Martin Naville, werden Sie derzeit von vielen Firmen überrannt wegen der neuen Einreise-Dekrete der US-Regierung?

Martin Naville: Es herrscht viel Aufregung und es wird viel geschrieben und gesendet. Natürlich gibt das hie und da die eine Anfrage von einer Firma. Doch für die meisten Firmen ist das neuste Dekret kein Problem.

Wieso?

Grundsätzlich muss man sagen, dass es sicher nicht viele Schweizer Firmen gibt, die international tätig sind und Mitarbeiter aus den betroffenen Ländern anstellen, und erst recht nicht gerade jetzt in die USA schicken müssen. Also ist die Betroffenheit nicht so hoch. Ausserdem gehe ich davon aus, dass es weitere Ausnahmen vom Einreiseverbot geben wird. Schon jetzt sind die Personen ausgenommen, die eine Greencard haben. Ich kann mir vorstellen, dass es auch Ausnahmen für Forscher geben wird, die an Kongresse reisen. Kurzfristig gibt es vielleicht Probleme. Aber es sind für die Firmen keine, die sie nicht lösen können. Es gibt die Möglichkeit, Telefonkonferenzen zu schalten. Ein Problem hatte man auch schon, als der Vulkan in Island während dreier Wochen den Flugverkehr lahmgelegt hatte. Es ist also noch nicht das Ende der Welt.

Sie tönen jetzt sehr gelassen. Besteht nicht die Gefahr eines Apeasements? Dass man zu lange abwartet und denkt: «Das kommt dann schon gut mit dem Trump.»

Nein. Natürlich finden es die meisten Firmenchefs, mit denen ich gesprochen habe, einen Mist, was jetzt passiert. Doch sie sind es im Geschäftsleben gewohnt, mit Unwägbarkeiten umzugehen. Man muss nicht so tun, als ob man komplett überrascht ist. Donald Trump tut das, was er im Wahlkampf angekündigt hat. Und er geht das an wie ein geschickter Verhandlungsführer: Er stellt Maximalforderungen und krebst dann Schritt für Schritt zurück auf ein erträgliches Mass. Seinen Wählern kann er sagen, dass er es nicht gewesen ist, der zurückgekrebst sei, sondern die anderen. Er wird seine Versprechen eingehalten haben.

Wie halten Sie als Schweizerisch-Amerikanische Handelskammer Kontakt mit der Trump-Administration?

Gegenfrage: Welche Administration? Nein, ehrlich, im Moment sind nur wenige Mitarbeiter wirklich angestellt. Diejenigen aus der Regierung Obama, mit denen wir zu tun hatten, haben gekündigt. Es wird also noch eine Weile dauern, bis auch die unteren Chargen, die sich mit der Schweiz beschäftigen, vollständig besetzt sind.

Was für eine Gefahr geht von Trump für die Schweizer Wirtschaft aus? Wenn man die Drohungen anschaut, die Trump gegenüber den deutschen Autobauern ausgestossen hat, wird einem angst und bange. Gestern sind die Aktien von Novartis nur schon getaucht, als sich CEO Joe Jimenez mit Trump getroffen hat.

Vieles wissen wir schlicht und einfach noch nicht. Nehmen Sie das Beispiel Obamacare. Wir wissen nicht, was die Regierung Trump und die republikanische Mehrheit im Parlament wirklich im Schilde führen. Wie das neue Gesetz aussieht. Wir sehen, dass sich die Aktienkurse der Pharmaunternehmen nach der Einsetzung Trumps positiv entwickelt haben. Dies in der Hoffnung, dass es nicht zu einer Preisregulierung kommt, wie sie Hillary Clinton angekündigt hätte. Doch ich bin davon überzeugt, dass es auch unter Trump zu einer Regelung kommen wird, früher oder später. Viel mehr Sorgen habe ich wegen eines konkreten Gesetzesprojekts, das die Republikaner vorhaben.

Um was geht es da?

Es ist zunächst ein neues Steuersystem. Doch es hat eine enorme Sprengkraft, denn Importe sollten massiv höher besteuert werden. Man spricht von Importzöllen, die die Produkte um 20 Prozent verteuern könnte. Experten rechnen, dass von dieser neuen Steuer ein neuer Handelskrieg ausgehen könnte. Und das hätte dann schon Auswirkungen auf Exportunternehmen aus der Schweiz. Gestritten wird darüber, ob diese Steuer wirklich mit den Regeln der Welthandelsorganisation WTO kompatibel sein wird.

Was kann die Schweizer Politik hier tun?

Für die Schweizer Politik ist es wichtig, den «Wirbelsturm» überlegt und mit Distanz zu beurteilen. Es wäre sehr kontraproduktiv, wenn die offizielle Schweiz oder einzelne Politiker jede Irrung und Wirrung gleich mit Meinungen und Pressezitaten beehren. Trump, das Kabinett, die Administration und der US-Kongress müssen sich zuerst finden und konkrete Lösungen erarbeiten. Für Reaktionen ist dann noch genug Zeit.