Wikipedia ist das grösste Online-Lexion der Welt und gleichzeitig eine der meistbesuchten Internetseiten. Es ist deshalb von immensem Vorteil, wenn sich Personen und Firmen im Nachschlagewerk positiv dargestellt finden. Gleiches gilt für die Bundesverwaltung. Recherchen der «Nordwestschweiz» zeigen jetzt, wie sehr Bundesbeamten allein in den vergangenen fünf Jahren aktiv waren.

Wikipedia: So funktioniert das grösste Lexikon der Welt

Eine Auswertung zeigt: Das Gros der Anpassungen ist eher profan – und belegt, womit sich Bundesangestellte im Arbeitsalltag nebenbei noch beschäftigen. Sie nutzen die Offenheit von Wikipedia aber auch, um Einträge gezielt schönzufärben. Unliebsame Inhalte werden gelöscht, harmlose Informationen oder Werbetexte hinzugefügt. Die «Nordwestschweiz» stiess auf über 50 entsprechende Artikel.

Der verschwundene Pendenzenberg beim «Staatssekretariat für Migration»:

Immer mehr Asylgesuche, immer mehr Beschwerdeverfahren: Der Pendenzenberg im Bundesamt für Migration (heute Staatssekretariat für Migration) gibt oft zu Reden. Besonders im Sommer 2007. Damals stapelten sich zeitweise über 6400 offene Fälle beim Bundesverwaltungsgericht. Nur: Über die turbulente Situation im Jahr 2007 ist bei Wikipedia nichts mehr zu erfahren. (sva)

Aufschlussreich sind etwa Löschungen in Artikeln zur Schweizer Luftwaffe, zu den Nachrichtendiensten und zum Asylwesen. In die Artikel mehrerer Bundesämter wurden regelrechte Werbetexte eingefügt.

Allein im Jahr 2015 wurden 398 deutschsprachige Wikipedia-Artikel von Computern der Bundesverwaltung aus verändert. In den fünf Jahren zuvor werkelten Bundesangestellte an über 1500 Artikeln, seit dem Jahr 2003 waren es insgesamt über 5500.

Die Manipulationen blieben bei Wikipedia nicht unbemerkt: Sie führten dazu, dass Wikipedia mehrfach gegen die Bundesverwaltung vorging – und alle Staats-Computer sperrte.

Mehr noch: Der IP-Adressblock der Bundesverwaltung wurde in den vergangenen beiden Jahren gleich mehrfach gesperrt, wie Wikipedia bestätigt. Wikipedia-Administratoren entschieden sich nach einer Serie anonymer und unpassender Artikeländerungen dazu. Bei den Benutzern aus der Bundesverwaltung sei «kein Wille zur enzyklopädischen Mitarbeit erkennbar», lautete die Begründung dafür einmal.

Die Folge: Beamte konnten bei Wikipedia während mehreren Wochen keine Änderungen mehr vornehmen – zumindest nicht an ihrem Arbeitsplatz. Auf Anfrage bestätigt das Bundesamt für Informatik und Telekommunikation, dass ihm die Sperrungen bekannt seien.

Von der «Nordwestschweiz» mit den Recherchen konfrontiert, antwortet die Bundeskanzlei nur summarisch. Es gebe «keine zentralen Richtlinien oder Prozesse für die Bundesverwaltung», um Wikipedia-Artikel zu bearbeiten. Allenfalls sei es möglich, dass Bundesämter vereinzelt solche kennen. Von gesteuerten Aktionen will sie nichts wissen.

Die manipulierte «Schweizer Luftwaffe»

Besonders anfällig für Manipulationen scheinen Artikel über die Schweizer Luftwaffe. Der Hauptartikel zum Thema wurde von Benutzern aus der Bundesverwaltung abgeändert und aufpoliert – stets im Interesse der Behörden. Mittlerweile zählt der Text über 40 Änderungen. Ein Teil der Änderungen wurde von Administratoren jedoch entdeckt und rückgängig gemacht. So versuchten Autoren im November 2012, den gescheiterten Kauf von Transportflugzeugen als ideologisches Werk der Grünen und der SVP darzustellen. (sva)

Umschreiben, löschen, manipulieren – das interessengesteuerte Abändern von Wikipediaartikeln ist nicht auf die leichte Schulter zu nehmen. Wissenschaftler sprechen von einem «gravierenden Problem für die Gesellschaft», wenn ein bedeutender Wissensspeicher wie Wikipedia von Interessen unterwandert werde.

Für den Kommunikationsforscher Christoph Neuberger sind Manipulationen bei Wikipedia alles andere als Bagatellen. Der Münchner Professor sprach 2014 von einem «gravierenden Problem für die Gesellschaft», wenn ein bedeutender Wissensspeicher von politischen und wirtschaftlichen Interessen unterwandert werde.

Derweil wird es für Wikipedia-Administratoren zunehmend schwierig, manipulierte Einträge aufzudecken. Immer weniger unabhängige Freiwillige stehen immer mehr professionellen Schreibern gegenüber. Manche von ihnen arbeiten sogar mit gefälschten Benutzerkonten an einem Artikel. Bisweilen steckt ein Benutzer hinter mehreren anonymen Konten. PR-Agenturen haben bei Wikipedia längst ein Geschäft gewittert. Gegen Bezahlung verhindern sie, dass Kritik an ihren Kunden auftaucht.

Die Schwierigkeit von Kontrollen

Wie viele Einträge insgesamt schöngefärbt werden, weiss niemand. Schätzungen dazu gibt es keine. Die Wikipedia-Community ist sich jedoch einig: Verstärkte Kontrollen wären kaum zielführend. Das Onlinelexikon lebt davon, offen für alle zu sein. Der Schweizer Förderverein Wikimedia setzt lieber auf Aufklärung.

Es empfehle sich, Artikel kritisch zu lesen. «Jeder Nutzer soll Wikipedia-Inhalte und ihre Entstehung bestmöglich beurteilen können», sagt Wikimedia-Präsident Patrick Kenel. Die sogenannten Versionsgeschichten eines Artikels helfen dabei, den Schreibprozess nachzuvollziehen.

Studie besagt: Verdeckte PR ist bei Wikipedia allgegenwärtig

Manipulationen und verdeckte PR sind in der Wikipedia allgegenwärtig. Zu diesem Schluss kommt eine Studie der deutschen Otto-Brenner-Stiftung aus dem Jahr 2014. Gleichzeitig wachse der Einfluss von Wikipedia auf die Meinungsbildung der Öffentlichkeit stetig. Wie die Studienautoren berichten, hat sich im deutschsprachigen Raum ein Markt für PR-Dienstleistungen in Sachen Wikipedia gebildet. Wikipedia steht demnach häufiger auf dem Radar von Unternehmen oder Behörden. Regelmässig werden kritische Aussagen gelöscht. Manchmal steckt hinter mehreren anonymen Benutzerkonten nur ein einziger PR-Profi, der Artikel so viel leichter in seinem Interesse verändern kann. (sva)

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