«Es ist wie im Dschungel hier», sagt der Biologe Alton Higgins. «Weite Gebiete sind völlig unerschlossen. Die Vegetation ist dicht und die Biodiversität sehr gross.» Die Fotos, die er zeigt, untermauern seine Worte: Grüne Hügel, so weit das Auge reicht, ein wilder Bach, der sich einen Weg durch dichtes Buschwerk bahnt. Die Landschaft erinnert eher an Zentralafrika als an die USA, doch sie befindet sich in den Ouachita-Bergen im Herzen Nordamerikas.

Hier, in dieser wilden Region in Oklahoma sucht eine Gruppe von amerikanischen Forschern nach einem Phantom. Eine unbekannte Menschenaffenart – so behaupten sie, lebe in diesen Wäldern. Ein Tier wie der Gorilla oder der Schimpanse, das auf zwei Beinen wie der Mensch gehe und extrem schnell und scheu agiere.

«Wir haben sie mittlerweile Dutzende Mal gesehen», sagt Higgins. «Verschiedene Tiere. Jungtiere, ältere. Eines, das wir immer wieder zu Gesicht bekommen, nennen wir Old Grey. Das Tier ist rund zwei Meter gross, muskelbepackt und von silbergrauem Haar bedeckt.» Er selbst habe Old Grey gesehen, als das Tier über eine Lichtung gehuscht sei. Ein anderer Forscher habe es beim Überqueren eines Flusses beobachtet – trotz seiner Grösse und Statur sei es völlig lautlos und elegant über die Steine ins Unterholz geflüchtet. 

Ape Hunters – sie wollen einen Bigfoot töten als Beweis. Chris Buntenbah, NAWAC

Ape Hunters – sie wollen einen Bigfoot töten als Beweis. Chris Buntenbah, NAWAC

Die Berichte von Alton Higgins und der North American Wood Ape Conservancy (NAWAC) klingen fantastisch. So fantastisch, dass sie aus der Feder des Schriftstellers Arthur Conan Doyle stammen könnten. Ähnlich wie dessen Figuren in «The Lost World» behaupten die NAWAC-Forscher, auf eine Art vergessene Welt mit urzeitlichen Kreaturen gestossen zu sein. «Ich würde es wohl selbst nicht glauben, wenn es mir jemand erzählen würde», sagt Daryl Colyer. «Ich kann aber nur betonen, dass unsere Berichte wahr sind und diese Tiere ohne Zweifel existieren.»

18 eindeutige Sichtungen

Colyer ist Ex-Militär und studierter Historiker aus Texas, der heute in der Privatwirtschaft tätig ist. «Die jüngste Expedition im Sommer 2014 dauerte knapp vier Monate, rund 40 Personen nahmen teil», erzählt er. In kleinen Gruppen begaben sich die Forscher in das entlegene Tal und verbrachten dort Tage bis Wochen. «In den insgesamt
122 Tagen gab es 18 eindeutige Sichtungen.» Allein Alton Higgins habe viermal einen der ominösen Affen gesehen.

Colyer verzeichnete auch Ereignisse, welche die Forscher mittlerweile mit den mysteriösen Affen in Verbindung bringen. So etwa Steinwürfe ins Lager der Forscher – insbesondere das Hüttendach sei ein beliebtes Ziel – oder das Ausreissen und Umstossen von kleineren Bäumen.

Sie sind zwar eindrücklich, die Erfahrungen von Higgins und Colyer, aber nicht einzigartig. An verschiedenen Orten Amerikas werden immer wieder grosse, affenähnliche Wesen gesehen, vor allem in den stark bewaldeten Gebieten im Nordwesten. Die Kreaturen sind unter dem Begriff Bigfoot bekannt – wegen der riesigen Spuren, die sie hinterlassen sollen. Manche nennen sie auch Sasquatch – ein aus der Sprache von Ureinwohnern abgeleitetes Wort, das Waldmensch bedeuten soll. Higgins und seine Mitstreiter nennen sie «wood apes», Waldaffen. Sie wollen sich vom Begriff Bigfoot abgrenzen – er sei zu negativ behaftet. Zu sehr bringe man ihn mit Boulevardpresse, Fälschungen und Spinnern in Verbindung, so Colyer.

Im Jahr 2008 behauptete ein Mann aus Georgia etwa, einen Bigfoot geschossen zu haben. Seine Geschichte dominierte wochenlang die Schlagzeilen der Presse. Am Ende stellt sich das Ganze als Bluff heraus.

Offiziell existiert der Bigfoot nicht. Die meisten Wissenschafter lachen über die Behauptungen von Bigfoot-Forschern. Auch für den Primatologen Thomas Geissmann von der Universität Zürich haben solche Berichte bloss Unterhaltungs- und keinen wissenschaftlichen Wert. «Ich glaube keine Sekunde lang, dass der Bigfoot existiert», sagt der Affenforscher, der sich auf die Gibbons spezialisiert hat. Ausserdem würden die Menschenaffen im tropischen Dschungel leben. «Ich habe die Berichte der NAWAC zwar nicht gelesen, aber ich kenne die Behauptungen von Bigfoot-Forschern zur Genüge Sie haben mich nie überzeugt.»

Ein totes Tier als Beweis

Die Berichte der NAWAC sind aber glaubwürdiger als andere. Das liegt insbesondere an der grossen Anzahl an Wissenschaftern, welche involviert sind. Was die NAWAC vorweisen kann, sind allerdings in erster Linie Behauptungen. Und dafür können sie keine Beweise vorweisen. Ein Umstand, den Geissmann kritisiert: «Es wäre doch einfach, ein gutes Foto von diesen Tieren zu bekommen», sagt er. «Die Forscher müssten nur einige Foto-Fallen in der Region aufstellen, dann sollten sie früher oder später eine klare Aufnahme erhalten.»

Diesen Versuch unternahm die NAWAC. «Es war jedoch ein Flop», sagt Colyer. «Wir erhielten Hunderte Aufnahmen von Schwarzbären, aber keine einzige von einem wood ape.»

Indizien zu sammeln, sei mittlerweile nicht mehr das Ziel der NAWAC, erklärt er. Denn die würden weder für die Wissenschaft noch für die Regierung reichen. Nur ein totes Exemplar kann ihre Existenz eindeutig belegen. Deshalb jagen die NAWAC-Forscher nicht mehr mit Kameras durch den Wald, sondern mit grosskalibrigen Waffen.

Colyer kam dem ultimativen Beweis schon sehr nahe – im Jahr 2011. Damals feuerte er mit seinem Gewehr auf ein Tier, das sich geschmeidig durchs Unterholz bewegte. «Wir fanden Blutspritzer auf einem Stein, doch keine Leiche.» Es sei unglaublich schwierig, diese Tiere zu jagen, erklärt der erfahrene Jäger. «Diese Tiere sind wie Ninjas: extrem schnell und lautlos.» Noch näher dran als Colyer war NAWAC-Kollege Travis Lawrence im Sommer 2013.

In jener Nacht hatte sich Lawrence in einem Zelt positioniert – mit einem Gewehr, das über ein Wärmebild-Zielfernrohr verfügt. Die Wärmebild-Technologie, die etwa von Rettungskräften bei der Suche nach vermissten Personen eingesetzt wird, ermöglicht es, Lebewesen in absoluter Dunkelheit zu sehen.

Alton Higgins befand sich in der Nähe von Lawrence in einem anderen Zelt. Er sollte als eine Art Köder dienen und das Interesse der wood apes wecken. Um etwa 4 Uhr sei er erwacht. Dann habe er mit dem Reissverschluss am Zelteingang Lärm gemacht, um das Interesse eines allfällig lauernden Affen zu wecken. Lawrence rekapituliert, was danach geschah: «Plötzlich sah ich eine leuchtende Gestalt in der Nähe von Altons Zelt. Ich sah nur den Oberkörper, der untere Teil war von Büschen verdeckt. Die Figur war gross, hatte einen spitz zulaufenden Kopf und mächtige Trapeziusmuskeln – für mich war klar, was ich da sah.» Innert Sekunden richtete Lawrence das Fadenkreuz auf den Kopf der Kreatur und drückte ab. «Ich dachte, dass es geschafft wäre.»

Doch die Ernüchterung kam schnell: Trotz intensiver Suche fanden sie keine Leiche. Dafür stiessen sie dort, wo Lawrence die Kreatur gesehen hatte, auf mehrere Zweige mit Löchern. «Das Projektil wurde entscheidend abgelenkt», sagt Lawrence. Hätte er getroffen, wäre die Welt um ein faszinierendes Rätsel ärmer, die Wissenschaft dafür um eine sensationelle Entdeckung reicher.

Die Jagd nach der DNA

Der wood ape wäre eine von rund 30 Säugetierarten gewesen, die 2013 entdeckt wurden. Selbst heute, in einer Welt, in der die Menschen in die abgelegensten Winkel der Erde vorgedrungen sind und uns Google und Wikipedia ein Gefühl von Allwissenheit und Übersicht vermitteln, werden neue Lebewesen entdeckt.

UZH-Primatologe Thomas Geissmann kritisiert das Vorgehen der NAWAC. «Ich bin sicher, dass es nicht nötig ist, ein Exemplar zu töten. Ich habe mehrere neue Affenarten beschrieben und musste dafür nie ein Tier töten.»

2005 beschrieben Geissmann und Kollege Urs Thalmann eine neue Lemurenart. Dafür reichten Haare sowie Foto- und Videomaterial und Tonbandaufnahmen. «Es benötigt doch nur ein paar Haare von einem Bigfoot, um zweifelsfrei zu sagen, ob er existiert und worum es sich handelt.»

Alton Higgins kann die Argumentation Geissmanns nachvollziehen. «Wir haben jahrelang versucht, an DNA zu gelangen.» Nachdem Colyer auf ein Exemplar geschossen habe, seien Blutspuren gefunden worden, jedoch erst mehrere Tage später. «Das Blut war ausgetrocknet, sodass die Analysen keine DNA zutage förderten», sagt Higgins.

«Sie ähnelten Schimpansen»

DNS-Spuren müssten in grosser Menge vorhanden sein. «Doch unsere Erfahrungen haben gezeigt, dass es sehr schwierig ist, welche zu bekommen. Ausserdem sind die Analysen sehr teuer. Wir sind deshalb überzeugt, dass es am effizientesten ist, ein Exemplar zu erlegen. Es ist moralisch vertretbar, vor allem, weil es der erste Schritt zum Schutz der Tiere darstellt.»

«Wir wissen zwar nicht, wie viele wood apes in dieser Region oder in ganz Nordamerika leben und ob sie überhaupt gefährdet sind», sagt Higgins. «Dass wir an diesem Ort Tiere verschiedener Grösse und Haarfarbe beobachten, deutet auf eine grössere Gruppe hin.» Insbesondere eine Sichtung im vergangenen Sommer sei bedeutsam: Vier Jungtiere, die von einem Baum kletterten und flüchteten. «Sie ähnelten Schimpansen und flüchteten auf allen Vieren», erinnert sich Augenzeuge Travis Lawrence. Aus der Sichtung könne geschlossen werden, dass mehrere Mütter im Tal lebten. Higgins sieht den Ort als ein Refugium, ein Zufluchtsort, wo sich die Tiere in Ruhe ernähren und fortpflanzen können. «Wir wissen nicht, wie viele solche Refugien es in Nordamerika noch gibt. Möglicherweise ist es eines der letzten.»