Der Schweizer Schriftsteller und Dramaturg Lukas Bärfuss geht gern dahin, wo es weh tut; auf Wegen, die überraschen oder irritieren. In «Die sexuellen Neurosen unserer Eltern» setzt er sich mit der Normen sprengenden Kraft der Sexualität auseinander, in «100 Tage» mit der unfreiwilligen Schweizer Beihilfe zum Völkermord in Ruanda, und in seinem neusten Roman «Koala» mit dem Selbstmord. Anlass für den Stoff war der Suizid seines Halbbruders.

Lukas Bärfuss, Sie haben diese Erfahrung in «Koala» selbst geschildert: In der Schweiz hat fast jeder im Bekanntenkreis jemanden, der sich das Leben genommen hat. Trotzdem ist das Thema stark tabuisiert. Ist es mit ihrem Buch gelungen, dieses Tabuthema etwas aufzubrechen?

Lukas Bärfuss: Ich frage mich, ob es wirklich ein Tabu ist. Denn das würde ja bedeuten, dass dieses Thema mit einem Bann belegt ist, dass man nicht darüber reden darf. So ist es nicht. Aber es gibt eine gewisse Scheu, die einen befällt, wenn man darüber reden muss. Weil man nicht weiss, wo anfangen: Soll man über das Leben dessen sprechen, der sich umgebracht hat? Aber dann steht es immer unter dem schwarzen Licht dieser Tat. Die gewählte Todesart ist auch nichts, über das man reden mag. Der Suizid verbreitet ein Schweigen; nicht, weil die Leute darüber nicht reden wollen, sondern weil sie es nicht können.

Vielleicht ist ein Selbstmord für die meisten Menschen, die gerne leben, nicht nachvollziehbar.

Ich glaube, jeder hat schon mal daran gedacht. Man sagt, es brauche Mut, um es wirklich zu tun. Es ist nicht ganz einfach, das Leben aus diesem Körper herauszubefördern. Das Letzte wird nochmal zu einer Tat, «Hand an sich legen», heisst es.

Bevor man das tut, lägen einem so viele anderen Möglichkeiten offen. Das entspricht natürlich nicht der Logik eines Selbstmörders: Aber man könnte doch vorher alles andere probieren.

Einen Migroskurs besuchen, zum Beispiel.

Ja, oder ein anderes Leben anfangen. Aber als Selbstmörder sieht man nur noch schwarz.

Es gibt ganz unterschiedliche Motive: Die, die es in einer akuten Depression tun, um ihr Leiden zu beenden. Oder die, die nachgerechnet haben und feststellen, dass die Buchhaltung zu ihren Ungunsten ausfällt. Es gäbe noch viele Sachen, in die man investieren könnte.

«Mit einem Selbstmörder wird man nie fertig», schreiben Sie. Hat Ihnen die Auseinandersetzung für dieses Buch dennoch dabei geholfen, mit dem Suizid ihres Bruders fertig zu werden?

Eher im Gegenteil. Wenn man ein Buch schreibt über etwas, das einen schmerzt, dann schmerzt es immer wieder. Man muss sich jedes Mal wieder in dieses Loch hinunterbegeben. Es wäre viel einfacher, man würde es einfach mal ignorieren.

Auf der Suche nach Erklärungen für diese Tat kommt der Ich-Erzähler im Buch auf den Pfadi-Namen des Bruders, «Koala». Ist das nicht an den Haaren herbeigezogen? Es ist ja nur ein Pfadiname.

Ja, extrem an den Haaren herbeigezogen. Gleichzeitig sind wir mit unserem Namen auf eine Weise verbunden, die auf etwas komplett Irrationales zurückweist. Wir ändern unseren Namen nicht – nur Künstler tun das und Hochstapler. Und der Papst legt seinen Namen ab: Er ist dann entrückt von allem, was vorher war. Als ich kürzlich bei Starbucks einen Kaffee bestellte und die Frau an der Theke nach meinem Namen fragte, antwortete ich aus dem Moment heraus «Hans». Ich dachte, sie müsse jetzt aufschreien: «Das sieht man Dir doch an, dass du nicht Hans heisst.» Aber sie schrieb es auf den Becher und als «Hans» ausgerufen wurde, musste ich mich dazu aufraffen, diesen Kaffee zu holen. Es war der seltsamste Kaffee, den ich je getrunken habe. Nicht ich habe ihn getrunken, sondern jemand anderer, eben dieser Hans Zudem: die einzigen Worte im ganzen Buch, die ich nicht selbst gewählt habe, sind jene meines Namens, und der steht auf der Titelseite. Für einen Schriftsteller ist das eine Kränkung. Darum ist die Anmassung, einen neuen Namen zu bekommen, in einem Übergangsritus, eine grosse Sache. Die Frage, ob ein Name ein Schicksal enthält, oder ob wir unser Schicksal in diesen Namen hineingeben, ist fast nicht endgültig zu entscheiden.

Sie ziehen das Schicksal ihres Bruders bis zum Selbstmord an diesem Pfadinamen auf.

Wie kann das sein, dass seine Pfadikameraden irgendetwas über ihn wussten. Oder hat er sich in diesen Namen hineingeschickt? Da kommt man in einen Raum hinein, der jenseits unseres Wissens ist. Das hat mit Sachen zu tun, die wir nicht beeinflussen, nicht letztgültig fassen können. Und das ist natürlich ein wunderbarer Ort für die Literatur. Das ganze kulturelle Echo und das Echo des Irrationalen am menschlichen Leben kommen darin zur Sprache.

Im Mittelteil rollen Sie die ganze Kolonisationsgeschichte Australiens auf. Auf den ersten Blick hat diese wenig mit dem Selbstmord ihres Bruders zu tun, doch als Leser fängt man zwangsläufig an, Parallelen zu suchen. Wo liegen diese für Sie?

Man fängt an Sachen zusammenzubringen, die man vorher noch nicht in einem Zusammenhang sah. Das ist genau das, was ich in meiner Literatur suche: Dass man einen Imaginationsraum betritt, in dem man Sachen gegenübersteht, die auf den ersten Blick nicht zusammenpassen. Das ähnelt einem Traum: Dort begegnen wir auch Dingen, die äusserst seltsam scheinen, wenn wir später davon erzählen. Aber wenn wir träumen, scheinen sie plausibel. Wir nehmen alles entgegen und schaffen die Verwandlung der Dinge. Diesen neuen Blick auf das Leben kann man in der  Literatur ermöglichen, erleben, teilen. Sonst sind wir ja gefangen im Definierten. Wo es heisst: Das bist jetzt du, und das ist jetzt das; das ist ein Auto, das ist ein Restaurant, ich bin der Schriftsteller, sie sind die Journalistin. Ständig definieren wir die Sachen, bevor wir etwas mit ihnen erfahren.

Und sie wollen Definiertes auflösen und neu zusammensetzen?

Das Rückgängigmachen einer Definition interessiert mich. Wie eine Landkarte, die einerseits eine grobe Abstraktion unserer Wirklichkeit ist und gleichzeitig sehr genau in dem, was sie abbildet. Wer die Landkarte liest, muss sich ein Bild vom tatsächlichen Gelände machen. Der literarische Text ist für mich die Landkarte für das imaginative, literarische Bewusstsein.

Wenn man als Leserin versucht, diese Landkarte zu interpretieren, so stellt man die Gewalt, mit der ein neuer Kontinent erobert wird, in Zusammenhang mit der Gewaltanwendung eines Selbstmörders gegen sich selbst.

Gewalt ist natürlich einer der wichtigen Begriffe in diesem Buch. Selbstmord ist erstmal eine extreme Gewalterfahrung, die einen traumatisiert. Nicht nur wegen der Gewalt, die der Selbstmörder gegen sich angewendet hat, sondern gegenüber allen, die ihn gekannt haben. Das ist ein Abschneiden von allen Verbindungen, sehr bewusst, gerichtet. Das nimmt man sehr persönlich und erlebt das auch physisch. Deshalb ist das Buch auch eine Erkundigung darüber, was es auf sich hat mit der ungebrochenen Leidenschaft der Menschen für die Gewalt. Der Fortschritt ist stark mit Gewalt verbunden. Die Aufklärung, die Entwicklung der Wissenschaften ist ohne Brutalisierung nicht denkbar. Die Menschen, die man auf diesen neuen Kontinent verschiffte, haben zudem eine Blaupause geliefert für die Deportationen des 20. Jahrhunderts. Dass man Leute wegschafft, weil man sie, und damit das Andere, einfach nicht mehr haben will, das korrespondiert wiederum mit der Sicht des Selbstmörders auf sich selber.

Sie stellen Gewalt als Begleiterin des Fortschritts und des Ehrgeizes dar. Aber mit der Passivität eines im Baum hängenden Koalas kann sich ein Mensch ja nie zufriedengeben.

Absolut nicht, es geht mir auch nicht darum, ein anderes Rollenmodell zu propagieren. Obschon es solche Lebensschulen gibt. Es geht mir auch nicht um eine moralische Bewertung, sondern um eine objektive. Das war schon bei François de La Rochefoucauld, dem grossen Moralisten des 17. Jahrhunderts so, der sagte: Ich beschreibe nur, wie es ist, wie die Leute sind. Durch diese Haltung wird man erst zum grössten Moralisten. Das bürgerliche Credo lautet: The best ist yet to come. Das heisst: Wir haben das Beste noch nicht, es liegt erst in der Zukunft. Was man jetzt hat, darf nie genügen, es braucht ein Wachstum, eine Steigerung. Das ist teuer erkauft: mit einer institutionalisierten Unzufriedenheit, in der wir gefangen sind.

Da sind wir bei der Leistungsgesellschaft, bei der alles immer mehr und besser werden soll.

Es ging mir weniger um die Gesellschaft, als um mich, um meine Sicht auf meine Kunst. Ich habe einen grossen Ehrgeiz. Auch ich habe das Gefühl, dass die Arbeit und das Polieren meine Texte veredelt. Das stimmt aber nicht wirklich. Es gibt einen Bereich, wo der Ehrgeiz nur Dreck ist, der alles kaputt macht. Kunst fängt erst dann an zu leben, wenn etwas passiert, das jenseits ist von meiner Ambition; wenn ich das, was ich eigentlich wollte, loslassen kann für die Erkenntnis, die ich im Moment finde. Um das zuzulassen, muss ich aber bereit sein. Es kann sein, dass man dafür später kritisiert oder ad absurdum geführt wird. Else Lasker-Schüler hat es auf den Punkt gebracht und gesagt: «Der Ehrgeiz ist der Tod jeder Kunst.»

Gegen Schluss des Buchs drehen Sie den Spiess um und sagen: Die Frage laute doch nicht, warum sich jemand das Leben nehme, sondern warum wir es nicht alle tun angesichts der Tatsache, dass es sowieso bald zu Ende sein wird. Denken Sie wirklich so?

Als poetische Haltung finde ich diese sehr erspriesslich: ungerecht, polemisch, leidenschaftlich, auf eine Art und Weise radikal, wie man sich das im Alltag gar nicht leisten kann. Philosophieren bedeutet, die richtigen Fragen zu finden. Und ich halte diese Frage, warum wir noch am Leben sind, für die wesentlichere, produktivere, als warum sich jemand umgebracht hat. Sie fordert eine Bekenntnis, eine Hingabe.

Aber sie stellen die Frage nicht positiv, sondern sehr zynisch, sie fragen nicht: Warum leben wir? Sondern: Warum bringen wir uns nicht um?

Ich möchte diese Frage gern gestellt bekommen. Denn da fängt die Politik an: Was für ein Leben wollen wir, wie definieren wir unser Glück, was brauchen wir dafür? Ist das, was wir hier vorfinden, auch das, was wir gewählt haben? Oder wollen wir etwas ändern? Das ist der Moment, in dem das Buch aus dem Introspektivischen rausgeht und etwas Appellatives bekommt.

Sie selber verteidigen den Wert des Lebens aber auf keiner Zeile in diesem Buch.

Das sehe ich überhaupt nicht so. Ich mache aus diesem Schmerz etwas Schönes. Für mich ist jeder Klang in diesem Buch eine Feier ans Leben, und jede Seite, die einen neuen Gedanken ermöglicht, ist eine Feier ans Leben.

Aber inhaltlich schreiben Sie: Es ist sowieso bald zu Ende. Wozu das alles eigentlich? Die Alternative zum Tod wäre die Unsterblichkeit.

Haben Sie die?

Wenn wir nie stürben, hätten wir sie. Die Frage ist, ob das erstrebenswert wäre?

Dann wären wir keine Menschen. Alles, was wir sind, sind wir im Bewusstsein dieser Endlichkeit. Das ist ein unglaublicher kultureller Motor, der einzige eigentlich. Auch ein ideeller Motor: Erst der Tod macht uns frei. Bei den Bremer Stadtmusikanten sagt der Esel zum Hahn: «Etwas Besseres als den Tod findest du überall.» Ein unglaublicher Satz. Es kann uns nichts Schlimmeres passieren, als dass wir sterben müssen, und sterben müssen wir sowieso, das heisst: Solange wir leben, können wir alles machen. Wenn man dieser Erkenntnis Rechnung trägt, dann wird alles relativiert. Das ist etwas Gefährliches. Darum sind ganz viele revolutionäre Bewegungen verbunden mit einer Missachtung des Todes. Dann wird man gefährlich, wird schöpferisch für sich.

Es gibt den schönen Satz, dass der Tod uns nichts angehe.

Es gibt sogar die alte römische These, dass es den Tod gar nicht gebe. Wenn es den Tod gibt, gibt es uns nicht, wenn es uns gibt, gibt es den Tod nicht. Dieser ist ausserhalb unserer Erfahrung.

Aber es gibt die Hinterbliebenen. Vielleicht weil Sie jegliche Sentimentalität vermeiden wollten, spürt man die Trauer um und die Liebe zu ihrem Bruder im Buch nich.

Darum ging es mir auch nicht, literarisch. Das dünkt mich der falsche Weg zum Trost. Ich wollte nichts abfedern.

Man denkt sich: Dieser Bruder war wahrscheinlich einsam und depressiv. Ist es nicht unfair, wenn Sie dann mit ganz Australien als Erklärung kommen.

Total unfair. Das Schreiben bleibt eine Anmassung. Man ist ungerecht. Man macht aus einer Mücke einen Elefanten und umgekehrt. Man verzerrt Sachen. Das Wichtige für mich ist, es trotzdem zu tun. Es gibt eine Wahrhaftigkeit, die hinter all diesen Trotzdems zu finden ist. Der Versuch, Sachen zu deuten, Nachrichten zu entschlüsseln. Dass es eine Anmassung und eine Zumutung bleibt, ist klar.

Haben Sie ihr eigenes Leben seither geändert?

Ja, diese Erfahrung hat mich radikalisiert. Obschon ich vorher schon ziemlich radikal unterwegs, was die Entscheidungshoheit über mein eigenes Leben betrifft.

Was bedeutet das?

Dass ich zum Beispiel viel mehr wage. Ich bin mutiger geworden.