Nach der Hinrichtung von 47 Personen hat das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten gestern den saudischen Geschäftsträger – den Vertreter des Botschafters – zitiert. «Die Massenhinrichtungen drohen die konfessionellen Spannungen wieder zu beleben, die in dieser Weltregion bereits viel zu viele Opfer gefordert haben», schrieb das EDA in einer Mitteilung.

Für Elham Manea reichen Worte angesichts der von Saudi-Arabien jüngst geschürten Eskalation aber nicht mehr. «Die Zeit ist reif, ein klares Signal an die Machthaber in Riad zu senden», sagt die in Ägypten geborene Professorin der Uni Zürich, die sowohl die Schweizer als auch die jemenitische Staatsangehörigkeit besitzt. «Wir müssen im Verbund mit anderen westlichen Staaten den Handel mit Saudi-Arabien einschränken.»

Dazu dürfte es aber kaum kommen: zu wichtig ist Saudi-Arabien als Handelspartner. Die mit Abstand grösste Volkswirtschaft der arabischen Welt ist hinter den Vereinigten Arabischen Emiraten der zweitwichtigste Exportmarkt der Schweiz im Mittleren Osten. 2014 exportierte die Schweiz Waren im Wert von 4,6  Mrd. Franken ins Königreich. Nur zehn Länder verkauften mehr Güter nach Riad als die Schweiz. Etwa die Hälfte des Handelsvolumens macht der Goldhandel aus. Für Kriegsmaterialexporte hingegen erteilt das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) seit März 2009 keine Bewilligungen mehr.

Allerdings bleibt die Ausfuhr von Munition und Ersatzteilen für früher erfolgte Lieferungen trotz seit März 2015 andauernder saudischer Kriegsoffensive im Jemen zulässig. «Die Schweizer Industrie muss Verträge einhalten, weil sonst Entschädigungsforderungen gestellt werden», sagt Seco-Sprecher Fabian Maienfisch. «Zudem würde sich die Schweiz andernfalls als zuverlässiger Partner aus dem Markt verabschieden, was zu erheblichen Reputationsschäden für die gesamte Industrie und das Land führte.»

Wie lasch der Bund das Verbot für Kriegsmaterialexporte auslegt, zeigte sich vor zwei Monaten, als ein Transportflugzeug der saudischen Armee in der Schweiz Fliegerabwehrmunition abholte: In der Exportstatistik taucht diese Lieferung nicht einmal auf, wie Maienfisch bestätigt. Es habe sich um Munition gehandelt, die in der Schweiz repariert worden sei, sagt er. «Im Rahmen der Herstellergarantie.»

Sollte die gegenwärtige Eskalationsspirale in neue Kriege münden, können Szenen wie von 2011 nicht ausgeschlossen werden: Als die saudische Armee in Bahrain einmarschierte, um das verbündete Regime gegen die Oppositionsbewegung zu unterstützen, tat sie dies auch mit aus der Schweiz importierten Piranha-Schützenpanzern, die sie Jahre zuvor bei der Firma Mowag in Kreuzlingen bestellt hatte.

Seit Jahrzehnten versuchen die Saudis ihre Staatsreligion, die erzkonservative wahhabitische Auslegung des Korans, zu verbreiten. «Die Organisation ‹Muslim World League› mit ihrem milliardenschweren Budget ist auch in der Schweiz sehr aktiv», sagt Islam-Kennerin Elham Manea. Tatsächlich: Eine der ersten Moscheen, die in Europa mit Geldern aus Riad gebaut wurden, ist die 1978 von der Muslim World League errichtete Mosquée du Petit-Saconnex in Genf. Schon damals hatte die offizielle Schweiz wenig Berührungsängste: Die Moschee wurde vom saudi-arabischen König Chalid ibn Abd al-Aziz und vom Schweizer Bundespräsidenten Willi Ritschard eingeweiht.