Wenn dieses Flugzeug reden könnte: Vor genau 70 Jahren stand es noch auf dem Flugplatz Arches in der Nähe von Épinal in Lothringen, unweit der deutsch-amerikanischen Front, bereit zum Flug nach Dole-Tavaux. Dorthin, zur 315. Fightersquadron der US-Luftstreitkräfte, wo es stationiert war, sollte es aber nie mehr gelangen, sondern in die Schweiz: An diesem 12. Oktober 1944 mussten der Pilot Roy Abbott und der Flugzeugmechaniker Robert Hubbard nämlich in der Schweiz notlanden. Die Besatzung war vom Kurs abgekommen, geriet über die Frontlinie, wurde von der deutschen Fliegerabwehr beschossen, flog bei Bure in die Schweiz ein, wurde auch von Schweizer Soldaten beschossen und machte dann beim Weiler Vacherie Dessous in der Gemeinde Haute-Ajoie eine Notlandung. Ein Flaktreffer hatte die Benzinleitung beschädigt.

Der Autor Kuno Gross aus Otelfingen arbeitete die Geschichte dieses Flugzeugs in einem Buch auf und beschreibt, dass der Pilot und sein Passagier in den Wald flüchteten, weil sie glaubten, hinter der deutschen Front zu sein. Sie versuchten wieder nach Frankreich zu gelangen, wurden aber von Schweizer Soldaten gefangen und am folgenden Morgen der Heerespolizei in Pruntrut übergeben. Man glaubte den beiden aber nicht, dass sie eine Flugzeugbesatzung sind, sondern man hielt sie für Kriegsgefangene, die aus einem deutschen Lager entwichen sind. So wurden sie dem Territorialkommando 4 in Olten übergeben, wo man sie am 14. Oktober nach Deutschland ausschaffen wollte (!). Der Nachrichtendienst der Schweizer Luftwaffe zog aber den richtigen Schluss aus dem aufgefundenen Flugzeug ohne Besatzung und der Besatzung ohne Flugzeug, worauf Abbott und Hubbard eingehend befragt wurden.

Der 21-jährige Roy Abbott aus Alabama war Jagdpilot auf P-47 Thunderbolt in der 315. Fightersquadron und war zum Flug mit dem Verbindungsflugzeug abkommandiert worden. Der 24-jährige Robert Hubbard aus Connecticut war Chef einer Mechanikergruppe in der gleichen Staffel. Der Offizierspilot sollte in Davos interniert werden, der Unteroffizier Hubbard in Adelboden. Zuvor kamen die beiden aber noch in ein Lager bei Genf, wo sie dann zur wenige Kilometer entfernten französischen Grenze flüchteten. Das Kriegstagebuch der 315. Staffel meldet am 28. Oktober 1944, dass die beiden wieder glücklich bei ihrer Einheit angekommen sind. Beiden überlebten in der Folge auch den Krieg.

Ihr Flugzeug mit der Seriennummer 42-99186 wurde bei der Schweizer Luftwaffe interniert, bekam die Registrierung A-96 und die Schweizer Neutralitätsbemalung. Nach dem Krieg wurde es den USA zurückgegeben und stand in Bern-Belp im Einsatz für den amerikanischen Botschafter. Später schleppte es mit der zivilen Registrierung HB-TRY Segelflugzeuge in Belp und in Thun, bevor es Ende 1968 eingemottet wurde. 1979 wurde das Wrack von der Familie Dubler erworben und seit 2006 fliegt das Flugzeug nach einer Restaurierung wieder in den Farben von 1944, wobei es den Mitgliedern des in Grenchen tätigen Antonov Verein Schweiz zur Verfügung steht

Hansruedi und Christoph Dubler vom Antonov Verein luden am Samstag zum 70. Jahrestag der Landung der Stinson zu einem kleinen Fest auf den Regionalflughafen Grenchen ein. Bei einem Flug wurde der Star des Tages von der blauen Antonov An-2 begleitet. Geplant war auch ein Überflug des Landeortes bei Pruntrut, die Wetterverhältnisse liessen aber einen Flug über den Jura nicht zu. Aber Gelegenheiten zum Fotografieren dieses geschichtsträchtigen Flugzeugs am Boden und in der Luft gab es dennoch zur Genüge.