In den letzten Wochen ist schon einiges durchgesickert über «die grosse Entdeckung», nun ist sie offiziell: Forscher der Europäischen Südsternwarte (Eso) haben einen erdähnlichen Planeten gefunden, der um unseren Nachbarstern Proxima Centauri kreist. Das gaben die Astrophysiker gestern an einer Pressekonferenz bekannt. Publiziert wird die Forschung in der kommenden Ausgabe des Fachmagazins «Nature».

Es ist nicht nur der nächste extrasolare Planet ausserhalb unseres Sonnensystems, sondern auch einer der vielversprechendsten für ausserirdisches Leben. «Zu wissen, dass es einen solchen Planeten in unserer kosmischen Nachbarschaft gibt, ist enorm spannend», sag Francesco Pepe, Astrophysiker an der Universität Genf. Er vergleicht die Entdeckung mit anderen wichtigen Durchbrüchen in der Exoplanetenforschung, etwa mit dem Nachweis des ersten Planeten ausserhalb unseres Sonnensystems, der 1995 von Schweizer Astronomen entdeckt wurde.

1) Wie sieht der Planet aus?

Die Forscher gehen von einem erdähnlichen Felsplaneten aus, auf dem Wasser in flüssiger Form vorhanden sein könnte. Der Himmelskörper umkreist seinen Stern im genau richtigen Abstand, sodass die Temperatur auf der Oberfläche weder zu hoch noch zu niedrig ist für flüssiges Wasser. Da Proxima Centauri aber weniger hell ist als die Sonne, ist auch die Umlaufbahn des Planeten viel enger als jene der Erde; ein Jahr auf Proxima b dauert deshalb bloss 11 Tage.

Der Planet ist nur geringfügig schwerer als die Erde (1,3-fache Masse) und dürfte deshalb auch in seiner Zusammensetzung ähnlich sein. Denn Gasplaneten wie Jupiter sind in der Regel massiv schwerer. Wie es aber auf dem Planeten aussieht, weiss niemand. Die Visualisierung oben zeigt bloss, wie es dort aussehen könnte. Man kann Proxima b nicht einmal durch das beste derzeit existierende Teleskop sehen, sondern nur als Signal registrieren.

2) Wie wurde der Planet gefunden?

Da der Planet von seinem Stern überstrahlt wird, kann man ihn nicht direkt beobachten. Die Forscher konnten die Existenz des Himmelskörpers aber durch die sogenannte Radialgeschwindigkeitsmethode nachweisen. Bei dieser Methode wird der Stern auf winzige Wackelbewegungen hin untersucht. Es handelt sich dabei um die Ausgleichsbewegungen des Sterns, die durch einen Planeten hervorgerufen wird, dessen Schwerkraft an ihm zerrt.

Erspäht wurde der Planet vom La-Silla-Observatorium in Chile. Das Lichtflackern wurde mit einem Spektrografen namens Harps gemessen, der unter Federführung der Universität Genf konstruiert wurde. Möglich wurde die Entdeckung, nachdem das Präzisionsmessgerät letztes Jahr noch einmal verbessert wurde.


Doch bei diesem indirekten Nachweis soll es nicht bleiben. An der Pressekonferenz sagte John Barnes, einer der Entdecker: «In Zukunft wird es möglich sein, den Planeten zu fotografieren. Die Technologie dafür wird gerade entwickelt.»

3) Leben dort Ausserirdische?

Das wissen wir nicht. Möglich aber wäre es, da sich der Planet in der sogenannten bewohnbaren Zone befindet, in der flüssiges Wasser existieren kann – nach heutiger Kenntnis eine Bedingung für Leben. Der Planet müsste aber auch eine Atmosphäre haben, welche für die nötige klimatische Stabilität sorgen würde. Inwiefern der Planet aber von einer solchen Schutzhülle umgeben ist, wissen die Forscher nicht. Seine Erdähnlichkeit lässt das aber vermuten.

Allerdings dürfte das Leben dort doch ziemlich anders sein als auf der Erde. Proxima Centauri leuchtet bedeutend weniger hell als die Sonne. Ausserdem handelt es sich um einen sogenannten Flackerstern, der sehr aktiv ist und zu apokalyptischen Ausbrüchen neigt, indem er hochenergetische Röntgen- und UV-Strahlungen auf seinen Planeten entlässt.

4) Töten die UV-Strahlen von Proxima Centauri nicht alles Leben?

Nicht unbedingt. Die Lebewesen könnten sich daran anpassen, in dem sie die gefährliche UV-Strahlung dank Fluoreszenz in harmloses sichtbares Licht umwandeln. Auf der Erde beherrschen beispielsweise einige Korallen diesen Prozesses. In einem weiteren Fachartikel, der parallel zur Entdeckung von Proxima b veröffentlicht wurde, untersuchen Forscher diese Möglichkeit. «Die gewaltigen Strahlungsausbrüche des Sterns könnten – anstatt das Leben auszulöschen – von Lebewesen genutzt werden, um Licht und Energie zu gewinnen», sagt Lisa Kaltenegger von der Cornell University in New York, die an der Studie beteiligt war. Das fluoreszierende Glimmen hätte ausserdem den Vorteil, dass wir es vielleicht mit einem Teleskop von der Erde aus aufspüren könnten.

5) Wie können wir Ausserirdische finden?

Indem wir die Atmosphäre des Planeten auf Hinweise von Leben untersuchen. Das könnte das oben genannte fluoreszierende Glimmen sein, aber auch bestimmte Gase. Findet man sowohl Spuren von Sauerstoff als auch von Methan, so wäre das ein klarer Hinweis auf Leben. Denn normalerweise reagiert Methan mit Sauerstoff zu Wasserdampf und Kohlendioxid. Auch wenn wir also unsere kosmischen Nachbarn nicht direkt sehen würden, wüssten wir, dass es sie auf Proxima b geben müsste. «Das könnte die wichtigste Entdeckung sein, welche die Menschen jemals gemacht haben», prophezeite Eso-Direktor Tim de Zeeuw gestern an der Medienkonferenz.

6) Und wie soll das genau gehen?

Mit einer neuen Generation von Teleskopen – James-Webb-Teleskop und das European Extremely Large Telescope – wird es in wenigen Jahren möglich sein, den sogenannten spektralen Fingerabdruck eines Planeten zu analysieren. Das Sternenlicht, das vom Planeten reflektiert oder gefiltert wird, verändert sich, je nachdem welche Gase sich in der Atmosphäre befinden. So kann deren Zusammensetzung entschlüsselt werden.

7) Wäre es auch möglich, mit Ausserirdischen zu kommunizieren?

Sollten auf Proxima b tatsächlich Ausserirdische wohnen, so wäre die Kommunikation mit ihnen nicht ganz ausgeschlossen. Allerdings wüssten wir nicht, in welcher Sprache und auf welchem Kanal wir mit ihnen sprechen sollen. Verschiedene Forschungsprojekte suchen schon seit längerem nach ausserirdischen Signalen. Sie dürften ihre riesigen Radioteleskope in Zukunft vermehrt Richtung Proxima Centauri ausrichten. Wir könnten natürlich auch versuchen, den Aliens mit Lichtgeschwindigkeit eine Nachricht zu schicken. Würden unsere kosmischen Nachbarn unmittelbar reagieren, so hätten wir 8,6 Jahre später ihre Antwort.

8) Können wir die zweite Erde besuchen?

Das wird schwierig. Mit einer konventionellen Raumsonde bräuchten wird mehrere Jahrtausende. Allerdings tüfteln Ingenieure schon lange an neuen Antrieben. So will etwa der russische Milliardäre Juri Milner mit einem «Breakthrough»-Projekt zeigen, dass es möglich ist, eine Minisonde mit Lichtsegel und mittels sehr starken Lasern auf einen Fünftel der Lichtgeschwindigkeit zu beschleunigen. Damit würde sich die Reisezeit nach Proxima b auf 20 Jahre verkürzen. Auch die Entdecker des erdähnlichen Planeten wollen eine Reise dorthin nicht ausschliessen, auch wenn das noch dauern wird. Den Planeten mit Robotern zu erkunden, so schreiben sie in «Nature», könnte in den nächsten Jahrhunderten möglich sein.