Sie haben kaum ein Fleckchen oder eine Beule, und trotzdem landen sie in hohem Bogen im Container: Tomaten, Bananen, Salatköpfe, Brötchen und Fleischstücke. Haufenweise, sackweise, tonnenweise.

Die Szenen aus dem Dokumentar-Film «Taste the Waste» von Valentin Thurn zeigen Bilder aus einem Lebensmitteldiscounter in Frankreich. Sie könnten aber genauso gut irgendwo in der Schweiz spielen. Die Zahlen, die im Film erwähnt werden, erschrecken: 50 Prozent aller Lebensmittel werden weggeworfen. Im Detail: jeder zweite Kopfsalat, jede zweite Kartoffel, jedes fünfte Brot.

Thurns Film vermeidet trotzdem den erhobenen Zeigefinger und schildert stattdessen mit grosser Ruhe die Verschwendung von Lebensmitteln in der westlichen Welt. Geschickt montiert aus vielen kleinen Interview-Episoden und Momentaufnahmen, gelingt ihm eine eindrückliche Dokumentation.

Immer höhere Ansprüche

Der grosse Wegwerf-Wahn geht auch uns an. Über den Lebensmittelabfall in der Schweiz gibt es zwar bisher noch keine verbindlichen Zahlen. Sie dürften sich aber im europäischen Schnitt bewegen, wie Josianne Walpen von der Stiftung Konsumentenschutz Schweiz bestätigt. Ein Hohn, wenn gleichzeitig auch hierzulande Hunderttausende von Menschen an oder unter dem Existenzminimum leben.

Trailer zum Film «Taste the Waste»

Das Problem beginnt schon ganz am Anfang der Nahrungsmittelkette. «Die Ansprüche und Vorschriften seitens der Einkäufer und Händler und des Lebensmittelgesetzes werden immer höher», klagt Thomas Käser, Gemüseproduzent aus Birmenstorf. Das heisst, die Landwirte müssen immer perfektere, robustere Ware liefern. 10 bis 15 Prozent sind bei Käser Ausschuss. Die Zahl wäre noch höher, wenn er nicht einen Teil an Verarbeitungsbetriebe wie Konservenhersteller oder Mostereien liefern könnte. Er hat auch Abnehmer, die es nicht stört, wenn ein Kohlrabi grösser oder ein Apfel kleiner ist als die Norm.

Die Landwirtschaft verantwortet mit 20 Prozent jedoch nur einen Teil des gesamten «Foodwaste». In der Schweiz gehen laut Schätzungen auf dem Weg von der Produktion bis zum Verbrauch 30 Prozent aller Lebensmittel verloren. Der grösste Posten mit 50 Prozent indes verantwortet der Konsument selbst. Und das vor allem wegen der irreführenden Haltbarkeitsdaten.

Allein die falsche Interpretation des Mindesthaltbarkeitsdatums verursacht laut dem Internetportal «foodwaste.ch» bis zu 20 Prozent aller Verluste aus den Haushalten. Dabei wäre das völlig unnötig, wie eine Untersuchung der Stiftung Konsumentenschutz gezeigt hat. Diese hat Lebensmittel über den Ablauf des Verfalldatums hinaus geprüft. So ist zum Beispiel ein Fleischkäse noch vier Wochen in normaler und unbedenklicher Qualität zu konsumieren. Aber auch Joghurt, Milch oder Hüttenkäse sind übers Ablaufdatum hinaus noch mehrere Wochen geniessbar. «Statt strikt nach dem Datum zu gehen und es nach Ablauf wegzuwerfen, prüft man das Produkt besser mit seinen Sinnen», sagt Josianne Walpen von der Stiftung Konsumentenschutz.

Eine Null-Toleranz-Haltung

Schliesslich waren Lebensmittel noch nie so sicher wie heute – trotz Fleisch- oder Ehec-Skandalen. Tiefkühltruhe, Konservierungsstoffe und zahlreiche Verfahren, die Nahrung haltbar machen, sorgen dafür, dass gesundheitliche Probleme wegen verdorbenen Essens nur noch selten sind. Es ist vielmehr eine Null-Toleranz-Haltung gegenüber unserer Nahrung auszumachen. Die Hemmschwelle wird immer kleiner, Nahrungsmittel wegzuwerfen, auch wenn sie noch geniessbar wären. «Die Wertschätzung für Lebensmittel nimmt ab», stellt Josianne Walpen fest.

Gemüsebauer Thomas Käser bringt es auf den Punkt: «Ein Kopfsalat hat heute einen kleineren Stellenwert als der Strom fürs Handy.» «Unsere Kühlschränke sind Massengräber», sagt Carlo Petrini, Präsident von Slow Food, im Film «Taste the Waste», der demnächst in die Schweizer Kinos kommt. «Dabei wären sie da, um Lebensmittel zu konservieren und nicht, um zu Vorzimmern des Abfalleimers zu verkommen.»

Die Schweizer Konsumenten sind heute zwar sehr viel mehr sensibilisiert auf die Nachhaltigkeit von Nahrungsmitteln. «Insbesondere was Anbau und Verpackung angeht», stellt Mirjam Hauser, Forscherin am Gottlieb-Duttweiler-Institut in Rüschlikon, fest. Sie hat erst kürzlich eine Studie zum Thema «Wie Konsumenten in Zukunft essen wollen» herausgegeben. Hauser: «In Bezug auf den eigenen Abfall sehen die wenigsten Handlungsbedarf.»

Die Gründe liegen auf der Hand: Einerseits waren Lebensmittel noch nie so günstig wie heute (wir geben gerade mal sieben Prozent unseres Einkommens dafür aus) und andererseits haben viele Menschen den Bezug zur Produktion verloren. «Sie wissen nicht, welche komplizierten Wege die Lebensmittel nehmen, bis das Essen auf dem Tisch steht», stellt Mirjam Hauser fest. Man müsse diese Wertschöpfungskette wieder transparenter machen, fordert sie.

Massnahmen auf Bundesebene

Auch das Bundesamt für Umweltschutz (Bafu) hat erkannt, dass «Foodwaste» ein wichtiges Problem in unserer Gesellschaft ist. Das Bafu zählt darauf, dass der Bundesrat Ende Jahr im Rahmen der Grünen Wirtschaft einen entsprechenden Bericht und die Massnahmen dazu absegnen wird. Unter anderem sollen Anfang 2013 die Resultate einer Studie veröffentlicht werden, wie der Haushaltkehricht zusammengesetzt ist. Derzeit wird Abfall von 32 Gemeinden gesammelt und untersucht. Die Sensibilisierung der Konsumenten sei ein weiterer Punkt, betont Martina Blaser vom Bafu. Zudem fordert eine Interpellation der grünliberalen Nationalrätin Tiana Angelina Moser den Bundesrat auf, Massnahmen zu den Verbrauchs- und Mindesthaltbarkeitsdaten sowie zur Vermeidung von Lebensmittelabfällen ins Auge zu fassen. «Es gleicht schon fast einer Dekadenz, wie wir mit unseren Nahrungsmitteln umgehen.»

Einkaufen sei wie an die Urne gehen, heisst es auf der Website von «foodwaste.ch». «Denn die Konsumierenden können beim Einkaufen massgeblich beeinflussen, wie viel Lebensmittel in Produktion und Verarbeitung verschwendet werden.»

«Taste the Waste» (D 2011), 88 Min., Regisseur: Valentin Thurn, ab 4.9. in den Kinos.

Tipps für die Vermeidung von Lebensmittelabfällen: www.foodwaste.ch oder www.konsumentenschutz.ch.