Sagt Ihnen der Name Colin Treverrow etwas? Vermutlich nicht. Er ist der Regisseur des vorprogrammierten Sommer-Hits «Jurassic World» (ab Donnerstag im Kino). Sein einziger Spielfilm davor ist die kaum gesehene Indie-Dramedy «Safety Not Guaranteed» (2012). Von da steigt er nun gleich in die Fussstapfen von Steven Spielberg, der bei den ersten zwei von drei «Jurassic Park»-Filmen in den Neunzigerjahren auf dem Regie-Stuhl sass.

Treverrow reiht sich in eine immer länger werdende Liste von unerfahrenen Newcomern ein, die für die grossen Kino-Kisten engagiert werden – darunter auch Marc Webb («The Amazing Spider-Man»), Rupert Sanders («Snow White and the Huntsman»), Joseph Kosinski («Tron: Legacy») und Josh Trank («Fantastic Four»). Wieso drückt Universal Pictures einem Quasi-Anfänger 150 Millionen Dollar in die Hand? «Es ist ja nicht irgendein Anfänger», verteidigt «Jurassic World»-Star Chris Pratt seinen Boss. «Er hat in seinem ersten Film bewiesen, dass er Action, Abenteuer, Komödie und Drama, was wir hier auch alles brauchen, unter einen Hut bringen kann und dass er den langen Atem hat, seine Vision zu realisieren. Und am Set habe ich ihn nie ausrasten sehen. Er kann sich gut diplomatisch und freundlich ausdrücken – egal ob gegenüber uns Schauspielern, der Crew, der Presse oder des Studios.»

«Wenns schiefläuft, bin ich erledigt»

Treverrow selber beschreibt «Jurassic World» als Gemeinschaftsprojekt zwischen ihm, seinem Schreib-Partner Derek Connolly und Steven Spielberg, «ein Hybrid, der die Filmemacher-Instinkte zweier Generationen vereint»: 22 Jahre nachdem die geklonten Dinosaurier in der Forschungsstation «Jurassic Park» zum ersten Mal Amok liefen, ist in «Jurassic World» nun der Saurier-Vergnügungspark inklusive Massentourismus Realität geworden. Aber die Besucherzahlen sind am Schwinden. Im Labor wird deshalb mit «Indominus Rex» ein neuer, furchterregender Dinosaurier kreiert.

Als er seinem Gehege entkommt, muss die Parkleiterin Claire (Bryce Dallas Howard) die Hilfe von Saurier-Trainer Owen (Chris Pratt) beanspruchen, mit dem sie zwar einst ein missratenes Date hatte, aber dem es halbwegs gelungen ist, Raptors zu dressieren. Können diese die gefährliche Killermaschine stoppen, bevor sie die Touristen erreicht – darunter Claires Neffen, die gerade auf Besuch sind?

Spielberg und Treverrow war es wichtig, dass das Reboot nicht nur unterhaltend, sondern für die heutige Zeit auch relevant war. «Zum einen sagt unsere Geschichte, dass wir unsere Fehler wiederholen», so Co-Autor Treverrow. «Obwohl der ‹Jurassic Park› in einer Katastrophe endete, haben wir jetzt einen ganzen Vergnügungspark voll von genmanipulierten Dinosauriern. Ausserdem zeigt sie unser Verhältnis zum Tier, das wir zu beherrschen glauben und gar als Waffen im Krieg einsetzen. Und nicht zuletzt beleuchtet unsere Story unsere Profitgier, die unseren gesunden Menschenverstand ausschaltet.»

Sein Handwerk unter einem Patron wie Spielberg zu vertiefen, ist natürlich für jeden aspirierenden Filmemacher ein Glücksfall. Würde man zumindest meinen. «Nur: Wenn es schiefläuft, ist Spielberg immer noch eine Legende, aber ich bin erledigt», gibt der 38-jährige Treverrow zu bedenken. Das Argument ist berechtigt. Carl Rinsch beispielsweise drehte nach dem Martial-Arts-Flop «47 Ronin» mit Keanu Reeves gerade noch einen Kurzfilm. Treverrow hat sich auf seine Art abgesichert: «Ich sehe meine Aufgabe auch darin, die Leute in ihren Tätigkeits-Bereichen zu ermächtigen, ihre Kreativität umzusetzen.»

Ein erfahrener Kameramann wie hier John Schwarzmann («Pearl Harbor», «Armageddon», «The Amazing Spider-Man») und ein Cutter wie Kevin Stift («X-Men», «Jack Reacher») sind da sicher Gold wert. Und im schlimmsten Fall könnten Spielberg und Original-Produzent Frank Marshall immer noch eingreifen. Obwohl der Final Cut, also die in den Kino-Vertrieb entlassene Schlussversion des Films, bei Spielberg liegt, sagt Colin Treverrow, dass er noch nie so viel Freiheiten hatte. «Steven Spielberg hat mir ein Ausmass an professionellem Respekt gezollt, den ich vermutlich bis heute nicht verdient habe.» Nur nicht so bescheiden: Treverrow hat «Jurassic World» immerhin innerhalb des Budgets realisiert, vorzeitig abgedreht und ohne Re-Shoots fertiggestellt.

Spielberg gibt das Vertrauen weiter

Und was bringt auf der anderen Seite ein Greenhorn dem Establishment – ausser Risiken und eine günstige Gage? Für «Legenden» ist dieses Arrangement mit Newcomern ideal: Ihr kreativer Kopf ist frei für Lieblingsprojekte, wenn sie keine zeitaufwendigen Pflicht-Fortsetzungen vom Stapel rollen müssen. Dazu können sie ihre Mentor-Rolle erfüllen: Nach seinem ersten Spielfilm «Sugarland Express» erhielt Spielberg die Chance von Richard D. Zanuck und David Brown, «Der weisse Hai» zu realisieren. Dieses Vertrauen gibt er heute weiter, nicht nur an Treverrow, sondern vor ihm schon an Brett Ratner oder an J. J. Abrams.

Das Studio bekommt seinerseits eine frische Perspektive und jemanden, der dankbar ist, einen Job zu haben. Im Gegensatz zu einem Star-Regisseur können sie sich unberechenbare, sprich teure Stimmungen und Geistesblitze nicht leisten. «Vielleicht kriegen diese Neulinge die begehrten Chancen, weil sie keine aufgeblasenen Egos haben», bringt es Chris Pratt auf den Punkt. «Niemand will mit einem Arschloch arbeiten. Heutzutage ist das auch nicht mehr nötig, denn es kann jederzeit ein kundiger Neuling einspringen, der den Job mit einem Lächeln im Gesicht, einer positiven Einstellung und einer Wertschätzung für die Leute um ihn herum machen kann.»