Guck mal, Papi, die Frau da fährt ohne Hände Velo», gluckst das Mädchen. An der Ampel blickt die Kleine irritiert in ein bärtiges Gesicht. Die Frau mit dem Dutt ist ein Mann! Das Gesicht des Kindes spricht eine deutliche Sprache. Sein Weltbild wurde gerade durchgerüttelt, gilt doch klar: Lange Haare gleich Frau. Bart gleich Mann. Das Mädchen hat wohl Conchita Wurst noch nie gesehen; und in seinen Kinderbüchern steht wohl nicht, dass die Länge der Haare immer weniger über das Geschlecht des Menschen sagt, der sie trägt.
Diese Frage nach «Mann oder Frau», die Überlegung «Ist es überhaupt wichtig?» wird immer mehr Alltagsgedanke. Die Ereignisse in letzter Zeit könnten ein Indiz sein für eine Aufweichung der Geschlechter, für eine Ablehnung der strikten Geschlechter-Trennung.

Da wäre das Indiz «Toilette». Letzte Woche wurde bekannt, dass ein Zürcher Restaurant ein Unisex-WC einführt. Das heisst: eine Toilette für alle, keine geschlechtergetrennten Räume mehr. Menschen, die sich nicht klar einem Geschlecht zuordnen können oder wollen, sollen auf diese Weise nicht diskriminiert werden. Nun klebt an der Toiletten-Türe ein Symbolmix aus dem weiblichen Venuszeichen und dem männlichen Marszeichen. Gemäss dem Newsportal «Watson» nimmt der Inhaber eine Busse in Kauf. Denn die Regelung besagt: Bietet ein Restaurant mehr als 50 Plätze an, muss es geschlechtergetrennte WCs anbieten. «Die Behörden haben sich noch nicht gemeldet. Wir warten immer noch darauf», sagt Inhaber Rico Fanchini auf Nachfrage. Und fügt schmunzelnd an: «Es hat sich absolut bewährt, Männer und Frauen amüsieren sich sehr, wenn sie sich beim Händewaschen treffen.»

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In den USA wird diese Debatte längst geführt. Dort setzt sich gar der Stadtrat von New York für Unisex-Toiletten und somit für Transgender-Menschen und jene ein, die sich keinem Geschlecht zuordnen lassen und lassen wollen. Ab 2017 müssen alle Gastronomen ihre Toiletten neu beschildern. In North Carolina herrscht deswegen eisige Stimmung. Dort ist man vehement gegen die Einrichtung von Unisex-Toiletten. Es hagelt Protest, Staatsangestellte reisen nicht in den südlichen Staat, Musiker wie Bruce Springsteen und Pearl Jam haben Konzerte abgesagt.

Gender, androgyn und queer: Hä? Ein Glossar.

  • gender wird meist mit sozialem Geschlecht gleichgesetzt. Während sich der Begriff «sex» auf biologische – zum Beispiel genetische, anatomische oder physiologische – Unterschiede zwischen den Geschlechtern bezieht, umfasst der Begriff «gender» die psychologischen, sozialen und kulturellen Dimensionen. Die gegenwärtige Forschung (Gender Studies) versteht sich als kritische (Gesellschafts)-Theorie des Geschlechts und der Geschlechterverhältnisse.
  • unisex nennt man die optische Annäherung der Geschlechter durch Auflösung typisch weiblicher oder männlicher Attribute in der Mode. Doch eine geschlechtliche Annäherung ist nicht nur da möglich. Der Begriff setzt sich aus den Worten Unus (Latein für einer) und Sexus (Latein für Geschlecht) zusammen. Wörtlich übersetzt bedeutet Unisex also ein Geschlecht.
  • androgyn beschreibt der Duden wie folgt: «männliche und weibliche Merkmale aufweisend, in sich vereinigend». Das Wort selbst stammt aus dem Griechischen und kann in die Silben «anér», was Mann bedeutet und «gyné», was für Frau steht, aufgeteilt werden.
  • transsexuell meint, dass man sich dem entgegengesetzten Geschlecht zugehörig fühlt. Und den Wunsch hat, als Angehöriger des anderen Geschlechts zu leben (häufig mit Geschlechtsumwandlung) und anerkannt zu werden.
  • intersexuell sind Menschen, deren körperliches Geschlecht (beispielsweise die Genitalien oder die Chromosomen) nicht der medizinischen Norm von «eindeutig» männlichen oder weiblichen Körpern zugeordnet werden kann, sondern sich in einem Spektrum dazwischen bewegen.
  • queer verwendet man als Überbegriff für alle sexuellen Orientierungen und Geschlechtsidentitäten, die nicht der gesellschaftlichen Norm von Geschlecht und Sexualität entsprechen. Queer meint also alle nicht heterosexuellen Identitäten.

Stefanie Schälin vom Zentrum Gender Studies der Uni Basel findet es eine gute Entwicklung. Es sei eine Gegenbewegung zu den unglaublichen Geschlechter-Differenzen, gerade in Bezug auf die WCs. Sie ist erstaunt, dass so viel darüber gesprochen wird, obwohl es nur ein Restaurant betreffe. «Ich denke nicht, dass es Gleichmacherei ist, es ist vielmehr eine Vervielfältigung», sagt Schälin. «Wir müssen uns nicht mehr für das eine oder das andere entscheiden. Das ist für viele Menschen eine Erleichterung.» Auch Fabienne Amlinger vom Interdisziplinären Zentrum für Geschlechterforschung der Uni Bern findet das richtig. «Mit diesem Zwei-Geschlechter-Norm-Modell werden einige Leute ausgeschlossen und diskriminiert.» Sie selber erlebt es immer wieder mit Freunden, die Transgender sind oder sich nicht auf ein Geschlecht festlegen wollen: Auf welche Toilette soll ich? Einmal entschieden, gebe es des Öfteren böse Kommentare.

Warum eigentlich getrennt?

Schälin macht darauf aufmerksam, dass es keinerlei Gründe gebe für getrennte Toiletten. Diese Trennung gebe es nicht von Natur aus. «Wir sind so aufgewachsen, wurden von klein auf darauf konditioniert. Und zwar so, dass wir gar nicht mehr wissen warum», sagt Schälin.
Amlinger findet es diskriminierend, dass Wickeltische oft in Frauentoiletten sind. «Das ist eine Rollenzuweisung und befreit Männer von der Aufgabe.» Wobei doch heute immer mehr Männer – es wird ja von ihnen erwartet – ihre Kinder betreuen und mit ihnen unterwegs sind und Zugang zu Wickeltischen brauchen.

Auf Berghütten beklagt sich auch niemand über die Philosophie «Eines für alle». Zudem ist es für viele Frauen normal, dass sie bei langer Schlange vor dem Damen-Klo (Fussball, Festival, Konzert, Bar) mal kurz aufs Herren-Häuschen huschen. Von den Männern erwarten sie Verständnis. Es wird nun zu Recht gefragt: Was ist, wenn ein Mann bei den Frauen reinschaut?

Mode für den Menschen

Das Geschlechter-Problem trifft man nicht nur in der Toiletten-, sondern auch in der Umkleidekabine an. Heute kann einem im Geschäft des Öfteren Folgendes passieren: «Entschuldigen Sie, ist das für Männer oder für Frauen?» «Für beide, das ist Unisex.» Und auf dem Laufsteg, so ist man versucht zu glauben, gibt es bald nur noch androgyne Models. Weibliche Models mit burschikosem Stil werden als Mann gestylt, und feminine Männermodels sind gefragter denn je.

Blickt man an die Leiber auf der Strasse und auf die Stangen in den Geschäften, hat man das Gefühl, dass die Modeindustrie immer mehr für Menschen, nicht für Männer oder Frauen designt. Taschen für Männer, Rucksäcke für Frauen. Sneakers oder Dr Martens? Für beide. Jacken in Oversize? Trägt mal sie, mal er. Die Modekette Zara brachte unlängst eine Unisex-Kollektion heraus. Und nannte sie «Ungendered» – keinem Geschlecht zugewiesen sozusagen. Ein Londoner Kaufhaus verkaufte Kleider unter dem Motto «Agender». Das soll so viel heissen wie «without a gender» – ohne Geschlecht. Unisex-Mode ist gefragt, dies ist bestimmt auch dem Phänomen Normcore geschuldet, der Modetrend, der sich durch unauffällige, durchschnittliche Mode auszeichnet.

Dennoch folgern die Autoren des kürzlich erschienenen Buchs «Ist Mode queer? Neue Perspektiven der Modeforschung», dass sich trotz dieser aufpoppenden Unisex-Kleider an der Aufrechterhaltung der Zweigeschlechtlichkeit innerhalb des Modesystems bislang nicht viel geändert hat. Auch Amlinger findet, dass Mode noch immer Geschlechtern zugeordnet wird und stark sexualisiert ist. Unisex-Mode sei primär Marketingstrategie.

Die Geschlechterforscherinnen verweisen auf die Kinderabteilungen, in denen die Dinge «noch hochgradig geschlechterspezifisch» seien. Bei den Mädchen dominiert Rosa, aufgedruckt sind Schmetterlinge und Prinzessinnen, während es bei den Buben blau und Auto-Motive sind. Es gibt sogar bei Baby-Shampoos eine Trennung – eins für Buben, eins für Mädchen.

Und was sagt der Papst?

Die strikte Differenzierung von Männlein und Weiblein ist einem ganz besonders wichtig. Papst Franziskus hält gar nichts für von der Gender-Theorie. Auf seiner Kaukasus-Reise schimpfte das Oberhaupt der katholischen Kirche: «Gender ist Weltkrieg gegen die Ehe».

Genderforscherin Schälin weiss, dass es ein Kulturkampf ist, wie Geschlechter und Geschlechterverhältnisse aussehen sollten. «Die katholische Kirche hat sehr traditionelle Vorstellungen davon. Aber unsere Gesellschaft zeigt, dass viele Leute diese so nicht mehr leben können oder wollen.» Das Rollenbild verliere an Legitimität. Schälin fügt an: «Ich denke der gegenwärtige Wandel macht dem Papst auch Angst. Je umstrittener etwas ist, desto vehementer wird es verteidigt.»

Unisex-Toiletten als Sünde, Unisex-Mode als Soldatenuniform im Feldzug gegen die Ehe. Und das alles von einem Mann formuliert, der ein weisses Kleid trägt.