Dass Snap Inc., die Firma hinter dem Messenger Snapchat, kurz vor dem Börsengang steht, ist eine unglaubliche, ja gar eine filmreife Geschichte. Aber es ist eine Geschichte, die Mark Zuckerberg mit Facebook bereits vor fünf Jahren geschrieben hat: Ein Jungunternehmer, der das Studium abbricht, um sein eigenes Startup zu gründen. Ein soziales Netzwerk, das von amerikanischen Universitäten aus die ganze Welt erobert. Firmenwerte von mehreren Milliarden, kostspielige Gerichtsverhandlungen und zahllose Diskussionen über Datenschutz.

Die Grundidee von Snapchat ist absolut simpel: Nutzer können Fotos und Textnachrichten verschicken, welche nach einmaligem Anschauen sofort wieder gelöscht werden. Vor sechs Jahren hatte der Amerikaner Evan Spiegel die App lanciert – heute hat sie täglich rund 150 Millionen Nutzer und einen geschätzten Wert von 25 Milliarden.

Vor allem bei Teenagern ist Snapchat äusserst beliebt. Über einen möglichen Börsengang der Firma spekulieren Experten schon seit längerem, vor zwei Wochen wurde der IPO schliesslich offiziell angekündigt. Nachdem in den vergangenen Jahren nur sehr wenige Tech-Firmen diesen Schritt gewagt haben, diskutieren Investoren jetzt intensiv, wie die Märkte wohl auf Snap reagieren werden.

Dabei wird auch immer wieder auf den Börsengang von Mark Zuckerberg und Facebook verwiesen, welcher 2012 als Desaster in die Geschichte des Silicon Valley eingegangen ist. Unterdessen ist die Aktie zwar profitabel und steigt sukzessive, aber die gewaltigen Verluste in den ersten sechs Monaten an der Börse bleiben unvergessen.

Das schafft sonst nur Apple

Ebendieser Zuckerberg könnte mit seinen dreisten Snapchat-Kopien jetzt auch dafür sorgen, dass die trendige Firma vor dem Börsengang doch noch ins Taumeln gerät. Schliesslich hat der Facebook-CEO mit Evan Spiegel noch eine Rechnung offen – und zwar eine in Milliardenhöhe.

Denn so ähnlich die Geschichten sind, die Zuckerberg und Spiegel mit ihren Unternehmen schreiben, so grundverschieden sind die beiden Jungunternehmer: Zuckerberg, der introvertierte Nerd auf der einen Seite – Spiegel, der arrogante Partygänger, auf der anderen. Es herrscht eine erbitterte Rivalität zwischen den beiden Tech-Konkurrenten.

Aber auch diese Geschichte wurde in ähnlicher Form bereits geschrieben – und zwar in den 90er-Jahren, als Bill Gates von Microsoft und Steve Jobs von Apple gegeneinander um die Vormachtstellung im Computermarkt kämpften.

Ähnlich wie Steve Jobs damals mit Apple hat es auch Spiegel geschafft, einen regelrechten Hype um seine Firma zu entfachen. Im Gegensatz zu Gates und Zuckerberg sehen sich Jobs und Spiegel nicht als Ingenieure, sondern als Designer. Sie wissen, was ihre Kunden wollen, und setzen auf Fun. Damit verkaufen sie nicht nur ihre Produkte, sondern auch ihre Marke.

Eindrücklich gezeigt hat sich das, als Snap im vergangenen Herbst die Videobrille Spectacles lancierte: Ein Lifestyle-Produkt, für welches Leute bis zu zwölf Stunden lang vor einem gelben Verkaufsautomaten angestanden sind. Solche Schlangen gibt es ansonsten nur, wenn ein neues iPhone erscheint.

Vom Kaufen und Kopieren

Facebook und Microsoft setzen hingegen auf Funktionalität. Zuckerberg und Gates entwickelten beide ein gefragtes, nützliches Produkt und stärkten ihre Vorreiterstellungen, indem sie Konkurrenzfirmen entweder kauften oder kopierten.

Und das war auch der Grund, wieso er, Mark Zuckerberg, im November 2012 ein zweizeiliges E-Mail an den damals 22-jährigen Evan Spiegel sendete: «Hey Evan, ich bin ein grosser Fan von Snapchat. Ich würde dich gerne treffen und mehr über deine Vision erfahren», schrieb der Facebook-Gründer damals und lud Spiegel aus Los Angeles zu sich nach Menlo Park ein.

Der Einladung des Facebook-Milliardärs wären wohl fast alle Jungunternehmer begeistert gefolgt. Aber nicht Spiegel. Treffen könne man sich gerne, antwortete der Snapchat-CEO, aber extra nach Menlo Park fahren würde er deshalb nicht. Statt dass Spiegel zu Zuckerberg reiste, besuchte Goliath also David in Los Angeles.

Dabei informierte Zuckerberg seinen Konkurrenten, dass Facebook mit Poke bald eine eigene App lancieren würde, welche die Snapchat-Funktionen ziemlich exakt kopiert «Es war eigentlich eine Ankündigung, dass er uns zerstören will», wird Spiegel einige Monate später in einem Interview mit «Forbes» lachend erzählen. Lachend deshalb, weil sich Poke schon wenige Tage nach dem Erscheinen als Flop entpuppte und Snapchat davon sogar profitieren konnte. «Es war eine Art Weihnachtsgeschenk», so Spiegel.

Was Mark Zuckerberg nicht kopieren kann, das kauft er; die prominentesten Beispiele dafür sind Instagram und Whatsapp. Und genau das hatte er auch bei Snapchat vor. Ein Jahr nach dem ersten Treffen meldete er sich erneut bei Spiegel, bot drei Milliarden für dessen Firma.

Ein viel zu hohes Angebot, sind sich alle Experten einig, nur Evan Spiegel sah das anders und lehnte dankend ab: «Die Idee, meine Firma gegen einen kurzzeitigen Profit einzutauschen, scheint mir nicht wirklich interessant», sagte Spiegel. Sein Mut, vielleicht auch seine Naivität, wird jetzt belohnt.

Wie viel ist Snapchat wert?

Statt der 750 Millionen, welche Spiegel im Jahr 2013 von Zuckerberg für seinen Anteil der Firma erhalten hätte, wird er an der Börse bald zwischen vier und sechs Milliarden verdienen, schätzen Experten. Zumindest dann, wenn alles nach Plan läuft. Es könnte aber gut sein, dass Facebook der jungen, hippen Konkurrenz jetzt doch noch einen Strich durch die Rechnung macht.

Denn Zuckerberg hat nach Poke keineswegs aufgehört, die erfolgreichen Snapchat-Funktionen zu kopieren. Mit dem neuen, erfolgreichen Story-Feature bei Instagram – einer exakten Kopie von dem, was Snapchat seit Jahren bietet –, hat er viele Nutzer wieder zurückgewonnen, die in der Vergangenheit zu Evan Spiegel abgewandert sind.

Seit die Funktion im vergangenen August lanciert wurde, ist das Nutzerwachstum von Snapchat um 82 Prozent eingebrochen; die Instagram-Funktion hat unterdessen gleich viele User. Dass Zuckerberg ausserdem angekündigt hatte, ähnliche Funktionen auch bald für Facebook und Whatsapp einzuführen, sorgt bei den potenziellen Investoren derzeit für zusätzliche Verunsicherung.

Wie viel Potenzial – und damit wie viel Geld – steckt heute wirklich in Snap? So genau weiss das momentan niemand: Neben den stagnierenden Nutzerzahlen kämpft die Firma derzeit nämlich auch noch mit grossen finanziellen Verlusten; im vergangenen Quartal waren es 170 Millionen Dollar. Ausserdem ist Snap stark von digitalen Werbeeinnahmen abhängig und spricht mit Teenagern eine demografisch doch recht einseitige und vor allem schwer einzuschätzende Zielgruppe an. Die Börse wird es der Firma wohl nicht leicht machen.

Im Moment hat Zuckerberg die sozialen Medien komplett unter Kontrolle, genauso wie Gates bei der Jahrtausendwende den Computermarkt dominierte. Ob sich Snapchat ähnlich wie Apple als trendige Alternative integrieren kann, wird sich erst in den kommenden Jahren zeigen; der Börsengang ist ein erster wichtiger Indikator dafür.