Vor Abstimmungen stiften Parteien und Verbände Sympathisanten an, Leserbriefe zu verfassen, um diese dann in Zeitungen zu platzieren. Die Kampagnen-Führer wissen, dass diese gerne gelesen werden. Sie haben darum ein System entwickelt, wie sie die Leserbriefspalten für ihre eigenen Zwecke nutzen können: Sie schreiben Musterartikel, die als Vorlage dienen. Sympathisanten können dann den Inhalt einfach kopieren und den Namen darunter setzen. Kein Leserbrief erscheint ohne namentliche Zeichnung.

Am Freitagabend landete trotzdem eine E-Mail mit zwölf ungezeichneten Leserbriefen im Redaktionsordner. Offensichtlich hat der Absender den falschen Empfänger erwischt. Denn der Verfasser fordert die Angeschriebenen («undisclosed-recipients») auf, die angehängten Leserbriefe gegen die Revision des Raumplanungsgesetzes (RPG) an Zeitungen zu schicken. Gerade in den letzten Tagen und Wochen vor der Abstimmung hätten Leserbriefe eine grosse Bedeutung und könnten noch viele Stimmbürger überzeugen, schreibt der Verfasser. Letztlich handle es sich um Gratisargumente im redaktionellen Teil einer Zeitung.

Gezeichnet ist die E-Mail vom «Komitee gegen die missratene RPG-Revision». Die Logos des Schweizerischen Gewerbeverbandes (SGV) und der Dachorganisation der Schweizer KMU zieren das mitgeschickte Papier «Tipps zum Verfassen von Leserbriefen».

Redaktionen austricksen

SGV-Direktor Hans-Ulrich Bigler sagt, die E-Mail sei nicht in Absprache mit dem SGV versandt worden. Er kenne den Absender nicht. Abgesehen davon, sei es gängige Praxis, dass Abstimmungskomitees Musterartikel bereitstellen, um den Leserbriefschreibern bei der Argumentation zu helfen. «Das machen alle so», sagt Bigler. Der Absender des Pannen-Mails, ein ehemaliger Journalist, sagte gestern auf Anfrage der «Nordwestschweiz», der Versand sei ein Missgeschick gewesen.

Dass der Inhalt dieser E-Mail offensichtlich nicht für die Augen einer Redaktion bestimmt ist, erschliesst sich aus den Instruktionen, die dem Leserbriefschreiber gegeben werden. So seien die Musterbriefe nie unangepasst an eine Redaktion zu senden, die Sätze umzuformulieren und schliesslich eine persönliche Note mit lokalpolitischen Aspekten oder eigenen Argumenten einzubringen. «Wenn der gleiche Leserbrief in unveränderter Form mehrfach verschickt wird, fällt dies den Redaktionen rasch auf. Die Chance auf einen Abdruck verringert sich stark», warnt der Verfasser.

Dass die Wahrscheinlichkeit einer Veröffentlichung in der Zeitung sinkt, wenn sich die Leserbriefe inhaltlich nicht unterscheiden, weiss auch Bigler. Die Musterbriefe dienten nur zur Anregung und würden eigentlich an ein ausgewähltes Publikum verschickt, sagt er. Zeitungen gehören freilich nicht dazu.

Musterbriefe gespickt mit Fehlern

Die zwölf Muster-Leserbriefe sind alle relativ kurz gehalten und zielen auf einen einzelnen Aspekt des RPG. Die Argumente decken sich mit jenen der Kampagne. Inhaltlich ist die Argumentation zum Teil komplex oder an Insider gewandt – beispielsweise das Argument, beim RPG handle es sich um einen Verfassungsbruch oder die Zahlen seien von Bundesbeamten manipuliert. Wer sich entscheidet, einen Musterbrief zu übernehmen, ist jedoch gut beraten, die Vorlagen nochmals zu überarbeiten– sie sind gespickt mit Flüchtigkeitsfehlern.