Herr Parmelin, Sie gelten als Geheimfavorit für die Bundesratswahlen vom 9. Dezember.

Guy Parmelin: Ach wissen Sie: Vor zwei Wochen hiess es, ich sei ein Alibi-Kandidat. Nun sagen viele, ich sei der Favorit. Das darf man zum jetzigen Zeitpunkt nicht überbewerten.

Sie sind in der Deutschschweiz weitgehend unbekannt. Erzählen Sie uns etwas über sich: Was machen Sie gerne?

Ich liebe klassische Musik. Beethoven und Mozart sind meine Lieblingskomponisten. Meine Frau und ich haben die Saisonkarte vom Orchestre de Chambre de Lausanne. Die Konzerte dort lassen wir uns nicht entgehen. Zudem lese ich sehr gerne. Polizeiromane und Biografien von berühmten Persönlichkeiten.

Zum Beispiel?

Die Biografie des ehemaligen US-Präsidenten Abraham Lincoln. In den USA gilt er als herausragender Präsident. Ich wollte wissen, wie er es geschafft hat, dieses Image aufzubauen. Wie er die USA modernisiert hat, wie er das vom Bürgerkrieg zerrüttete Land wieder geeint hat. Zudem mag ich Comics.

Guy Parmelin: «Die schwierigste Frage war eine auf Englisch»

SVP-Bundesratkandidat Guy Parmelin zeigte sich nach dem ersten Hearing zufrieden. Am schwierigsten fand er eine Frage, die dem Romand auf Englisch gestellt wurde.

Waren Sie schon einmal an den grossen Comics-Festivals in Sierre oder im französischen Angoulême?

Leider nein. Doch das würde mich tatsächlich reizen.

Als kulturinteressierter Romand sind Sie bestimmt oft in Paris in Theatern oder Opern?

Auch nicht. Meistens fahren meine Frau und ich ins Grand Théatre Genf und hören uns dort grosse Werke an. Meine Lieblingsstadt ist übrigens Rom, nicht Paris.

Wirklich?

Ich war dort als Gymnasiast auf einer längeren Studienreise. Das war fantastisch. Unsere damalige Leiterin hat uns alles über die Geschichte dieser faszinierenden Stadt erzählt. Das hat mir sehr gut gefallen.

SVP-Bundesratskandidaten auf dem heissen Stuhl

Aeschi, Parmelin und Gobbi müssen bei den übrigen Parteien antraben und deren kritische Fragen beantworten.

Dann spricht Guy Parmelin Italienisch?

Viel zu wenig. Ich verstehe es, aber ich kann mich sehr schlecht ausdrücken.

Wie gut kennen Sie eigentlich die Deutschschweiz?

Ich würde sagen: Ziemlich gut. Als junger Mann lebte ich ein Jahr lang im deutschsprachigen Teil des Kantons Freiburg, am Murtensee. Damals habe ich viel über die deutschweizerische Mentalität und Kultur gelernt.

Was ist der Unterschied zwischen Appenzell Innerrhoden und Ausserrhoden?

Die Konfession. Die Innerrhoder sind katholisch, die Ausserrhoder protestantisch. War das jetzt eine Fangfrage? 

Der nette Weinbauer aus dem Waadtland

Der 56-jährige Guy Parmelin sass von Mai 1994 bis November 2003 im Kantonsparlament des Kantons Waadt. Bei den Wahlen 2003 wurde er in den Nationalrat gewählt. Dort ist er Mitglied der Kommission für soziale Sicherheit und Gesundheit, der Kommission für Umwelt, Raumplanung und Energie sowie der Kommission für die Festlegung der Beiträge des Ressourcen-, Lasten- und Härteausgleichs. Von 2000 bis 2004 war Parmelin Präsident der SVP des Kantons Waadt. Der Landwirt und Weinbauer Parmelin ist verheiratet und lebt in Bursins. Im Militär hatte er den Grad eines Korporals.

Ja. Sie haben bestanden.

Ist es wirklich immer noch so, dass die beiden Kantone so scharf getrennt sind?

Ja, eine Fusion kommt nicht infrage. Und wenn wir schon in der Ostschweiz sind: Als Weinbauer waren Sie bestimmt auch schon an der Olma?

Ja klar. Allerdings nicht oft. Ich war dort, als der Kanton Waadt als Gastkanton eingeladen war.

Was ist Ihr Lieblingswein?

Ein Chasselas aus der Region La Côte, wo ich herkomme. Ein Weisswein, der sich zum Aperitif, zu Fondue oder zu Fischen eignet.

Wie viel kostet die Flasche?

Zwischen neun und zwölf Franken, wenn es ein Premier Grand Cru ist.

Pascal Couchepin verriet mir einst sein Erfolgsrezept: Früh schlafen gehen und täglich ein Glas Rotwein trinken.

Ein gutes Rezept. Allerdings kann ich nicht vor halb elf Uhr einschlafen. Auch in Sachen Weinkonsum komme ich da nicht an Pascal Couchepin heran. Meine Frau und ich trinken während der Woche normalerweise keinen Wein. Nur am Wochenende, wenn sie etwas Feines kocht, öffne ich eine gute Flasche.

Es gibt Gerüchte, Sie hätten ein Alkoholproblem.

Ich weiss nicht, wer mir hier schaden möchte. Das Gerücht entbehrt jeder Grundlage. Ich bin doch kein Alkoholiker. Schauen Sie mich an. Sieht so ein Alkoholiker aus?

Es gibt bereits zwei Romands in der Landesregierung. Warum sollte das Parlament nun noch einen dritten in den Bundesrat wählen?

Die Präsidenten von CVP und SP haben explizit verlangt, dass die SVP unbedingt eine Kandidatur aus der Romandie präsentiert. Diesem Wunsch sind wir nun nachgekommen.

Eine Schlaumeier-Antwort.

Der andere Teil der Antwort geht so: Es spielt doch gar nicht mehr so eine Rolle, woher jemand kommt. Früher gab es eine Kantonsklausel. Doch heute sitzen ja auch zwei Berner im Bundesrat. Vorher waren es zwei Zürcher. Warum also nicht auch einmal drei Romands?

In der Romandie will keine Begeisterung für Ihre Kandidatur aufkommen.

Das ist nachvollziehbar. Die FDP und die SP haben bereits einen eigenen, welschen Bundesrat. Aus ihrer Sicht ist es nicht so dringend, jetzt erneut einen Romand zu wählen. Doch für die SVP wäre es ausserordentlich wichtig, endlich einmal einen welschen Bundesrat zu haben.

SVP-Sprengkandidat Heinz Brand?

Der Bündner schlägt gegen den Willen der SVP-Fraktion ein Viererticket für die Bundesratswahlen vor. Er selbst will den heiss begehrten Bundesratssitz.

Die Tessiner warten schon seit 16 Jahren auf einen Bundesrat.

Die FDP hat mit Ignazio Cassis einen guten Tessiner Kandidaten, der zum Beispiel Nachfolger von Didier Burkhalter werden könnte. Im Ernst: Bei einer Bundesratswahl gibt es sehr viele persönliche Motive, warum jemand eine Person bevorzugt oder eben nicht. Es gibt jetzt wohl Tessiner, die wählen lieber einen Romand anstelle von Norman Gobbi, weil sie selber dereinst gerne Bundesrat werden möchten. Und es gibt wohl auch Innerschweizer, die wählen lieber einen Tessiner anstelle von Thomas Aeschi, weil sie sich den Weg in die Regierung nicht verbauen wollen. So funktioniert Schweizer Politik.

Soll die Schweiz auch ohne Einigung mit der EU die Zuwanderung begrenzen?

Das ist eine Möglichkeit. Doch ich bin optimistisch, dass es eine Lösung mit Brüssel geben wird. Beide Seiten haben ein hohes Interesse an einem Kompromiss. Anzeichen dafür sind vorhanden. Für uns ist zentral, dass wir die Einwanderung wieder besser kontrollieren können.

Braucht es ein Rahmenabkommen zwischen der Schweiz und der EU?

Ich bin sehr skeptisch. Ein solches Rahmenabkommen darf unsere Souveränität nicht verletzen.

Dann lehnen Sie die von Aussenminister Didier Burkhalter skizzierte Lösung mit dem Europäischen Gerichtshof ab, der künftig Streitfälle zwischen Bern und Brüssel beurteilen soll.

Das kommt nicht infrage.

Und ein anderes Gericht?

Auch nicht. Das letzte Wort darüber, ob wir europäisches Recht übernehmen wollen oder nicht, muss immer beim Schweizervolk bleiben.

Befürworten Sie die Initiative «Schweizer Recht vor Völkerrecht»?

Ja. Dank dieser Initiative stellen wir sicher, dass Volksentscheide wirklich umgesetzt werden können.

Wollen Sie die Europäische Menschenrechtskonvention aufkündigen?

Nein. Diese Initiative zielt nicht auf die Menschenrechte. Diese werden von unserer Verfassung bereits garantiert. Es geht darum, künftig Auswüchse des Strassburger Gerichtshofes für Menschenrechte zu unterbinden. Es kann nicht sein, dass Volksentscheide in der Schweiz durch Richtersprüche im Ausland ausgehebelt werden. Wir müssen die direkte Demokratie schützen. Nicht mehr und nicht weniger.

SVP-Kandidaten im Gespräch

Am 9. Dezember wählt die Vereinigte Bundesversammlung die sieben Mitglieder der Landesregierung. Mit Doris Leuthard (CVP), Simonetta Sommaruga und Alain Berset (beide SP), Didier Burkhalter und Johann Schneider-Ammann (beide FDP) sowie Ueli Maurer (SVP) stellen sich sechs bisherige Bundesräte der Wiederwahl. Nach dem Rücktritt von BDP-Finanzministerin Eveline Widmer-Schlumpf erhebt die SVP Anspruch auf einen zweiten Sitz. Sie schlägt dem Plenum den Tessiner Norman Gobbi, den Zuger Thomas Aeschi und den Waadtländer Guy Parmelin vor. Die «Nordwestschweiz» lässt die drei Kandidaten in einer Interviewserie zu Wort kommen. Den Auftakt bestritt vorgestern der Tessiner Norman Gobbi. In der gestrigen Ausgabe kam der Zuger Thomas Aeschi zu Wort.

 

Soll die Schweiz, wie von der SVP verlangt, ein Jahr lang keine Flüchtlinge mehr aufnehmen?

Es gibt kein Grundrezept. Die Situation ändert sich sehr schnell. Kriegsflüchtlinge müssen wir provisorisch aufnehmen. Sobald der Krieg in Syrien jedoch wieder vorbei ist, müssen diese Leute zurück. Es handelt sich schliesslich um die Elite des Landes, die den Wiederaufbau organisieren muss.

Sie gehören nicht zum inneren Führungszirkel der SVP. Wo unterscheiden Sie sich von Christoph Blocher?

Ich gehöre tatsächlich nicht zu diesem Zirkel. Doch politisch komme ich meist zu denselben Schlussfolgerungen. Ich habe grossen Respekt vor Christoph Blocher. Er hat sehr viel für unsere Partei getan. Eine Differenz hatten wir etwa punkto Mutterschaftsversicherung. Er war dagegen, ich dafür. Doch in den meisten Fragen sind wir uns sonst einig.

Als Romand verfolgen Sie bestimmt die französische Politik. Wären Sie in Frankreich eher Mitglied bei Sarkozys Républicains oder beim Front National von Marine Le Pen?

Ich wäre wohl bei den Républicains. Wobei: Von Sarkozy halte ich nicht viel. Er ist unglaubwürdig. Da fühle ich mich von einem Alain Juppé schon viel stärker angesprochen.

Sie überraschen uns: Die SVP ist doch genau so rechts wie der Front National?

Nur in der Ausländer- und Europapolitik. Wirtschafts- und sozialpolitisch hingegen sind wir liberal. Der Front National ist da schon fast sozialistisch.