiert wird. «Es braucht insbesondere klare Regelungen der Arbeits- und Ruhezeiten», so die Regierung.

Der Bundesrat lässt derzeit Lösungsvorschläge erarbeiten, damit eine 24-Stunden-Betreuung durch eine Person nicht mehr toleriert wird. Die Möglichkeit, auf Pendelmigrantinnen zurückgreifen zu können, soll aber weiter bleiben», so die Regierung. (lfh)

Über ihre Arbeitsbedingungen ist wenig bekannt. Der Mindestlohn muss eingehalten werden. Weil das Arbeitsgesetz auf private Haushaltungen keine Anwendung findet, könne präzise Arbeitsaufzeichnungen nicht verlangt werden. Auch der Regierungsrat hat das Problem erkannt (vgl. Kasten rechts). Acuh T. sagt: Er ist quasi auch nach Dienstschluss noch auf Pikett. T. betont aber: «Ich bin kein Sklave», betont er. «Ich habe Rechte.» Bei seinem Arbeitgeber wird das akzeptiert.

T. redet und gestikuliert. Das Deutsch hat er sich selbst beigebracht. Er zeigt auf sein Smartphone. Zuhause, in einem abgeschiedenen Dorf in Rumänien, lässt sich der 31-Jährige gerade ein Haus bauen. Er verdient über 4000 Franken. Nach Abzug von Krankenkasse, Essen, Unterkunft bleiben ihm 2400 Franken brutto. Auf seinem Smartphone zeigt er Bilder von der Beerdigung seiner Grossmutter. Er ist stolz. Er konnte das Essen für 100 Leute bezahlen. Als Englischlehrer in seiner Heimat verdiente er 400 Euro im Monat.

Günstige Arbeitskräfte gefragt

Wer von einem Care Migrant betreut wird, spart vielleicht nicht nur Kosten des Altersheims. Er kann auch in seinem Zuhause bleiben. Er nimmt Familienmitgliedern ab, die keine Zeit haben.
Wie lange ein Einsatz dauert, weiss T. nie. Seine Klienten sind alt und pflegebedürftig. Das Ende ihres Lebens ist das Ende seines Jobs. Er hat drei Monate Kündigungsfrist. Seine Aufträge findet er mittels Mund-zu-Mundpropaganda. Oberaargau, Wasseramt. Seine Stationen ändern.

Eine Klientin war dement. Sie schrie und zerriss Kleider. «Ohne Geduld geht in diesem Beruf nichts», sagt er. Der Mann, den er zu unserem ersten Gespräch mitbrachte, ist verstorben. T. ist jetzt in einem anderen Haushalt in der Region tätig. Über seine eigene Zukunft denkt er oft nach. Er baut nebenbei noch eine Firma auf. T. vermittelt Landsleute für Arbeiten auf dem Bau, in der Pflege oder in der Landwirtschaft in der Schweiz und in Deutschland. Denn dass günstige Arbeitsmigranten künftig, gerade in der Pflege, gefragt sind, daran zweifelt er nicht.

Care-Migranten: Als Gesellschafter gut, aber nicht immer mit der nötigen Qualifikation

Sigrun Kuhn ist dem Phänomen Care-Migration vereinzelt schon begegnet. Oft, so hält die Präsidentin des Spitexverbandes Kanton Solothurn fest, würden Angehörige erst in einer Notsituation Hilfe holen. «Mit dem Einsetzen von Care-Migrantinnen meinen Angehörige, dass die angespannte Situation auf ‹einen Schlag› erledigt werden könne.» Doch das ist laut Kuhn meist nicht der Fall. Denn häufig fehle Care-Migranten die fachliche Kompetenz, «was zu Überforderung führt». Hinzu kommt die sprachliche Barriere. «Diese kann zu verheerenden Fehlern führen.»

Konkurrenz zur Spitex sieht Kuhn in den Care-Migranten nicht. Insbesondere auch, da die Spitex fachlich viel besser gerüstet sei.

Allerdings sieht Kuhn nicht nur negative Aspekte im Phänomen. «In einfachen und vorübergehenden Situationen können Care-Migranten für Angehörige entlastend wirken.» In diesen Fällen seien Care-Migrantinnen allerdings eher «Gesellschafterin» oder «Haushälterin». «Zudem können Care- Migranten einer drohenden Vereinsamung entgegenwirken, was ebenso positiv zu qualifizieren ist.» Wenn ein Heimeintritt vermieden oder hinausgeschoben werden könne, habe der Einsatz von Care- Migranten auch einen volkswirtschaftlichen Nutzen.

Kuhn warnt mit Blick auf die heikle arbeitsrechtliche Situation: «Angehörige sind sich nicht bewusst, dass sie der Care-Migrantin genügend Erholungsraum gewähren müssen. Somit wird nicht nur die Gesundheit der Care-Migranten aufs Spiel gesetzt, sondern auch arbeitsrechtliche Bestimmungen werden missachtet.» (lfh)