Was die Werbung längst entdeckt hat, ist auch in der Politik angekommen. Mit psychologischen Profilen, erstellt aus den Datenspuren, die wir im Internet hinterlassen, sollen personalisierte, auf individuelle Charakterzüge zugeschnittene Propaganda-Botschaften möglich geworden sein, die an Manipulation grenzen. Hat Donald Trump damit die Wahl gewonnen?

Diese Behauptung stellte vergangene Woche «Das Magazin» auf, ausgehend von einer Geschichte über die Firma Cambridge Analytica, die Psycho-Profile von 220 Millionen US-Amerikanern besitzen soll und in deren Verwaltungsrat der als rechtsextrem geltende Trump-Berater Stephen Bannon sitzt. Dementsprechend löste dieser Artikel eine aufgeregte Debatte aus über die verborgene Manipulations-Macht, die in den gesammelten Daten über uns verborgen ist.

Über eine Million Mal wurde der Text inzwischen angeklickt, die sozialen Medien wurden damit überschwemmt. Schönheitsfehler: Zu monokausal werden darin Polit-Erfolge erklärt, zu effektvoll wird mit den Schreckgespenstern Brexit und Trump operiert und ausgeblendet, dass auch die Wahlkämpfer für Obama und Clinton solche Techniken einsetzten. Diese berechtigte Kritik überlagerte das, worum es tatsächlich geht: dass wir gerade drauf und dran sind, die Kontrolle über diese Technologie zu verlieren – mit immensen Folgen für Demokratie, Rechtsstaat und Gesellschaft.

Swisscom anerkennt die Gefahren

«Big Data und Algorithmen sind die Atombomben des digitalen Zeitalters», sagt Dirk Helbing, Professor für computergestützte Soziologie an der ETH Zürich. «Die Verhaltenssteuerung funktioniert noch nicht perfekt, aber gut genug, um massgebliche Anteile von Stimmen zu verschieben», ist er überzeugt. Experten würden seit Jahren davor warnen – «jetzt hat diese Gefahr endlich das öffentliche Bewusstsein erreicht».

Ebenso wie Professor Helbing halten jedoch auch andere Experten die Debatte, ob Trump die US-Wahl dank Big Data gewonnen hat, für nicht zielführend. «Das Problem ist nicht die Existenz und die Verwendung von psychologischem Targeting, sondern die fehlende Regulierung», sagt Sandra Matz, Psychometrie-Forscherin an der Universität Cambridge. Die Wissenschafter stehen mit ihrer Haltung für eine Auffälligkeit in der Debatte um Big Data: Je mehr jemand vom Thema versteht, desto eindringlicher ist der Ruf nach Regulation.

Selbst Swisscom begrüsst Leitplanken

Auch in der Schweiz. Erstmals wird jetzt im Namen der halbstaatlichen Swisscom, die sich bereits intensiv mit Big Data, Algorithmen und künstlicher Intelligenz beschäftigt, um ihren Kunden das Leben zu erleichtern, die Forderung nach gesetzlichen Leitplanken laut. «Zum Schutz der Privatsphäre, aber auch rechtsstaatlicher Prinzipien und demokratischer Prozesse ist eine staatliche Regulierung unumgänglich», sagt Markus Ehrenmann, Leiter IT-Architektur im Bereich künstliche Intelligenz beim Telekommunikationskonzern.

Die Aussage ist mit seinen Vorgesetzten abgesprochen – und ein Weckruf an die Politik, die erst allmählich die gewaltige Dimension des Themas zu erkennen beginnt. Halbherzig hat der Bundesrat 2015 auf Drängen des St. Galler SP-Ständerats Paul Rechsteiner als Reaktion auf die Snowden-Enthüllungen eine Big-Data-Expertengruppe gebildet, die sich mit den Chancen und Risiken der Technologie beschäftigen soll. Geleitet wird die Gruppe von der früheren Bündner BDP-Nationalrätin Brigitta Gadient. Zur aktuellen Debatte will sie sich trotz mehrmaligen Anfragen nicht äussern. Auch ETH-Professor Helbing ist Mitglied dieser Expertengruppe.

Economiesuisse ganz vorn dabei

Angewendet wird Big Data in der Schweizer Politik für personalisierte Werbebotschaften bereits – in grösserem Ausmass, als bisher bekannt. Bei der Atomausstiegs-Initiative setzte Economiesuisse Targeting ein, wie der «Tages-Anzeiger» berichtete. Noch weiter geht der Wirtschaftsdachverband auf seiner europapolitischen Propaganda-Plattform «stark vernetzt»: Dort verwenden die Lobbyisten das US-Tool «Blue State Digital», das Obama ins Weisse Haus verholfen hat – und in Verbindung mit Facebook Connect auch erfasst, wer welchen Freunden wann welche Informationsbotschaften zugesendet hat, wie der Verband auf der Website offen einräumt – ein Novum in der Schweiz. Und aus Datenschutzsicht fragwürdig.

Eu Data Protection Act

Für Markus Ehrenmann von der Swisscom ist klar, dass Regulationen nicht auf ein Technologieverbot hinauslaufen dürfen – «wir brauchen Big Data, Algorithmen und künstliche Intelligenz zur Bewältigung des modernen Lebens.» Schon heute wären viele Alltagshandlungen ohne digitale Helfer, die mitdenken, kaum noch zu bewältigen. Es gebe jedoch Anwendungsfelder, die sehr heikel seien, sagt Ehrenmann mit Verweis auf die Trump-Debatte. «Vor allem aber dürfen wir Maschinen nicht Entscheidungen über unser Leben überlassen, die wir weder nachvollziehen noch korrigieren können. Menschen haben ein Recht auf Erklärungen zu Entscheidungen, die sie betreffen.» Letzteres ist auch Teil des «EU Data Protection Act».

Wie weit die Technik bereits ist, zeigt ein Blick ins Big-Data-Gruselkabinett: In mehreren US-Bundesstaaten entscheiden Algorithmen über das Strafmass für Straftäter. In Grossbritannien wird ein Microsoft-Gesichtserkennungsprogramm für die Altersbestimmung von Flüchtlingen und damit den Ausschaffungsentscheid verwendet. In Israel hat eine Firma Software entwickelt, die Verbrecher an Gesichtsmerkmalen erkennen können soll.

Das alles ist 2016 bereits Realität.