Nur die Neuenburger sagten 1992 noch deutlicher Ja zum EWR-Beitritt als die Waadtländer. In der Waadt stimmten 78,3 Prozent für den Beitritt der Schweiz zum Europäischen Wirtschaftsraum. Die Rede war vom Röstigraben, der tief zwischen der französisch- und der deutschsprachigen Schweiz klaffte. Kein einziger Westschweizer Kanton lehnte den Beitritt ab, unter den Deutschschweizer Kantonen fanden sich nur gerade Mehrheiten in den Basler Halbkantonen.

Auffallend: Nicht alle SVP-Kantonssektionen wehrten sich 1992 gegen den EWR-Beitritt. Neben der Berner und Jurassier beschloss auch die Waadtländer Sektion die Ja-Parole. Damals noch mit der Bezeichnung PAI für «Parti des artisans et indépendants», dem Pendant der Deutschschweizer Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei (BGB), war die Partei vor allem Wasserträgerin für den in der Waadt übermächtigen Freisinn.

Das Nein zum EWR war in der Westschweiz und insbesondere in der Waadt ein Schock. Von bornierten Deutschschweizern war die Rede. Umgekehrt bewunderten EU-Befürworter ennet des Röstigrabens die Weltoffenheit des Welschlands, das doch eigentlich viel ländlicher geprägt ist als etwa das Mittelland zwischen Bern und Romanshorn.

Eine kleine «Tour de Romandie»

Wie hat sich die Einstellung während der vergangenen zwanzig Jahre verändert? Wie denken SVP-Politiker aus der Waadt heute? Das wollten wir herausfinden, als wir ins Waadtland fuhren und dort einen ehemaligen wie einen aktuellen SVP-Bundesparlamentarier besuchten und bei einem Abstecher nach Murten die «Maman» des SVP-Erfolgs in der französischsprachigen Schweiz trafen.

Ein europaskeptischer Winzer

Der Hof der Bugnons liegt bei Saint-Prex, zwischen Rebbergen und Feldern über dem Genfersee. Der Öffentlichkeit bleibt der SVP-Nationalrat und Winzer André Bugnon vor allem als Nationalratspräsident von 2008 in Erinnerung. Der Mann ist kein SVP-Polterer, sondern gibt sich staatsmännisch. In die Politik stieg er ein, lange bevor sich auch in der Westschweiz der Stil der Zürcher SVP durchsetzte.

Vor zwanzig Jahren stimmte Bugnon dem EWR-Beitritt noch zu. Diese Frage beurteilt er heute aber anders. Er habe in all den Jahren im Nationalrat viel dazugelernt, sagt Bugnon, als er Kaffee einschenkt. Er geht Punkt für Punkt des EWR-Vertrags durch, stimmt einem um den anderen zu: «Freien Verkehr für Güter, Dienstleistungen, Kapital und Personen haben wir ja jetzt sowieso und das ist auch gut so. Aber der Vorrang des EU-Rechts gegenüber dem nationalen Recht – das würde ich heute nicht mehr akzeptieren.»

André Bugnon, ein lernfähiger Politiker, der im politischen Prozess seine Meinung geändert hat? Hat ihn nicht viel mehr die in den vergangenen zwanzig Jahren erstarkte SVP zum Umdenken bewegt? Nein, versichert Bugnon. Er habe immer frei politisiert, weiche insbesondere bei regionalspezifischen Themen von der Parteilinie der SVP Schweiz ab. Niemand habe ihm gegenüber Druck ausgeübt.

André Bugnon hat einen Wandel durchgemacht, den viele Suisse Romands gemacht haben dürften, die von Europa-Befürwortern zu Europa-Gegnern wurden. Das hat auch mit dem Siegeszug der SVP in der Westschweiz zu tun, der nach dem EWR-Entscheid eingetreten ist. Doch mehr dazu später, wenn wir eine von Saint-Prex abgewanderte, moderne «Gilberte de Courgenay» im freiburgischen Murten treffen.

Ein europafreundlicher Bauer

Wir verlassen also Bugnons Hof und damit das schöne Wetter am Léman und fahren ins verschneite Waadtländer Mittelland; zu einem Politiker, der stark mit den bäuerlichen und gewerblichen Ursprüngen der Waadtländer SVP verwurzelt ist, heute aber nicht mehr politisiert: Jean-Pierre Berger ist ein wahrer EU-Turbo, obwohl er für die SVP in Nationalrat und Europaparlament sass.

Berger ist 84, aber noch gut im Schuss. «Die Schweiz hat 1992 einen Fehler gemacht. Das zeigt sich insbesondere in unseren Problemen auf dem bilateralen Weg», sagt er. Heute, so der Bauer, der den Hof seinem Sohn übergeben hat, würden die Leute sich um die Unabhängigkeit sorgen. «Aber für mich bedeutet Unabhängigkeit, dass wir fähig sein müssen, mit anderen zu verhandeln.» Das werde zunehmend schwieriger, man denke nur an das Steuerabkommen mit Deutschland.

Der 6. Dezember 1992 war für den Pro-Europäer ein Schock: «Ein Nein hatte ich damals nicht erwartet.» Berger ist bis heute überzeugt, wäre der damalige Wirtschaftsminister und Grandseigneur des Waadtländer Freisinns, Pascal Delamuraz, ein Deutschschweizer gewesen, die Schweiz wäre heute EWR-Mitglied. Nun ist Berger pessimistisch: «Der Zug für einen EWR- oder EU-Beitritt scheint langsam, aber sicher abgefahren.» Und dann heitert doch noch die Sonne das tief verhangenen Broyetal auf. An der gegenüberliegenden Talseite glänzt der Berner Bär an der Fassade des Schlosses Lucens, der an das ehemalige Berner Untertanengebiet erinnert. Das nächste Ziel heisst aber nicht Bern, sondern Murten, das ganz in der Nähe liegt. Dort politisiert die Frau, die den Vornamen Gilberte trägt.

Eine stramme Parteisoldatin

Gilberte Demont ist Geschäftsführerin einer Immobilienagentur in Murten. Die 52-Jährige hat den Charme, der den SVP-Präsidenten Ueli Maurer überzeugte, als er um die Jahrtausendwende zur Eroberung des Welschlands ansetzte und sie zur Westschweiz-Koordinatorin machte.«Doudou» Demont, wie man sie auch nennt, stimmte schon 1992 stramm auf Zürcher Kurs und sagte bei der EWR-Abstimmung Nein. «Ich stellte mir die Frage, was es uns bringt, wenn wir dem EWR beitreten. Einem solchen Wirtschaftsraum konnte ich nicht trauen. Der EWR ist das Vorzimmer zur EU.» Damals gehörte Gilberte Demont in der Westschweiz zur Minderheit. Sie ist überzeugt, dass sie heute zur Mehrheit gehören würde.

Mit dem Sprung über die Sprachgrenze in Murten kehren wir der Westschweiz den Rücken zu, wo vieles so anders ist und zwanzig Jahre nach dem EWR-Nein doch manches so gleich: darunter etwa das Unbehagen gegenüber Europa.