Er gilt als Phänomen unter den TV-Hundeflüsterern. In Europa strahlt der deutsche Sender Sixx seine Erziehungs-Shows aus. Im Oktober möchte Millan im Zürcher Hallenstadion auftreten.

Nebst dem Tierschutz fordern Hunde-Organisationen und Fachleute, dass sein Auftritt verboten wird. Millan ist in Dänemark, Italien und Schweden Persona non grata. Shows mussten abgesagt werden. Für seine Gefolgschaft ist Millan jedoch der Hunde-Messias. Auf der Gegenseite stehen Tierschutzorganisationen, die Vereinigungen der amerikanischen und europäischen Veterinär-Verhaltensspezialisten und Hundeverhaltenstrainer.

«Für die gelungene Beziehung zwischen Mensch und Hund», heisst es in einem seiner Buchtitel. «Du bist der Rudelführer», mahnt Millan weiter hinten die Hundehalter, blendet aber aus, dass der Hund seinen Menschen niemals als Artgenossen wahrnehmen würde und dass diese Dominanztheorien längst überholt sind.

Das wahre Gesicht von Cesar Millan lernt man in seinen TV-Shows kennen. Dort ortet er bei Hunden, die ein unerwünschtes Verhalten zeigen, Nervosität und Aggression. Solche Verhaltensweisen sind bei jungen oder unsicheren Hunden nicht speziell. Oft ist ein Hund in einer Situation verunsichert und überfordert und zeigt angstbedingtes, aggressives Verteidigungsverhalten.

Millan erzählt dann von Flooding (Reizüberflutung), Rehabilitierung, Korrektur und negativen Energien, die umgepolt werden müssen. Die mit Schlagworten gespickten pseudowissenschaftlichen Analysen beeindrucken manche Laien. In Tat und Wahrheit sind sie vielfach aus der Luft gegriffen und verhaltensbiologisch betrachtet unhaltbar.

Millans Folter-Repertoire

Wenn auch die PR-Bilder Millan lächelnd und umgeben von scheinbar glücklichen Hunden präsentieren: Er provoziert, fixiert, bedroht, bedrängt, ja terrorisiert die Hunde. Diese zeigen die ganze Palette an Beschwichtigungssignalen, möchten Frieden, ausweichen oder aus der misslichen Situation heraus. Das lässt Millan nicht zu, denn der Hund muss sich ihm unterwerfen, was er dann als «Entspannen» bezeichnet. Stellt der verängstigte Hund jegliches Verhalten ein und wartet «eingefroren» auf die Erlösung, feiert sich Millan als Bezwinger.

(Quelle: Youtube / saranebe)

Show down with Holly slow motion

Mit der Leine provoziert Millan gerne den Machtkampf. Will sich der Hund nicht darauf einlassen, reizt er den Hund mit einem Fusskick in die empfindlichste Stelle des Hundekörpers. Oder er bearbeitet sein Opfer mit feinem Rucken an der dünnen Würgeleine, die direkt und schmerzhaft hinter den Ohren durchgeht. Die Leine wirkt auf die seitlichen Halsschlagadern, wo schon leichtes Zuziehen die Blutzufuhr zum Gehirn unterbricht. Zusätzlich lähmt die Leine den Hals-Zungenbeinmuskel. Der vom Erstickungstod bedrohte Hund kämpft nur noch ums Überleben. Wehrt er sich, verstärkt Millan den Zug oder hievt den Hund in die Höhe, bis dieser kapituliert. Millan posiert neben dem traumatisierten, fast strangulierten Hund als Bezwinger.

Hoher Preis für einen Sieg

Dem Zuschauer wird am Schluss der zahm gewordene Hund vorgeführt. Es funktioniert, müsste der logische Schluss heissen. Doch zu welchem Preis? Das Wichtigste für den Hund und für eine gute, funktionierende Mensch-Hund-Beziehung ist Sicherheit und Vertrauen. Kann dies ein Hund haben, der physischer und psychischer Gewalt ausgesetzt ist?

(Quelle: Youtube / Prue Encantada)

Cesar Millan verteilt Fusstritte gegen Hunde

Darum kennen Methoden, die über Schmerzen, Schmerzandrohung, Angst und Schrecken funktionieren, nur Verlierer. Der traumatisierte Hund verfällt in die erlernte Hilflosigkeit, stellt seine Kommunikation ein. Er pariert, weil er gebrochen wurde, er hat womöglich chronische Schmerzen (vor allem Hals, Rücken), ist dauergestresst, weil sein Verhalten, Schmerzen zu verhindern (Meideverhalten), durch neuerliche Strafen aufgefrischt werden muss. Dieser Hund wird krank.

Ein anderer Hund wird zur tickenden Zeitbombe, weil er irgendeinmal – vermeintlich grundlos – in einer bedrohlichen Situation ohne Vorwarnung zubeissen kann. Die amerikanische Forscherin Meghan E. Herron unterstreicht mit ihren Studien, dass die meisten Hundebisse durch Tiere verursacht worden sind, die mit aversiven Mitteln erzogen wurden, wie sie Millan am Fernsehen vorführt.

Der Hundeflüsterer wird entlarvt

Millan setzt Hunde Stromschlägen aus, drangsaliert sie mit Würgehalsbändern, wenn sie Artgenossen nicht mögen. Berüchtigt sind seine Kicks in die Nierengegend des Hundes. Interessantes Beispiel ist sein «Show down with Holly», auch auf Youtube zu sehen. Millan will Holly’s Futteraggression kurieren. Er setzt ihr einen Napf vor, starrt sie an und nähert sich ihr. Die bedrohte Holly zeigt, dass er sich nicht nähern soll. Millan ignoriert die Warnung, schlägt Holly sogar gegen den Hals. Sie weicht zurück. Er bedroht sie weiter. Holly weicht weiter zurück und bleibt in Abwehrhaltung. Dann folgt die Schlüsselszene: Millan sagt, Holly sei entspannt, will sie über den Kopf streicheln. Sie beisst ihn in die Hand. Er tritt sie in den Bauch.

Die Szene verdeutlicht selbst dem unwissenden Zuschauer, dass Millan den Hund völlig falsch eingeschätzt hat. Er ist entlarvt als einer, der die Kommunikation und Ausdrucksweise des Hundes nicht versteht.

TV-Hunde-Erziehung ist Betrug. Man weiss nicht, was sich alles abgespielt hat, man sieht nur die gezeigten Bilder. Mit der Wahrheit rücken die wenigsten heraus, die bei Millan gewesen sind. Zu hoch sind die in den Verträgen festgelegten Geldstrafen, die den beteiligten Haltern drohen, wenn sie die Schweigepflicht brechen.

*Roman Huber ist Journalist der «Nordwestschweiz», Fachautor und Hundeverhaltenstrainer (IDBTS)