Regisseur Andreas Homoki schaute beim ungeteilten Schlussapplaus hinauf in den 2. Rang, «Könnte nicht noch jemand etwas buhen?», schien der Zürcher Opernhausintendant zu fragen. Trotz Dauersex auf der Bühne machte ihm keiner den Gefallen. Jene Kritiker, die beim finalen Buh-BravoKampf nach Christoph Marthalers «Sale» noch schrieben, dass so etwas das Beste sei, was dem Opernhaus Zürich widerfahren könne, mussten enttäuscht nach Hause gehen.

Wie auch immer: Homoki schaffte es, eine Geschichte kräftig zu deuten und dennoch flüssig zu erzählen. Und das will bei «Lady Macbeth von Mzensk» einiges heissen. Katarina Ismailowa, von der russischen Langeweile zerfressen, ist jedes Mittel recht, um sexuelle Befreiung und Befriedigung zu finden. Und so hat man denn am Schluss drei Morde, eine Erschiessung, einen Selbstmord, zwei Vergewaltigungen, eine Auspeitschung und viel Sex gesehen sowie einen durchkomponierten Beischlaf gehört. Doch diesem grauenvollen Medusen-Haupt von Oper gibt Dmitri Schostakowitsch eine groteske Fratze. Er knüpft mit «Lady Macbeth» von 1932 mehr, als man vermuten würde, an seine erste Oper, die Satire «Die Nase» nach Gogol, an.

Humor und Groteske

Homoki legt den Fokus auf den Humor und das Groteske, und gerade dadurch wird aus dem Sex&Crime-Knaller grosses und beklemmendes Theater – ganz ohne Nackte. Womit wir bei der legendären «Lady-Macbeth»-Frage wären: Wie rückt der Regisseur den berüchtigten Beischlaf in der dritten Szene ins Bild?

Schostakowitsch setzt hier eine Banda (eine Bläserformation) ein, die zusätzlich zum Orchester schrill stampfend vorzeigt, was die zwei Menschenleiber – in Zürich in dieser Szene hinter Wänden – treiben. Aber Homoki lässt es nicht im Graben krachen, sondern auf der Bühne, lässt die Blasmusiker als Clowns aufmarschieren. Er integriert so das szenische Kuriosum gekonnt ins Spiel.

Doch ist das Humor? Satire? Eine Burleske? Der Boden gleitet dem Zuschauer jedenfalls mehrmals unter den Füssen weg. Die Clowns sind nämlich kein singulärer Fremdkörper, sondern Teil des Ganzen, Teil einer wilden Zirkusoper. Durch die Zerrbilder in der Szene, die in der Musik angelegt sind, erscheinen die Brutalität und die offene Sexualität nicht milder – im Gegenteil. So wird diese Oper, wie von Schostakowitsch gewollt, ohne viel Bühnenbildzauber (Bühne: Hartmund Meyer) zu einem tragisch-satirischen Werk.

Ohrensausen und Ohrenspitzen

Der 41-jährige Dirigent Teodor Currentzis geht gar so weit, von einer Komödie zu sprechen. Was auch immer er im jungen Übermut erzählt: Bei seinem Dirigat gilt es, die Ohren zu spitzen.

Bei ihm tönt Schostakowitsch viel weniger zugespitzt als sonst, vorerst fast weich. Wo sowieso schon die Rhythmen wie Peitschenhiebe knallen und wo die Bläser jeden menschlichen Nerv reizen, braucht es Gelassenheit. Bei Gelegenheit lässt Currentzis das Orchester so krachen, wie es selbst ein Haudegen wie Christoph von Dohnanyi nicht für möglich halten würde.

Die Sänger passen einmal mehr perfekt zur Szene und lassen kaum Wünsche offen. Kurt Rydl (Boris) begeistert nicht mit feinen Gesangsgesten, sondern mit brutaler Kraft. Gun-Brit Barkmin meistert die Titelrolle ohne Abstriche, Brandon Jovanovich (Sergej) singt souverän. Keiner im grossen Ensemble fällt ab.

«Lady Macbeth von Mzensk» zeigt erneut deutlich die Linie des neuen Intendanten. In Zürich werden Geschichten erzählt, die jedes Publikum packen können. Wer Andreas Homoki in den letzten sieben Monaten immer noch nicht kennen gelernt hat: Seine «Lady Macbeth» ist eine tolle Gelegenheit dazu.

Lady Macbeth von Mzensk: Opernhaus Zürich, 9 Mal bis 21. Juni.