Bärtig, etwas ungepflegt und mit Schweizer Kappe: Martin Gyger moderiert am Freitag das Züri-Wetter von «Tele Züri»: «Hoi zäme. Ich bin Martin, bin obdachlos und lebe seit Jahren auf der Gasse», begrüsst er die Zuschauer. «Wenn du draussen pennen musst, dann verfrierst du», warnt er seine Zuschauer.

Martins Auftritt ist sympathisch und souverän. Denn, klar ist: Kennt einer das Schweizer Hudelwetter und die kalten Temperaturen, dann der 51-Jährige. Er lebt seit über fünf Jahren auf der Strasse.

Ursprünglich arbeitete Martin Gyger als Krankenpfleger. Doch 2007 erlebte er ein Horrorjahr: Er wurde angefahren, seine Freundin starb an einer Lungenembolie. Er verlor darauf seine eigene Wohnung und lebt seither in Zürichs Gassen.

«Birnenfieber – oder wie sagt man?»

Für den Auftritt vor der Kamera konnte Martin Gyger nicht einmal üben. Am Morgen um 10 Uhr traf er im «Tele Züri»-Studio ein, die Räumlichkeiten wurden ihm gezeigt. Dann begleitete ihn Wetterfee Jeanette Eggenschwiler in den VIP-Raum. Dort erarbeiteten sie sich gemeinsam den Moderationstext, den der Obdachlose Martin später vorsprach.

Vor seinem grossen TV-Auftritt konsumierte der Obdachlose ein Beruhigungsbier. «Natürlich habe ich Birnenfieber – oder wie sagt man – Lampenfieber?», sagte er auf die Frage, ob er nervös sei.

Das Beruhigungsbier half: Nach dem Auftritt war er zufrieden. «Es hat geklappt. Irgendeinmal vergisst du die Kamera. Das Moderieren hat Spass gemacht und im Grundsatz bleibe ich auch vor der Kamera mich selber», sagte er.

Auch die Profis zeigten sich begeistert: «Die grösste Schwierigkeit war, dass Martin überhaupt ins Studio gefunden hat. Es war nicht einfach. Er hat gesundheitliche Probleme. Doch heute hat es geklappt und er hat es wirklich gut gemacht», sagte Wetterfee Jeanette Eggenschwiler.

Die Aktion war Teil einer europaweiten Kampagne «Days of Hope» einer deutschen Werbeagentur.

Auf rumänischen und russischen TV-Sendern traten bereits Obdachlose vor die Kameras und übernahmen jeweils für eine Ausgabe die Moderation. In den nächsten Wochen sind weitere Aktionen in Deutschland, Polen und Serbien geplant. (sha)