Herr Locher, Sie feiern 500 Jahre Reformation. Was erhoffen Sie sich von den Feierlichkeiten?

Gottfried Locher: Wir möchten zeigen, wie viel Spannendes dieses Ereignis für die Schweiz gebracht hat. Die zentralen Stichworte sind für mich persönliche Freiheit und Eigenverantwortung: Die Reformation zeigt, wie wichtig es ist, dass Menschen sich frei äussern, dass sie frei am öffentlichen Leben teilnehmen können.

Aber mal ehrlich: Wieso soll uns heute noch interessieren, was vor 500 Jahren passiert ist?

Die Ideale der Reformation sind immer noch topaktuell. Wer heute etwas sagt, das nicht in den Mainstream passt, wird in den sozialen Medien fertiggemacht. Deshalb haben die Ideale der Reformation wie Meinungsfreiheit und der Mut, für eigene Überzeugung einzustehen, nichts an Bedeutung verloren.

Das Ganze ist also nicht bloss ein Werbe-Event, um neue Mitglieder für die Kirche zu finden?

Das wäre naiv, wenn wir das so machen würden. Schliesslich hat die Reformation nicht nur Gutes gebracht. Die Schweiz hat schlimme Religionskriege zwischen Katholiken und Protestanten erlebt.

Trotzdem: Die Landeskirchen verlieren laufend Mitglieder. Warum?

Unsere Aufgabe ist es, jenen Menschen, die uns nicht den Rücken zukehren, einen Grund zu geben, in der Kirche zu bleiben. Dazu müssen wir zu unserem Kerngeschäft zurückfinden: Gottesdienste, Seelsorge, sich öffentlich für Schwache einsetzen. Wenn wir da stark sind, dann laufen uns die Leute nicht davon.

In einem Interview mit der Sendung «Fenster zum Sonntag» sagten Sie kürzlich, man müsse die Kirche immer mal wieder ausstauben. Wo sehen Sie den dringendsten Staubkehr?

Bei der Liturgie. Gottesdienste müssen attraktiver werden. Wir Protestanten sind sehr gut für intellektuelle Predigten, müssen aber eben auch darauf bedacht sein, den Gottesdienst als sinnliches Gesamtkunstwerk zu gestalten. Und noch etwas: Bei den Reformierten gibts einen enormen Kantönligeist. Wir haben 26 Kirchen in der Schweiz, nicht eine. Wir müssen näher zusammenarbeiten.

Apropos sinnliches Gesamtkunstwerk: Es waren doch die Reformierten, die dem Gottesdienst das Sinnliche nahmen. Keine Bilder mehr an den Wänden – und Zwingli verbot Instrumentalmusik in den Kirchen. War das ein Fehler?

Ich will nicht urteilen über Zwingli. Heute ist einfach ein anderer Stil nötig. Das Bedürfnis nach Spiritualität ist da. Im Gottesdienst können Sie Spiritualität in der Gemeinschaft erleben. Und denken Sie an das Kirchenjahr mit all seinen Feiern. Das bietet Ihnen eine natürliche Spiritualität, die Sie durchs ganze Leben begleitet, von der Geburt bis zum Tod.

Gibts heute überhaupt noch wirkliche Unterschiede zwischen der reformierten und der katholischen Landeskirche?

Es verbindet uns mehr, als uns trennt. Angesichts all der anderen Glaubensrichtungen, die es bei uns gibt, werde ich aber tatsächlich zusehends unruhig mit dem Pflegen der konfessionellen Unterschiede zwischen den Reformierten und den Katholiken.

Wieso fusionieren Sie dann nicht einfach?

Weil beispielsweise die Art, wie die Kirche geleitet oder wie die Pfarrämter ausgeübt werden, anders sind. Bei uns gibt es Pfarrerinnen, bei den Katholiken nicht.

Aber wirklich identitätsstiftend ist die Konfessionszugehörigkeit heute nicht mehr, oder?

Doch, ich denke schon. Denken Sie mal an einen Zürcher Protestanten und an einen Urner Katholiken. Da gibt es immer noch grosse Unterschiede. Und trotzdem: Wir haben eine gemeinsame Identität. Wir sind alle Christen.

Auf der Jubiläumshomepage www.ref-500.ch stellen Sie den Besuchern die Frage: Wann hat Gott in Ihrem Leben zum letzten Mal ein Zeichen gesetzt? Wann hat er das bei Ihnen getan?

An Weihnachten. Die Vorstellung, dass Gott Mensch wird und nicht als mächtiger Herrscher, sondern als ganz schwaches Geschöpf auf die Welt kommt, das «hudled mi jedes Mal düre».

Wir sitzen hier im Grossmünster. Die «Weltwoche» feiert Zwingli, der hier als Pfarrer gearbeitet hat, in ihrer aktuellen Ausgabe als Anti-EU-Figur. Was sagen Sie dazu?

Es ist immer gut, wenn jemand sich pointiert äussert. Roger Köppel hat das gemacht. Zwingli kommt in dem Text aber zu gut weg. Er wollte keine neue, unabhängige Schweizer Kirche gründen, sondern die bestehende Kirche reformieren. Kirche passiert nicht rein eidgenössisch, sie ist ein weltweiter Verbund.

Die Zwingli-Statue zeigt den Reformator mit einem riesigen Schwert. Das erinnert eher an den Bösewicht Darth Vader aus «Star Wars» als an einen religiösen Neuerer, oder?

(Lacht.) Das habe ich mir jetzt noch nie überlegt. Aber ich finde es richtig, dass man aus Zwingli keinen Heiligen macht. Er war ein fehlerhafter Mensch, wie wir alle, einer, der den Streit nicht scheute. Insofern ist die Statue mit dem Schwert gar nicht so schlecht.