Debatte
Aktualisiert am 08.02.12, um 12:44
 

Überall weisse Flecken: Soll man die Strassen im Winter salzen?

Gesalzene Strassen wohin das Auge reicht: Für die einen ist es eine grosser Erleichterung, für die anderen eine grosse Pein. Ist es sinnvoll, im Winter verschneite Strassen zu salzen? Zwei az-Redaktoren im Duell.
 

Fein dosiert wie Salz in der Suppe

Pro Salzen: Hans Lüthi
Pro Salzen: Hans Lüthi
Quelle: az Aargauer Zeitung

Der Mensch kann ohne Salz nicht leben, das gilt für das Essen, das Fleisch, das Gemüse - und an strengen Wintertagen auch für unsere Strassen. Schneeglatte und vereiste Fahrbahnen sind gefährlich. Wenn Fussgänger auf glitschigen Trottoirs stürzen, kommt es schnell zu komplizierten Bein-, Schulter- und Knochenbrüchen, nicht nur bei älteren Leuten. Ohne Einsatz von Taumitteln würde der Verkehr schon wegen ein paar Schneeflocken schnell stillstehen.

Auf die richtige Dosierung kommt es an, wenn es um die Gesundheit der Menschen und der Umwelt geht. Darum wird das Salz nicht mehr schaufelweise auf Strassen und Plätze geschmissen, sondern nur noch äusserst sparsam eingesetzt. Der Strassenunterhalt des Kantons darf pro Streufahrt höchstens 15 Gramm pro Quadratmeter einsetzen - weniger als das Salz auf dem Frühstücksei. Diese Limite ist in den letzten Wintern regelmässig unterboten worden.

Richtiges Schneeräumen ist viel wichtiger, den guten Unterhaltsdiensten ist für ihre Nachteinsätze ein Kränzchen zu winden. Die schlechten sollten zu einem Kurs im Engadin verknurrt werden, weil dort die Strassen schon am frühen Morgen immer perfekt geräumt sind. Wenn im Aargau die wichtigsten Trottoirs erst zwischen 9 und 11 Uhr gepfadet werden, nützt das den Pendlern nichts mehr, die ab halb sieben Uhr zur Arbeit müssen.

Weisse Salzkrusten sind auf den Strassen wegen der Kältewelle nicht zu übersehen. Faktum aber ist: In dem ja bis vor kurzem milden Winter hat der Aargau bis heute von den 6000 Tonnen Streusalz erst 20 Prozent benötigt. In der Umwelthysterie vor rund 25 Jahren hiess es, die Bäume entlang der Strassen würden alle absterben. Aber sie leben noch und werden das bei Regen verdünnte Salz verkraften. Übrigens: Splitt hat die schlechtere Umweltbilanz.

Diese Suppe ist zünftig versalzen

Contra: Sabine Kuster
Contra: Sabine Kuster

Draussen ist alles weiss. Aber nicht wegen des Schnees. Wie ein Ausschlag ziehen sich die Salzränder über die Strassen bis in die Kaufhäuser hinein. Als es vor einer Woche doch noch so richtig kalt wurde, haben die Tiefbauämter und Hauswarte eifrig Salz gestreut. Sparen mussten sie nicht, die Vorräte waren noch voll. Gut, sind sie keine Köche: Diese Suppe wäre zünftig versalzen.

Das Salz frisst sich in die Schuhe, greift die Wurzeln an, lässt die Hunde mit schmerzenden Pfoten hinken, nagt an der Karosserie und bringt die Veloketten zum Gieren. Und das nur, damit wir wie immer mit Plastikschlappen die Post vom Briefkasten holen und auf den letzten Drücker zur Arbeit heizen können. Als gäbe es keine Jahreszeiten.

Der Grund, warum Salz gestreut wird, als käme die nächste Eiszeit, hat nichts damit zu tun, dass das Bruttoinlandprodukt sinken würde, wenn die Schweizer zwei Wochen lang verspätet zur Arbeit kommen würden. Auch würden
die Unfallversicherungen die paar Schadenmeldungen verkraften.

Nein, Salz wird gestreut wegen Artikel 58 des Obligationenrechts, der da lautet: «Der Eigentümer eines Grundstücks hat den Schaden zu ersetzen, den diese infolge von (...) mangelhafter Unterhaltung verursachen.» Zu Deutsch: Die Landbesitzer haften, wenn sich einer auf ihrem vereisten Hof das Bein bricht. Okay, aber herrschen an unseren Gerichten amerikanische Verhältnisse? Wann wurde das letzte mal einer verklagt, weil er zu wenig Salz streute? Wegen eines Paragrafen setzen Tiefbauämter und Hauswarte die Gesundheit der Pflanzen und Tiere aufs Spiel und sorgen für Reparaturkosten. Was nur die Garagisten freut.

Draussen soll es weiss sein. Aber ohne Salz. In den Bergen sind schneebedeckte Trottoirs im Winter die Regel. Sind wir Unterländer tatsächlich dusseliger und gebrechlicher als zum Beispiel die Bündner?

 

(az)
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