500'000 Franken aus dem Lotteriefonds hat die Zürcher Regierung für den Aufbau einer muslimischen Notfallseelsorge zur Verfügung gestellt. 2014 startete ein Pilotprojekt unter der Ägide der Vereinigung der Islamischen Organisationen in Zürich (VIOZ). Bereits im Herbst 2015 wurde das Projekt jedoch gestoppt. Es war in Verruf geraten, weil unter den 30 Absolventen einer für das Pilotprojekt lancierten Ausbildung ein Mitglied des umstrittenen Islamischen Zentralrats der Schweiz war. Nun lanciert die kantonale Justizdirektion einen Neustart und hat eine Arbeitsgruppe gebildet, worin neben der Direktion Justiz und Inneres und der VIOZ auch die katholische und die reformierte Kirche einsitzen.

Die halbe Million Franken sei zwar bereits ausgegeben, aber nicht vergebens, sagt Deniz Yüksel. Die Islamwissenschafterin ist vonseiten der Justizdirektion Teil der Arbeitsgruppe. Muris Begovic stimmt Deniz Yüksel zu. Er ist Sekretär der VIOZ und für den Aufbau der Notfallseelsorge zuständig: «Während des Pilotprojekts haben wir eine Infrastruktur aufgebaut, auf die wir nun zurückgreifen können.» Die 30 Absolventen der Ausbildung haben ihren Dienst zwar nie angetreten, dennoch habe man so die personellen Ressourcen erweitern können.

Grosses Interesse

Die Telefonnummer der muslimischen Notfallseelsorge ist nach wie vor in Betrieb, «und das Bedürfnis ist sehr gross», sagt Begovic. Das habe sich seit dem Pilotprojekt nicht geändert. Während der Periode des Aufbaus sei er mehrere Dutzend Male von Hilfesuchenden direkt kontaktiert worden. Meist seien das Muslime ausserhalb der Gemeinschaften, die einen Schicksalsschlag erfahren hatten. Oder es meldeten sich die Polizei, die Blaulichtorganisationen sowie christliche Seelsorger, die die Muslime im Einzelfall beizogen. Auch Lehrer, Lehrbetriebe, Sozialämter und Spitäler hätten ihn angerufen und sich nach den Inhalten und der Umsetzung des Projekts erkundigt, sagt Begovic.

Ziel der neugegründeten Arbeitsgruppe ist es nun, gemeinsame Kriterien für muslimische Seelsorger zu definieren, die sich an denjenigen der christlichen orientieren. Wie wichtig diese sind, habe auch das Pilotprojekt gezeigt, sagt Begovic: «Es fehlten Vorgaben über zulässige Ausschlusskriterien für potenzielle Seelsorger.» Für die VIOZ sei es wichtig, dass sie Personen, die als Seelsorger eingesetzt werden, persönlich kenne, dass diese einen guten Leumund haben und keine Einträge im Strafregister. «Grundsätzlich sollen sie den hohen Standards genügen, welche die Fachorganisationen für die Anerkennung einer professionellen Seelsorge verlangen.»

Finanzielles Ungleichgewicht

Zudem soll laut Deniz Yüksel in diesem Jahr ein Kooperationsprojekt in Zusammenarbeit mit der christlichen Seelsorge ins Leben gerufen werden, bevor eine eigenständige muslimische Notfallseelsorge ihren Betrieb aufnimmt. Der Knackpunkt ist die Finanzierung. Dort bestehe ein Ungleichgewicht. Ausbildung und Beschäftigung der christlichen Notfallseelsorger wird von den Landeskirchen übernommen. Die muslimischen Gemeinschaften verfügen aber über keine vergleichbaren Ressourcen, da die Gemeinschaften selbst nur von Spenden und Mitgliederbeiträgen finanziert werden.

Kirchen beraten

Die Kirchen seien bereit, Wissen und Sachleistungen beizusteuern, sagt Yüksel. Über die Finanzierung werde noch verhandelt. Für das Kooperationsprojekt werden vier bis fünf Personen benötigt, auf die man sich berufen kann, falls bei der Notfallseelsorge muslimischer Beistand angefordert wird. Das gelte etwa bei 50 Fällen pro Jahr, sagt Yüksel. Idealerweise handle es sich dabei um religiöse Betreuungspersonen. Imame seien aber meist bereits mit ihrer Hauptaufgabe des Vorbetens und der religiösen Betreuung ihrer Gemeindemitglieder beschäftigt und nicht immer abkömmlich, sagt Yüksel: «Das Projekt soll gerade diese Leute entlasten.» Für Ausbildungsmöglichkeiten schaue man auch zur Universität Bern, wo dieses Jahr ein überreligiöser Seelsorgelehrgang startet.

Ebenfalls in Kontakt stehe man mit dem Staatssekretariat für Migration, das seit Juli im Bundesasylzentrum Juch in Zürich einen Pilotversuch mit zwei muslimischen Seelsorgern finanziert. Denn mittelfristig besteht die Idee, die muslimische Notfallseelsorge auf andere Bereiche auszuweiten, wie die Seelsorge in Spitälern, Gefängnissen und Asylzentren. Gerade in Zürcher Spitälern fragen viele Muslime nach muslimischer Seelsorge, wie Muris Begovic sagt: «Wir können uns nicht nur auf die Notfallseelsorge fokussieren, sondern müssen diese Lösung viel breiter konzipieren.»