Da wurden wir auf der Suche nach starken Romananfängen fündig: «Er gehört zu der immer selteneren Spezies des kultivierten feingeistigen Literaturverlegers. Tagtäglich muss er betrübt mit ansehen, wie zu Anfang dieses Jahrhunderts die würdigen Vertreter seiner Zunft - Verleger, die noch selbst lesen und sich seit jeher zur Literatur hingezogen fühlen - allmählich aussterben.» So beginnt der Roman «Dublinesk» des Spaniers Enrique Vila-Matas, mit dessen guter deutscher Übersetzung uns nun die Andere Bibliothek beglückt (einziger Makel sind die übersehenen Fehler im deutschen Text).

«Dublinesk» erzählt die Geschichte des alternden Barceloneser Verlegers Riba, der kurz vor seinem Sechzigsten seinen Verlag verkaufen musste, bevor er damit abstürzte. Zugleich ist der Trinker Riba knapp am Tod vorbeigeschrammt. Die arg malträtierten Innereien warfen seinen Körper aus der Bahn. Nun muss er in Abstinenz leben. Er steht buchstäblich im Regen. Sintflutartig ergiesst sich das Wasser über Barcelona und später über Dublin, wo Riba am Bloomsday, dem Ulysses-Gedenktag am 16. Juni, mit viel Selbstironie den Niedergang des Buchs und des passionierten literarischen Verlegertums mit einer eigenen Beerdigung feiert.

Don Quijote der Literatur

Riba sieht sich als Don Quijote, der vergeblich für höchste literarische Qualität kämpft, der sich auf die Suche nach dem einzigartigen, herausragenden Autor begeben hat, den er als Entdecker der Welt, als Kunst-Erlöser oder Kunst-Godot anpreisen kann. Dies in einer Welt, die von modernen, komplexen literarischen Erzählweisen nichts mehr wissen will, sondern nach dem Banalen, dem simplen Nervenkitzel verlangt. In allem - auch im Leben, in der Beziehung zu seiner so geliebten Celia - scheitert Riba, dieser Melancholiker und Literaturversessene, der aus eingestandenem Mangel an eigenem literarischem Talent das Geniale ausserhalb seiner selbst sucht. Nun verkriecht er sich hinter dem Computer und führt sein Leben weiter als literarischer Katalog.

Riba sieht sich schon deshalb scheitern, weil er altert. Schmerzlich erinnern den unter einer «Endzeitpsychose» Leidenden gerade auch seine wöchentlichen Besuche bei den todesnahen Eltern an den unabwendbaren Alterungsprozess, den er als dem Menschen eingeschriebene Krankheit bezeichnet. Da sind wir bei einem der grossen irischen Modernen angelangt, die dem Roman Pate stehen: bei Samuel Beckett

Vila-Matas schreibt die Geschichte des grandiosen Scheiterns ohne Larmoyanz. Er erzählt in der dritten Person, weiss als Autor nie mehr als seine Figur, er begibt sich in sie und nimmt doch ironische Distanz. Gerade in der humorvollen, schonungslosen Selbstironie deckt sich der Autor mit seinem Helden. Die Selbstdistanzierung als Zeichen von Intelligenz macht uns beide sympathisch - den Autor wie seine literarische Figur.

Riba liest sein Leben, als wäre es ein Stück Literatur, das ihm immer auch fremd bleibt. Er steht den auseinanderdriftenden Teilen seiner Psyche staunend gegenüber und denkt mit dem Autor Maurice Blanchot: «Und wenn schreiben hiesse, im Buch für jeden lesbar zu sein und unbegreiflich für einen selbst?»

Literarische Zitate als Erzählmittel

Vila-Matas bettet Ribas Selbstreflexion in ein vielschichtiges literarisches und filmhistorisches Feld ein. Er nutzt die Zitate als eigenständige Erzählmittel. Vila-Matas stützt sich hier auf irische Autoren, die am Projekt Moderne prägend mitgewirkt haben: Vor und neben Beckett war es James Joyce, der zweite geistige Pate von «Dublinesk». Der Roman feiert das literarische Irland und die literarische Moderne und beschreibt ihren Untergang in der platten digitalen Welt.

Der Autor lässt Riba in Dublin stranden, wohin er sich mit seiner Frau Celia Wochen nach dem Bloomsday absetzt. In dieser Alkohol-Gefahrenzone mit ihren Pubs stürzt Riba vollends ab - noch immer auf der Suche nach dem genialen Autor, nach der Essenz seines Lebens. Celia verlässt ihn, er sitzt nun allein mit seinem lebensbedrohenden Kater, bindet sich imaginär an einen Schaukelstuhl - wie Murphy in Becketts gleichnamigem Roman - und meditiert über das Vergangene. Vila-Matas schreibt gleichsam «Murphy» weiter und erweist ihm Reverenz. Riba ist die spanische Variante der Beckett-Figur - nicht nur, weil seine Frau den gleichen Namen hat wie Murphys Geliebte. Auf dem Schaukelstuhl gleitet auch Ribas Körper in den Tod. Im Reich, wo die Toten sich als Geister mit den Lebenden verbinden, sich Scheitern aufhebt, erscheint ihm, was er suchte: «Doch er klammerte sich beharrlich an seine Begeisterung über die Rückkehr des Autors. ‹Nun ja, wer weiss: Immer taucht doch plötzlich jemand auf, an dem man nicht im Traum gedacht hätte.›» Ein Romanschluss, der so stark ist wie der Anfang.

Enrique Vila-Matas Dublinesk. Die Andere Bibliothek 2013, 284 S., Fr. 47.90.