Herr Kuhl, Sie sind Grafiker. Gefallen Ihnen die Noten, welche die Schweizer Nationalbank im Frühling einführt?

Hans-Jürgen Kuhl: Nein, überhaupt nicht. Die sind ja so was von langweilig. Die kalten Farben liegen gar nicht im Trend. Die Scheine sollten fürs Volk gemacht werden. Doch das sind sie nicht. Irgendein Beamter hat sie wohl ausgewählt, weil er denkt, die seien künstlerisch gut gemacht. Das sind sie – im Gegensatz zu den aktuellen – aber nicht.

Was ist an der aktuellen Serie besser?

Ich hab mir diese Scheine sehr oft angeschaut, es sind im internationalen Vergleich die schönsten, die ich kenne. Grafisch gut gemacht, farblich stimmig komponiert, mit allen notwendigen Sicherheitsmerkmalen.

Hans Jürgen Kuhl: Deutschlands bester Geldfälscher

Apropos Sicherheit: Wie sieht es damit bei den neuen Noten aus?

Auf den Entwürfen sind die Sicherheitsmerkmale ja noch nicht sichtbar. Diese will man erst im letzten Moment preisgeben, um es Fälschern schwieriger zu machen. Das ist Quatsch. Niemand wird je versuchen, eine Note zu fälschen, bevor er sie in der Hand hält.

Werden die Noten fälschungssicher sein?

Sicher nicht. Alles, was man an Sicherheitsvorkehrungen in die Noten integriert, kann man heute fälschen. Es ist nur eine Frage des Aufwandes. Das silbrige Hologramm auf den neuen Noten ist bloss etwa 1,5 Zentimeter gross, das ist lächerlich. Damit macht man es den Fälschern einfach.

Kürzlich wurden neue 20-Euro-Noten eingeführt. Bieten diese mehr Sicherheit?

Die sind fast so, wie ich sie machen würde. In die Note ist ein Loch gestanzt worden, in das eine Folie mit einem Hologramm mit der Göttin Europa eingefügt wurde. Dieses Merkmal ist um einiges sicherer als ein normales Hologramm. Es gibt aber ein Problem: Wie bei der Schweizer Note ist es zu klein.

Umfrage

Sind unsere Banknoten anfällig für Fälschungen?

53.5%

Ja

46.5%

Nein

Sie wurden international bekannt, weil sie hochprofessionell Dollar fälschten. Angenommen, wir als Laien möchten die neuen Schweizer Noten imitieren. Wie müssten wir vorgehen?

Zuerst brauchen Sie ein gutes Kopiergerät, die sind nicht ganz billig – mindestens zehntausend Franken. Das geeignete Naturpapier, das unter der Lampe nicht so blau leuchtet, kriegt man problemlos. Um abends in der Bar eine Note loszuwerden, reicht das. Eine gute Fälschung ist das aber natürlich noch nicht.

Ihre Dollar-Fälschungen hingegen waren «erschreckend perfekt», wie das Bundeskriminalamt (BKA) feststellte. Warum haben Sie eigentlich nicht Euros kopiert? 

Es war eine Auftragsarbeit von einem Mann, der die Noten in den Irak verkaufen wollte. Da hatte ich moralisch keine grossen Bedenken – das ist ja so weit weg. Bei Euros hätte ich mehr Skrupel gehabt. Wenn sich ein unschuldiger Bürger mit einem gefälschten Schein Zigaretten kaufen möchte und das bemerkt würde, bekäme er ja nicht einmal einen Ersatz vom Staat. 

Die neue 50er-Note kommt im April in Umlauf.

Die neue 50er-Note kommt im April in Umlauf.

Mit der Moral zu argumentieren, ist wohl für einen Geldfälscher nicht angebracht.

Klar, es ist ein Verbrechen, das hart bestraft wird. Man bekommt dafür im Minimum sechs Jahre Haft.

So viel, wie Sie erhalten haben.

Ja, weil ich geständig war. Ich habe ja auch keine einzige Note in Umlauf gebracht.

Sie haben 16,5 Millionen Dollar gedruckt, doch keinen einzigen unter die Leute gebracht?

Nachdem mein Auftraggeber den ersten Musterschein abgeholt hatte, sagte der potenzielle Abnehmer, er wolle nun doch keine Dollar, sondern Euros. Ich teilte ihm mit, dass ich keine Euros mache. Natürlich hätte ich die Dollars dann verbrennen können – doch das reute mich, schliesslich hatte ich so lange daran gearbeitet. Also versteckte ich sie in einem Container in einem Kölner Hinterhof.

Wie kam man Ihnen auf die Schliche?

Wegen des Abfalls. Ich liess die Fehldrucke durch den Schredder, steckte die Schnipsel in Müllsäcke und brachte sie in die Verbrennungsanlage. Das waren etwa hundert Säcke. Einer davon platzte auf. Dummerweise war im Sack auch noch eine Rechnung mit meiner Anschrift drauf. 

Der Geldfälscher

Er wurde 1941 geboren und absolvierte eine Lehre als Fotokaufmann, arbeitete als Grafiker, Künstler und Modedesigner – ehe er als Geldfälscher berühmt wurde. In den 60er-Jahren kam er in Kontakt mit der Kölner Unterwelt. «De Duv» («Die Taube») nannten sie ihn. Warum, weiss er heute auch nicht mehr genau. In den frühen 70er-Jahren kam er zu Reichtum, indem er Hotpants aus Leder schneiderte und verkaufte. Später versuchte er sich als Maler und galt als einer der besten Imitatoren von Andy Warhol. Für einen Auftraggeber begann er dann 16,5 Millionen Dollar in 100er-Noten zu fälschen. Die Noten galten als nahezu perfekt, schafften es aber nie in den Umlauf. Durch eine verdeckte Ermittlerin wurde Kuhl dann überführt und zu einer Freiheitsstraffe verurteilt. Heute arbeitet er wieder als Grafiker in Köln. 

Ein krasser Anfängerfehler.

Na ja, es war auch Pech. Der Gabelstapelfahrer auf der Mülldeponie ist unglücklich in den Sack hineingefahren.

Und dann?

Dann wurde ich etwa neun Monate lang von der Polizei abgehört, weil sie herausfinden wollten, was ich mit den noch existierenden, gefälschten Noten beabsichtige. Sie stellten fest: Der macht ja gar nichts damit. Also schalteten sie einen Gang höher und setzten eine verdeckte Ermittlerin – eine bildhübsche, junge Frau – auf mich an. Sie brachte mich nach vier Monaten dazu, ihr gefälschte Noten auszuhändigen. Beim vereinbarten Moment der Übergabe wurde ich verhaftet.

Die Ironie der Geschichte – der Fälscher wird von einer Fälschung getäuscht.

Ja, ja (lacht). Aber die Ermittlerin sah so gut aus und erzählte eine glaubwürdige Story. Später habe ich dann erfahren, dass ein ganzes Team von Psychologen hinter ihr stand, um sie zu beraten.

War die Verhaftung eine Art Erlösung für Sie?

Ja, schon ein bisschen. Die Zeit davor war sehr stressig. Ich dachte, so, jetzt hast du es hinter dir. Ich habe mich auch gar nicht gross aufgeregt.

Können Sie verstehen, dass man Sie bestraft hat?

Manche finden, ich habe eine sehr kriminelle Straftat begangen. Doch wenn ich jemanden zum Krüppel geschlagen hätte, hätte ich wohl nur drei Jahre bekommen.

Das klingt so, als wenn Geldfälschen ein Kavaliersdelikt wäre.

Ach, für die Ganoven natürlich nicht. Aber ich habe ja keinem wehgetan und keinen geschädigt. Meine Noten waren künstlerisch sehr gut.

Jetzt tun Sie doch nicht so, wie wenn Geldfälschen in Ordnung wäre. Letztlich trieb Sie doch die Geldgier an.

Es gibt wohl keinen Grafiker oder Drucker, der sich nicht zumindest schon mal Gedanken dazu gemacht hat, Geld zu fälschen. Man weiss, Dutzende Spezialisten waren daran beteiligt, den Schein fälschungssicher zu machen – und man will sie überlisten. Das ist eine Herausforderung. Aber natürlich denkt man sich dabei auch, dass es schön wäre, die Rente aufzubessern.

Ist Geldfälschen Kunst?

Wenn man es richtig machen will, ja. Es ist technisch anspruchsvoll und man muss kreative Lösungen finden.

Den Grossteil Ihrer Strafe haben Sie in Halbgefangenschaft verbüsst. Mit anderen Worten: Eigentlich haben Sie gar nicht richtig gebüsst.

Doch. Die Firma ging kaputt, meine Rente ist futsch. Das Ganze hat mich fast eine Million gekostet. Ich habe heute noch Schulden beim BKA. Ich werde arbeiten müssen, bis ich umfalle.

Bereuen Sie Ihre Tat?

Natürlich. Es hat mir nur Ärger eingebracht und mich viel Geld gekostet.

Lohnt es sich überhaupt, Schweizer Banknoten zu fälschen?

Eigentlich nicht. Der Markt ist zu klein, da macht sich kaum einer dran. Warum auch? Es ist genauso aufwendig wie Dollars oder Euros, aber die kann man in viel mehr Ländern unterbringen. Ich glaube, dass der Schweizer Franken gar nicht gefälscht wird – abgesehen von ein paar stümperhaften Schülern, die mal eine Note in den Kopierer legen.

Würden Sie gerne als Experte zur Seite stehen, wenn ein Staat neue Banknoten herausgibt?

Das würde mich schon reizen. Aber das machen die Behörden in Deutschland nicht – was ich überhaupt nicht verstehe. Man könnte viel Know-how abholen. Da ist der Film «Catch me if you can», wo ein ehemaliger Fälscher die CIA berät, der Realität voraus (lacht).

Offenbar machte nur der nordkoreanische Diktator Kim Jong Il die noch besseren Fälschungen als Sie. Nervt Sie das?

Wissen Sie, er investierte wohl zwischen 50 und 100 Millionen Dollar in die Maschinen und zog die besten Grafiker aus dem Land zusammen. Das gab ganz gute Resultate. Anhand der Nummern auf den Noten erkennen die US-Behörden aber jede Fälschung.

Sie haben ja auch als Künstler gearbeitet und konnten Andy Warhols Stil sehr gut imitieren. Warum wurden sie nicht zum Kunstfälscher?

Stimmt, damit könnte man viel mehr Geld verdienen. Einmal kam tatsächlich einer zu mir und wollte, dass ich für eine halbe Million einen Warhol fälsche. Doch ich habe abgelehnt. Es ging mir finanziell gut, ich hatte das gar nicht nötig.

Werden Sie heute manchmal auf der Strasse angesprochen?

Ja, das kommt schon vor. Ich kriege auch manchmal Einladungen und geniesse bei gewissen Leuten eine Art Heldenstatus. Mir ist das aber eigentlich unangenehm.

Und wenn Ihnen jemand noch einmal viel Geld bieten würde fürs Fälschen von Banknoten. Würden Sie es tun?

Nein, um Gottes Willen. Das habe ich auch dem Staatsanwalt versprochen (lacht).