Herr Bauhofer*, ist es richtig, dass Geri Müller an die Öffentlichkeit gegangen ist?
Absolut, das ist der einzige Weg, um eine solche Affäre politisch überleben zu können. Man muss sich in so einem Fall zwingend der Sache stellen, auch wenn es beschämend ist. Und zwar so schnell als möglich.

Wie wirkte der Auftritt auf Sie?
Sich demütig zu geben, ist sympathisch und entwaffnend. Ich halte es durchaus für möglich, dass er kurzfristig seine Karriere retten kann. Langfristig ist es düsterer: Wenn die Reputation mal so beschädigt ist, ist es äusserst schwierig, die Wähler nochmals von sich überzeugen zu können. Die Durchsetzungskraft leidet ganz beträchtlich. Zudem werden die politischen Gegner künftig jede Gelegenheit nutzen, um an die Vorkommnisse zu erinnern.

Haben Politiker kein Recht auf Privatsphäre?
In der Theorie ja, in der Praxis sieht es anders aus. Als PEP – so nennen wir die publicly exposed person in der Fachsprache – muss man immer damit rechnen, dass heikle Informationen gestreut und publiziert werden. Die sozialen Medien haben uns dabei in eine neue Dimension katapultiert. Beim Empfänger einer Botschaft können durch die verkürzte Form schnell Missverständnisse entstehen, da muss man höllisch aufpassen.

Geri Müller ist ein intelligenter Mensch. Wie konnte er so naiv sein?
Ich kenne ihn nicht persönlich und möchte nicht über ihn urteilen. Als Politiker sind die Grenzen zwischen Privat- und Berufsleben fliessender als bei anderen Personen: Man ist rund um die Uhr engagiert, viel unterwegs. Da passiert es schneller, dass man mal an einem eigentlichen Arbeitsort eine Dummheit begeht. Entschuldigen soll es dies aber nicht.

Wie würden Sie ihn coachen?
Zuerst muss sichergestellt werden, dass das nicht mehr passiert, beim zweiten Mal ist man definitiv erledigt. Dann gilt es, durch berechenbares Handeln im Alltag das Vertrauen wieder aufzubauen – gegenüber den Mitarbeitern wie der Öffentlichkeit. Wenn ich Herr Müller wäre, würde ich mir aber auch alternative Berufsoptionen für die Zukunft überlegen, sonst ist der Fall im Fall einer Nichtwiederwahl erst recht tief.

Ist es eine reine «Affäre Müller» oder leidet auch das Ansehen der Grünen und der Stadt Baden?
Unweigerlich, besonders im Fall der Partei. Sie muss nun geradlinig sein. Wenn sie den Entscheid fällt, hinter ihm zu stehen, muss sie das geschlossen durchziehen – sofern keine neuen belastenden Fakten auftauchen.

Kann man Ansehen eigentlich messen?
In der Privatwirtschaft funktioniert dies ganz gut. Da gibt es Reputationsindizes für Unternehmen, zum Beispiel nach wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Kriterien. Dafür werden die Stakeholder befragt. In der Politik ist das schwieriger.

Kann Müller vielleicht gar gestärkt aus der Affäre herausgehen?
Das halte ich für ausgeschlossen. Es geht jetzt in erster Linie ums politische Überleben. Auch für höhere Weihen innerhalb der Partei wird Müller nicht mehr in Frage kommen.

Gilt der Spruch «Ist der Ruf erst ruiniert, lebt sich's gänzlich ungeniert» denn nicht?
Das halte ich für kompletten Humbug. Die persönliche Reputation ist Eintrittsticket zu jeglicher Opportunität in Wirtschaft und Politik. Ein schlechter Ruf ist im übertragenen Sinn das Todesurteil. Ich halte es da eher mit Goethe: «Die Geister, die ich rief, werde ich nun nicht mehr los.»

* Bernhard Bauhofer berät Unternehmen in Fragen der Reputation. Er hat mehrere Bücher zum Thema verfasst. Das neuste heisst «Die zehn Gebote der Reputation».

Umfrage

Ist das Vertrauen in Geri Müller noch gross genug, damit er sein Amt ausüben kann?

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Ja

69.8%

Nein