Kaum der letzte Ton verklungen, da spitzen am Samstagabend 90 Zürcher Musiker im Wiener Konzerthaus gleich nochmals die Ohren. Wie war ich? Wie waren wir?, lautete die bange Frage an die 1865 Besucher.

Illona Schmiel, die neue Tonhalle-Intendantin, sagte es am Morgen ganz direkt: «Warum geht man auf Tournee? Man will sich präsentieren, sich stellen.» Den grossen Schwarzen im altehrwürdigen (Konzert-!)Café «Schwarzenberg» zweimal umgerührt, spürt man auch Stolz, dass sie auf der ersten Tournee mit ihrem neuen Orchester in der Musikmetropole zu Gast ist, Angst vor dem Konzert in Wien hat sie überhaupt nicht. «Wien spornt an. Man wird an denen gemessen, die gerade vor einem da waren.»

Furchteinflössende Plakate

Das sind einige. Die Konzertplakate sind ein Who’s-who der Klassikwelt: Nikolaus Harnoncourt dirigiert ebenfalls am Samstag im Musikverein (ausverkauft), Sonntag 11 Uhr spielen dort die Wiener Philharmoniker mit Zubin Mehta (ausverkauft), morgen Mittwoch schon kommen Tugan Sokhiev und das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin ins Konzerthaus, dann Robin Ticciati mit seinen Schotten. Drüben im Musikverein spielt die Tschechische Philharmonie am Donnerstag.

Da könnte einem bange werden um die Zürcher. Kommt hinzu, dass es keine normale Tournee ist, sondern die Antrittstournee des jungen Chefdirigenten Lionel Bringuier. Nach den ersten zwei stürmischen Liebesnächten – Bringuiers ersten Konzerten – sind das Orchester und er nun im Hafen der Ehe angekommen, hat man den 28-jährigen Franzosen doch zum Chefdirigenten gewählt. Nun führt man, metaphorisch gesprochen, einen Haushalt mitsamt Komposteimer. Kein Wunder, reden die Musiker und auch er selbst nun von Abwarten, Arbeiten und einem Sich-aneinander-Gewöhnen.

Zu früh für eine Tournee, Frau Schmiel? «Nein, man muss den Energieschub nutzen, auch die Vorfreude! Wir haben nichts zu verstecken, nichts zu verlieren. Jedes Konzert muss ein Risiko sein. Diesen Nervenkitzel braucht es. Die Musiker wollen zeigen: ‹Wir sind gut›. Das ist schon auch der Kick auf einer Tournee. Und man muss das Publikum jeden Abend gewinnen.»

Anstatt Vorschusslorbeeren gibts Schwierigkeiten. Konzertmeister Andreas Janke erzählt, wie heikel es sei, sich jeweils an die neue Akustik eines Sales zu gewöhnen. Wie viel darf man, wie viel soll man geben? Nach einer 30-minütigen Anspielprobe muss alles geklärt sein. «Rein-raus-Geschäft» werden Tourneen auch genannt.

Kein Wunder, tendiert die Intendantin in Zukunft zu längeren Gastspielen, zu Residenzen, wo auch anspruchsvollere Programme erarbeitet werden können, wo es dem Veranstalter nicht (nur) darum geht, wie viele Karten er verkauft. Und so ist Schmiel auf Tournee auch täglich in Verhandlungen mit den Kollegen. Es geht um Projekte bis 2019. Die aktuelle Tournee wurde im November 2012 eingefädelt: logistisch eine riesige Übung – finanziell allerdings dank eines Sponsors ein Nullsummenspiel.

Mitsamt den Musikern reiste die Tonhalle-Gesellschaft mit 110 Leuten durch Europa. Am Samstag, 28. 2., startete man in Lyon – bis Sonntag, 8.3., folgten Toulouse, Frankfurt, Hamburg, Bremen, Wien und München. Letzten Freitag war konzertfrei, da lud Tonhalle-Präsident Martin Vollenwyder, der Zürcher Ex-Stadtrat, allesamt zu einem Essen ein. Balsam für die Orchesterseele.

Lob vom Botschafter

Zurück ins Konzerthaus! Die Wiener reagieren trotz einer ungeheuerlichen Klangentladung der Solistin Yuja Wang und des famos begleitenden Orchesters nach Prokofjews 2. Klavierkonzert verhalten euphorisch. Verhallt die Jubel-Orgie aus Norddeutschland ... Kein Geringerer als Botschafter Christoph Bub gibt am anschliessenden Empfang im Mozartsaal-Buffet Entwarnung: «Für Wiener Verhältnisse war das ein grosser Applaus!» Illona Schmiel setzt, sich ans Orchester wendend, noch einen drauf: «Wir haben den Saal gerockt!»

Ganz anders am nächsten Morgen, wo die Wiener Philharmoniker im legendären Musikverein mit Zubin Mehta und Rudolf Buchbinder Brahms’ zwei Klavierkonzerte spielen. Obwohl ganz Wien mitsamt Alexander Pereira im Musikverein sitzt, das Konzert gefilmt und aufgezeichnet wird, ist der Applaus bloss warm. Vielleicht ist auch gar kein Jubel nötig, denn schöner und wienerischer kann das niemand spielen. Schon der Hornruf zu Beginn ist wie ein Wink vom Himmel. Alle geben denn auch von Beginn an zu verstehen: Wir wissen, dass wir die Besten sind. Wien, das ist der Nabel der Musikwelt, die eigenen Philharmoniker sowieso das beste Orchester der Welt. Am Sonntag hatten sie nicht unrecht.

Und obwohl sie mit ihrem neuen Chef in einer speziellen Phase stecken, konnten die Zürcher hier bestehen. Noch als man am Mittwoch vor einer Woche das Tournee-Programm in Zürich spielte, klangen Mussorgskis «Bilder einer Ausstellung» wenig raffiniert. Im Finale waren die Energien entladen, ehe die grosse Steigerung begann. Ganz anders in Wien, wo die «Bilder» atmen. Da gibt es riesige Bögen, da wird die Energieentladung bis zur finalen Steigerung herausgezögert. In diesen Saal passt der weiche, breite Sound Bringuiers bestens. Kein Wunder, ist Bringuier danach glücklich, sagt gar beim Empfang seufzend: «Schade, ist die Tournee morgen schon vorbei.»

Spielte man für den Dirigenten?

Die Konzerte waren Balsam für den jungen, in Zürich bereits kritisch beäugten Chefdirigenten. Spielten die Musiker nun gar für ihn? Konzertmeister Andreas Janke zögert, sagt «ein bisschen vielleicht» und fügt dann an: «Wir sehen den Dirigenten nicht als separate Einheit, er gehört zu uns.»

Der in der NZZ aufgeworfenen Frage, ob das Orchester das Piano verlernt habe, wurde vom «Weser Kurier» deutlich widersprochen, die leisen Klänge geradezu herausgehoben. Dass aber die Lautstärke bei Bringuier sehr gross werden kann, das merkten einige Kritiker durchaus an.

Aus Wien tönts sowieso typisch wienerisch ... arrogant. Nach einer langen Hymne auf Solistin Yuja Wang, schrieb der «Standard» gestern: «Und, ja, es hat auch ein Orchester gespielt.» Immerhin habe es «untadelig» begleitet. Die «Bilder einer Ausstellung» seien «nahe an der Perfektion, allerdings eher im Bereich interpretatorischer Normalität angesiedelt» gewesen.

Immerhin. «Normal» bedeutet in Wien nichts anders, als das man mit den Besten der Welt mitgehalten hat.

Nächste Konzert in Zürich: Sa/So 14./15.3. Dirigent: Krzysztof Penderecki.