«Sie könnte heute für viele Väterund Mütter ein Vorbild sein», schreibt ihr Sohn Heinz Tschannen in einem Brief an die Redaktion über seine Mutter, die am heutigen Tag 100-jährig wird. Und dies, obschon seine Kindheit alles andere als einfach war. Als die ersten beiden Kinder zur Welt kamen, führte Olga Tschannen mit ihrem Mann eine Bäckerei. Doch Fritz Tschannen hatte wenig Geschäftssinn, verschuldete sich in den sonst schon krisengeprüften 30er-Jahren, sass spätabends noch in der Wirtschaft, statt frühmorgens in der Backstube zu stehen.
Die damalige Bäckerei in Frieswil musste nach wenigen Jahren verkauft werden. Während ihr Ehemann sich als Vertreter versuchte, eröffnete Olga Tschannen in Köniz mutig einen Coiffeursalon. Zwei Jahre später übernahmen sie nochmals eine Bäckerei in Bern. Doch wie schon bei der ersten kam das Geschäft nicht ins Laufen.
Als sie ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen konnten, wurden die Möbel verpfändet und der Familie die Wohnung gekündigt.
Kampf gegen die Armut
Nun folgte eine Zeit, in der die Familie viel Durchhaltewille brauchte. Olga Tschannen ging von Haustür zu Haustür und warb für Staubsauger. Ihr Ehemann hingegen war oft arbeitslos, erhielt wenig Lohn als Hilfsarbeiter und musste, als der Zweite Weltkrieg ausbrach, mehrfach für längere Zeit Militärdienst leisten.
1937 zog die Familie von Bern nach Üttligen. Als Burger der Gemeinde Wohlen hatte Fritz Tschannen zum Glück Anspruch auf ein Stück Land. So schlugen sie sich
mit dem, was sie als Hilfskräfte bei Bauern verdienten, und dem, was sie auf dem Burgerland ernteten, mehr schlecht als recht durch. «In all diesen Jahren hat Mutter praktisch alleinerziehend zu uns Kindern geschaut und dafür gesorgt, dass wir zu essen hatten», berichtet Sohn Heinz Tschannen. Er erlebte sie in der schweren Zeit als optimistische und liebe Person und ist seiner Mutter unglaublich dankbar, dass er trotz Armut dem Schicksal als Verdingkind entging. Dann doch lieber nach abgebrochenen Ähren auf den Feldern suchen, um später Brot zu backen, und die Wälder nach Essbarem durchkämmen. Das Los der Verdingkinder kannte Olga Tschannen von Erzählungen ihrer eigenen Mutter. Diese wurde an Bauern verdingt, nachdem die Mutter früh starb.
Aufwärts ging es für die Familie erst wieder, als Fritz Tschannen als Aushilfe bei der Post in Bern arbeiten durfte und nach dem Krieg sogar eine feste Anstellung bei der Bahnpost fand. Sie zogen wieder nach Bern, der Vater bekam schliesslich eine Stelle als Bürogehilfe bei der Post. In dieser Zeit gebar Olga Tschannen drei weitere Kinder. Sobald das Jüngste genügend alt war, suchte sie sich wieder eine Anstellung, erst als Putzkraft, später im Büro.
In Bannwil wurden sie heimisch
Als Fritz Tschannen wegen erster Anzeichen von Parkinson frühpensioniert wurde, suchte sich das Ehepaar Tschannen ein eigenes Haus, die Kinder waren damals schon ausgeflogen. Obschon von der Region her nicht bevorzugt, fanden sie ihr Eigenheim in Bannwil, das ehemalige Posthalterhaus stand zum Verkauf. 1976 zogen sie nach Bannwil und wurden schnell heimisch. Während Fritz Tschannen viel zu Hause blieb, Bienen und Kaninchen züchtete, reiste Olga Tschannen gerne und viel herum. Im Frühjahr 1994 erlitt Fritz Tschannen einen Hirnschlag und starb im darauffolgenden Herbst. Olga Tschannen lebte noch bis 2001 im Haus und pflegte regen Kontakt mit der Dorfbevölkerung.
Dann verkaufte sie das Haus und lebte eine Zeit lang bei ihren Kindern. «Sie genoss es, herumzureisen und das nachzuholen, was sie in ihrer Jugend und wegen der Armut verpasst hatte», beschreibt ihr Sohn. Denn schon als Teenager wäre sie gerne viel herumgekommen. Eine Arbeitsstelle als Hilfskrankenschwester im Welschland musste sie aber aufgeben, weil ihre Mutter krank wurde und sie zu Hause zur Betreuung der jüngeren der vier Halbgeschwistern gebraucht wurde. Wenige Monate später lernte sie auf einer Tanzveranstaltung ihren künftigen Mann kennen. Dem gelernten Bäcker wurde die Dorf-Bäckerei in Frieswil angeboten. Olga Tschannen, gerade mal 20-jährig, sollte mit ihm gemeinsam den Betrieb übernehmen. Die Liebe siegte gegenüber dem Wunsch, erst noch mehr Geld zu sparen. So heirateten sie 1932.
Heute lebt Olga Tschannen im Altersheim Riedli in Aarwangen. Sie ist gesund trotz ihres hohen Alters. «Sie sagt immer, es gehe ihr gut», so ihr Sohn. Ihren Geburtstag wird Olga Tschannen heute Samstag an der offiziellen Feier des Altersheimes feiern und am Sonntag im Kreise ihrer Familie. Dann wird ein grosser Teil der Verwandtschaft anwesend sein, total 82 Personen vom Cousin bis zum Ur-Urgrosskind.