Philipp Mäder, Gieri Cavelty

Wer ein Interview mit dem Patron der Uhrenstadt Grenchen führen will, muss zeitig aufstehen. Immerhin öffnet einem Morgenmensch Boris Banga dafür auch höchstpersönlich die Tür zum Grenchner Stadthaus - die übrigen Mitarbeiter der Verwaltung liegen noch in den Federn. Im Verlaufe des Gesprächs schaut dann aber doch noch jemand vorbei und serviert Kaffee.

In Grenchen tobt im Augenblick ein Streit um eine geplante Moschee.

Boris Banga: Eine betrübliche Geschichte.

Der Verkäufer des Grundstücks behauptet, die Käufer hätten vorgegaukelt, das Areal für Garagen und Lagerhallen zu brauchen.

Banga: Ich weiss nicht, welche Seite Recht hat. Aus meiner Sicht kann ich lediglich sagen: Mir passt der Standort irgendwo in der Industriezone nicht. Eine Gebetsstätte gehört an einen anderen Ort. Ich glaube, die Muslime haben den Standort darum ausgewählt, weil sie dort am wenigsten Widerstand erwarteten. Tatsächlich bekommt man so aber den Eindruck, die Muslime wollten unter sich bleiben. Und das ruft erst recht Widerstände hervor.

Und? Wollen die Grenchner Muslime so unter sich bleiben?

Banga:Man kann diese Menschen nicht alle über den gleichen Leisten schlagen. Die Muslime sind grundsätzlich ja unter sich sehr zerstritten und auch in religiöser Hinsicht keine Einheit. Die Leute stammen aus den verschiedensten Gegenden und haben die unterschiedlichsten Ansichten. Grundsätzlich kann ich sagen: 90 Prozent der eingewanderten Muslime machen keinerlei Probleme.

Was ist mit den übrigen 10 Prozent?

Banga:Man hat bei diesen Leuten das Gefühl, dass sie sich nicht integrieren wollen. Die Schwierigkeit ist, an diese Leute heranzukommen. Die Religion ist bei diesen Leuten allerings nicht das eigentliche Problem.

Sondern?

Banga: Es liegt an der Herkunft aus ländlichen Gebieten, insbesondere aus dem Osten der Türkei. Phänomene wie die Unterdrückung der Frau sind kein islamisches Problem. Das hat viel mehr mit ländlichen, patriarchalen Strukturen zu tun.

Sie haben bereits 2004 gefordert, dass Mädchen in der Schule kein Kopftuch tragen dürfen.

Banga: Wir wissen aus der eigenen Jugend: Wenn jemand etwa schiefe Zähne hat, so wird er ausgegrenzt. Man sollte Kinder, die wegen ihres Migrationshintergrunds schon benachteiligt sein können, nicht noch zusätzlich schwächen, indem man sie «kostümiert». Darum sage ich: Vor der Geschlechtsreife gibt es keinen Grund, ein Kopftuch oder einen Turban zu tragen.

Hat es denn in Grenchen derzeit «kostümierte» Schülerinnen?

Banga: Meines Wissens gibt es keine kindliche Kopftuchträgerin und überhaupt keine Probleme mit muslimischen Schülern. Das liegt vermutlich nicht zuletzt an unseren pragmatischen Lehrpersonen, die sehr gut mit den Eltern reden können.

Trotzdem: Grenchen ist unlängst wegen einer Burkaträgerin in die Schlagzeilen geraten.

Banga: Das ist in der Tat eine seltsame Geschichte. Letzten Dezember wollte sich eine junge Frau in Grenchen anmelden, die neben ihrem Gesicht sogar ihre Hände verhüllt hatte. Wir haben ihr mitgeteilt, sie müsse zur Anmeldung ihr Gesicht zeigen. So kam sie nach drei Tagen wieder. Eine Gemeindeangestellte und eine Polizistin haben dann ihre Identität festgestellt und die Anmeldung vorgenommen.

Die Frau wollte offenbar in Grenchen Sozialhilfe beziehen.

Banga: Eine Unverschämtheit. Meines Erachtens sollten Leute, die aus eigenem Verschulden auf dem Arbeitsmarkt nicht vermittelbar sind, keinen Anspruch auf Sozialhilfe haben.

Bezieht die Frau jetzt Sozialhilfe?

Banga: Das weiss ich nicht. Ich habe keine Kenntnis, ob jemand Sozialhilfe bezieht. Und wenn ich es wüsste, würde ich es nicht sagen

Die Frau wohnt aber nach wie vor in Grenchen.

Banga:Ja. Ein oder zwei Mal ist ihretwegen schon die Polizei alarmiert worden. Es ist offenbar so, dass Hunde aggressiv auf die Frau reagieren. Als sie dann vor den Hunden wegrannte, hatten Augenzeugen das Gefühl: So wie die rennt - das kann keine Frau sein, da steckt ein Mann unter der Burka. Besonders in der Nähe einer Post oder Bank haben die Leute Angst vor vermummten Personen.

Ist das ein Grenchner Ritual, dass die Burka-Frau von Hunden angefallen wird und die Polizei ausrückt?

Banga: Ich weiss, dass dies ein oder zwei Mal passiert ist. Inzwischen geht die Frau vielleicht auch nicht mehr so oft aus.

Sind Sie für ein Burka-Verbot?

Banga: Ich will, dass die Leute in der Öffentlichkeit erkennbar sind. Wir sind uns nur gewohnt, uns an der Fastnacht zu verkleiden.

Unter welchem Titel wollen Sie die Burka verbieten?

Banga: Man müsste ein generelles Vermummungsverbot erlassen, das nichts mit der Religion zu tun hat. Die Bevölkerung hat Angst, wenn jemand verschleiert herumläuft.

In den Medien begegnet man heute praktisch nur noch fundamentalistischen Muslimen.

Banga: Das ist eine Folge des Minarett-Verbots. Jetzt drängen sich die Extremisten in den Vordergrund, während sich die Gemässigten zurückziehen. Diese wollen vermutlich ihre eigenen Leute nicht verprellen. Es ist eine sehr gefährliche Entwicklung, wenn Leute wie Nicolas Blancho in der Öffentlichkeit verkünden: Scharia und Steinigung sind Grundwerte meiner Religion.

Was muss geschehen?

Banga: Es braucht knallharte Regelungen. Der Grundsatz muss im Strafgesetz verankert werden: Unsere Rechtsordnung steht über allem. Es gibt keinen höheren Wert als die demokratisch legitimierte Rechtsordnung.

Was heisst knallhart?

Banga:Wenn jemand sagt: Der Islam steht prinzipiell über der Verfassung, muss er bestraft werden. Es gibt nichts, was über der Demokratie steht. Wenn jemand im Namen des Islam zur Diskriminierung der Frau aufruft - dann soll das ebenfalls justiziabel sein. Es gibt wohl ethische Normen, die rechtlich nicht fassbar sind. Aber es darf keine Normen geben, die dem Recht widersprechen.

Das sind radikale Forderungen - zumal für einen Sozialdemokraten.

Banga: Keineswegs. Wenn ich dazu aufrufe, man solle die Villa von Marcel Ospel in Schutt und Asche legen, werde ich bestraft. Auch Holocaust-Leugner werden verfolgt. Genau gleich soll es bei den Islamisten sein: Wenn jemand in der Öffentlichkeit in irgendeiner Form erklärt, Nicht-Muslime seien minderwertig, gehört er bestraft.

Sie sind ein Mann mit klaren Vorstellungen und Gestaltungswillen. Wir gehen davon aus, dass Sie 2011 wieder für den Nationalrat kandidieren.

Banga:Ich will es nicht ausschliessen - aber auch nicht zusagen. Ich war zwölf Jahre lang im Nationalrat, und ich kann sagen: Das Doppelmandat ist mörderisch. Seit ich nicht mehr im Rat bin, habe ich neue Freiheiten gewonnen. So habe ich als alter Mann zu kochen begonnen. Und ich habe meine Band, die Woodbees, reaktiviert - ich bin deren Schlagzeuger.

Ihre politischen Gegner halten Sie noch für ziemlich gefährlich. Sie wurden auf dem Internetportal grenchen.net angefeindet - worauf Ihre Frau anonym zurückgiftelte. Haben Sie deshalb wie angekündigt juristische Schritte eingeleitet?

Banga: Dazu möchte ich keinen Kommentar abgeben.
Weil es ein laufendes Verfahren ist?

Banga:Es ist kein laufendes Verfahren. Aber ich habe ja wegen der Mobbingvorwürfe gegen mich eine Untersuchung in eigener Sache verlangt...

... die Mobbingvorwürfe sind ein anderes Thema.

Banga:Nein, das hängt alles zusammen. Doch dazu sage ich nichts.

Das heisst, dass diese Untersuchung gegen Sie wegen der Mobbingvorwürfe läuft?

Banga:Das weiss ich nicht. Ich habe eine Untersuchung verlangt. Bisher bin ich aber nicht kontaktiert worden.

Manche sagen, Sie seien Choleriker.

Banga: Ich bin sicher kein einfacher Mensch, vielleicht habe ich manchen Leuten weh getan. Das lässt sich indes nicht vermeiden, wenn man führt. Ich habe jedoch nie jemanden gemobbt.

Wie geht Ihre Frau mit den Vorwürfen gegen Sie um?

Banga: Sie hat sich sehr zurückgezogen.

Leidet sie darunter?

Banga: Das ist schwierig zu sagen. Sagen wir so: Sie macht sich Sorgen um mich.

Dass Ihre Frau gesagt hat, sie habe die diffamierenden Aussagen auf grenchen.net gemacht, ist wohl der schönste Liebesbeweis.

Banga:Wir haben dazu ein Pressecommunique gemacht. Mehr möchte ich dazu wirklich nicht sagen. Ich schaue auch nicht zurück. Ich habe neue Projekte in der Wirtschaftsförderung, mit der Ansiedelung von Unternehmen. Das ist mir wichtiger.

Da wird eine gewisse Verletztheit bei Ihnen spürbar.

Banga:Ja sicher. Ich wäre am falschen Ort, wenn ich nicht ein gschpüriger Mensch wäre. Ich habe mich zwanzig Jahre für Grenchen eingesetzt und viel erreicht. Da tut es weh, wenn man nun einfach sagt, er habe gemobbt. Ja, ich bin verletzt.