Angelo Zambelli

Wenn der Besuch von Toni Brunner angekündigt wird, ist es für eine Zeitung eine willkommene Gelegenheit, sich an die Fersen eines Mannes zu heften, der Parallelen zum SVP-Präsidenten aufweist. Die Bedingungen: Er muss wie Brunner jung und Landwirt sein und sich aktiv als Politiker betätigen. Hansjörg Erne aus dem Weiler Hagenfirst (Gemeinde Leuggern) entspricht diesem Bild. Er ist Landwirt mit Leib und Seele, wird am nächsten Donnerstag 30-jährig und ist Vizepräsident der SVP des Bezirks Zurzach. Das Protokoll einer Begegnung zweier Männer, die das Heu beruflich und politisch auf der gleichen Bühne haben:

Donnerstag, 14. Januar 2010, 16.54 Uhr: Hansjörg Erne ist soeben mit der Fütterung der Schweine fertig geworden, nun müssen die 16 Rinder versorgt werden. Während er mit der Gabel das Heu auseinanderzupft, erzählt Erne, dass seine Familie 2007 die Milchwirtschaft aus Rentabilitätsgründen aufgeben musste und sich seither auf die Schweine- und Rindermast konzentriert. Und er sagt, was er von Toni Brunner erwartet: Antworten auf Fragen rund um die Landwirtschaft, insbesondere, welche Massnahmen seine Partei ergreifen wird, um ein Agrar-Freihandelsabkommen mit der EU zu verhindern. «Wenn die Milch für die Verarbeiter ennet der Grenze günstiger zu haben ist als hierzulande, wird sie auch ennet der Grenze eingekauft», sagt Hansjörg Erne und streut den Rindern sozusagen als Dessert Maiskörner aufs Heu. Eine weitere Folge eines allfälligen Freihandelsabkommens könnte sein, argumentiert Erne, dass der Rohstoff Milch auch gleich im Ausland verarbeitet wird und damit nebst den einheimischen Bauern auch die Schweizer Milchverarbeiter und die damit zusammenhängenden Arbeitsplätze in ihrer Existenz gefährdet wären. Nach diesem kurzen Ausflug in die Politik muss der Stall ausgemistet werden – danach ist Feierabend. Zeit für den jungen Landwirt, sich für den Bezirksparteitag im Gemeindesaal Leibstadt bereit zu machen.

 

18.21 Uhr: Hansjörg Erne trifft als erstes Vorstandmitglied auf dem Parkplatz des Gemeindesaales ein. In Anbetracht des besonderen Ereignisses hat er eine Krawatte umgebunden, «etwas, das ich sonst nur sehr selten tue», grinst Erne. Er sei zuständig für die Begrüssung, sagt er beiläufig und macht schon mal die Kasse bereit. Danach folgt eine kurze Besprechung mit den inzwischen auch eingetroffenen Vorstandsmitgliedern der Bezirkspartei. Alles ist bereit. Toni Brunner kann kommen.

19.10 Uhr: Der Saal ist 20 Minuten vor Beginn der Veranstaltung gerammelt voll. Plötzlich brandet Applaus durch den Raum: Toni Brunner steht in der Tür und strahlt übers ganze Gesicht. Danach folgt die Ochsentour, die jeder Promi durchstehen muss, wenn er sich unters gemeine Volk mischt. Alle wollen «dem Toni» die Hand schütteln, ihm zu seiner politischen Arbeit gratulieren und ein paar Worte wechseln. Der SVP-Nationalrat lässt alles gelassen über sich ergehen. Er scheint den Rummel um seine Person gar zu geniessen. Nach einer kurzen Begrüssung durch Bezirksparteipräsident Werner Laube und Regierungsrat Alex Hürzeler ist Hansjörg Erne an der Reihe, sich dem prominenten Gast vorzustellen. Es ist die erste Begegnung der beiden Männer, die nicht nur die Politik und die Landwirtschaft miteinander verbindet, sondern auch das fröhliche Naturell und die leicht stachelige Frisur. Brunner und Erne haben keine Kontaktängste und kommen nach einem kurzen Handshake sofort ins Gespräch. Thema ist, wie könnte es unter Bauern auch anders sein – die Landwirtschaft.

19.35 Uhr: Bezirksparteipräsident Werner Laube tritt ans Rednerpult und skizziert die Schweizer Politik aus seiner Sicht. Er stellt Fragen wie: «Ist in der Schweiz tatsächlich noch das Volk die oberste Instanz oder sind es die Bürokraten?», «Darf es so weit kommen, dass die Schweizer Sozialwerke zum Endlager für ausländische Arbeitskräfte werden?» und «Ist es richtig, dass die Bankenchefs Millionenboni garnieren und die Steuerzahler das Risiko tragen?»

20.02 Uhr: Toni Brunner betritt die Bühne und legt gleich voll los. Themen seiner Ansprache an die Zurzibieter SVP-Familie sind die Vorzüge des Toggenburgers, sein politischer Werdegang («Dass ich nach Bern gegangen bin, war so etwas wie ein Unfall, weil sie im Kanton St. Gallen niemand anderen hatten und mich als 21-Jährigen ins Parlament schickten»), die Herausgabe der Kundendaten durch die Finma («Das ist ein trübes Kapitel in der Geschichte der Eidgenossenschaft»), die zunehmende Staatsverschuldung und – natürlich – der drohende EU-Beitritt («Gewisse Parteien räumen munter Steine aus dem Weg, um den Beitritt zu erreichen»). Und dann kommt der SVP-Präsident auf das Thema zu sprechen, das seinen Zurzibieter Tischnachbar und Berufskollegen am meisten interessiert: die Zukunft der Schweizer Landwirtschaft. Für Bundespräsidentin Doris Leuthard müssten nicht nur die Interessen der Konsumenten ein Thema sein, sondern auch die Interessen der Bauern, sagt Brunner. Zum Leidwesen von Hansjörg Erne, der mit gespitzten Ohren zugehört hat, springt Brunner sofort zu den nächsten Themen: die Zuwanderung («Wir haben sämtliche Instrumente aus der Hand gegeben, mit denen die Zuwanderung hätte gesteuert werden können») sowie die unhaltbaren Zustände an den Schweizer Schulen als Folge der Personenfreizügigkeit. «Die grösste Pandemie ist nicht die Schweinegrippe», frotzelt Toni Brunner, «sondern, dass die Mehrheit der Schweizer Bevölkerung nicht mehr den Mut hat, zu ihrer Meinung zu stehen.» Am Endes seines Referats beweist Brunner, dass er über eine gesunde Portion Humor verfügt: «Danke, dass ihr hierher- gekommen seid», sagt er. «Es hätte für euch weiss Gott Gescheiteres zu tun gegeben, als Toni Brunner zuzuhören.»

20.28 Uhr: Hansjörg Erne hat am meisten imponiert, dass Toni Brunner seine Rede frei von der Leber und ohne Manuskript gehalten hat. Es sei spannend gewesen, Dinge aus Bern zu hören, die man sonst nicht zu hören bekomme. In der Frage des Freihandelsabkommens sei er zwar nicht wie gewünscht ins
Detail gegangen. «Doch die allgemeine Stossrichtung des Parteipräsidenten stimmt», sagt Hansjörg Erne anerkennend, bevor er sich mit Toni Brunner zu Tisch setzt und beim Essen nochmals ausführlich bespricht, wie die Zukunft der Schweizer Bauern aussehen könnte respektive müsste.