Man sagt, es sei kein Zuckerschlecken, das Hüttenleben. Der Tag beginnt mitten in der Nacht, wenn die ersten Bergsteiger das Frühstück wollen, er endet spät abends und nichts zu tun gibt es nur, wenn es draussen nebelt, nieselt oder schneit.

Das Buch «Bergfieber» über Hüttenwartinnen von Daniela Schwegler ist dennoch ein Sehnsuchtsbuch. Ein solches ist ihr bereits mit «Traum Alp, Älplerinnen im Porträt» 2013 gelungen. Der Einstieg ins Buch geschieht von alleine: über die Fotos. Die beiden Fotografen Stephan Bösch und Vanessa Püntener schaffen es, die zwölf Frauen  immer wieder ganz anders darzustellen – obwohl alle in oder vor ihren Hütten fotografiert wurden. Vielleicht sind es sogar die Fotos, die am meisten Sehnsucht erzeugen und das Hüttenleben wohl doch verklären: Die Katze draussen auf der Sitzbank, die Hüttenwartin wie sie im See nackt badet, dampfendes Essen und immer wieder: Berggipfel.

Das gelobte Leben in der Natur

Von den zwölf Frauen, welche die Autorin besucht hat, ist keine darunter, die nicht schwärmt von ihrer Arbeit hoch oben, abseits der Zivilisation. Sie mögen die Einfachheit, sie mögen ihre Gäste und nehmen das Wetter, wie es kommt. Nur die Pflanzen, die fehlen ihnen. Zumindest jenen Hüttenwartinnen, die nur von Stein oder gar vom Gletscher umgeben zu Hause sind: Die 32-jährige Sarah Benz in der Konkordiahütte über dem Aletschgletscher zum Beispiel, die dort sogar ihr zweites Kind zur Welt gebracht hat. Oder die 79-jährige Erna Brunner, die ihr Leben in der Mutthornhütte verbracht hat. «Manchmal hatte ich schon Mühe, den ganzen Sommer hier oben zu verbringen – im ewigen Schnee und Eis, ohne Grün, ohne Blumen, ohne Bäume», erzählt sie.

Anne-Marie Dolivet, Hüttenwartin auf der Cabane Bertol bei Arolla sagt: «Die nackten Füsse ins frische Gras setzen, den Duft der Erde einzuatmen! Das sind meine grossen Glücksmomente, wenn ich von der Hütte runterkomme!» Fünf Monate lebt sie jeweils auf atemberaubenden 3300 Metern, die Hütte liegt so ausgesetzt und an den Fels geklebt, dass man sie nicht einmal ganz umrunden kann. Anne-Marie Dolivet sagt: «Es ist auch schwierig, hier fünf Monate lang zu bleiben – denn die Hütte ist auch ein Gefängnis.» Und doch findet sie die Bertol die «aller-, allerschönste überhaupt» der Berghütten. Wenn sie einmal nicht mehr gehen könne, lasse sie sich im Rollstuhl hochfliegen. «So stelle ich mir das vor. Denn ohne Berge könnte ich nicht leben!»

Ohne das Tal gehts nicht

Sie lieben die Berge, diese zwölf Frauen. Und doch machen die meisten einen Spagat zwischen dem Stadt- und dem Bergleben. Sogar Anne-Marie Dolivet auf der Cabane Bertol. Sie besucht regelmässig in Lyon ihre Familie und Freunde und geniesst dort die Architektur, Kino, Theater und das Savoir-vivre.

Claudia Drilling von der Chamanna Jenatsch packt es manchmal auch. Dann sitzt sie ins Auto und fährt nach Zürich. «Mal wieder Stadtluft schnuppern», sagt sie. Neben ihrem Job als Hüttenwartin arbeitet sie in Chur als Architektin.

So machen es die meisten: Sie haben ein zweites Standbein unten im Tal, denn nicht alle können in der Zwischensaison von dem Leben, was sie in der Hütte erwirtschaftet haben. Und nur ständig die Hüttenküche zu sehen, das ginge wohl doch nicht.

Trotz ihrem abgelegenen Arbeitsort bekommen die Hüttenwartinnen viel von der Welt mit: Die Gäste erzählen ihnen ihre Geschichten. Das fällt oberhalb der Baumgrenze offenbar leichter. Dabei haben die zwölf Frauen selbst am meisten zu erzählen. Daniela Schwegler hat ihnen zugehört und aufgeschrieben, was die Gäste meist nicht erfahren. Denn wenn sie da sind, haben die Hüttenwartinnen viel zu tun. Und wenn es still, aber wüst ist, sind die Gäste nicht da.

Daniela Schwegler Bergfieber, Hüttenwartinnen im Porträt, Rotpunktverlag, 256 Seiten mit Farbfotos von Stephan Bösch und Vanessa Püntener. Fr. 38.–.