PRO vom Stv. Chefredaktor Andreas Schaffner: «Ich bin eigentlich gegen zusätzliche Regulierungen»

«Die Digitalisierung der Arbeitswelt erfordert eine Neuregelung der Arbeitsverhältnisse. Auch die Erreichbarkeit muss dann Thema sein.»

Die Franzosen hatten die 35-Stunden-Woche ausgerufen, was der eigenen Wirtschaft geschadet hat. Und nun haben sie auch noch das Recht eingeführt, für den Chef nicht erreichbar zu sein – wir haben in unserer Zeitung diese Woche darüber berichtet. Das wirkte auf den ersten Blick auf mich vernünftig. Beim zweiten Blick war ich skeptisch: Was soll diese neue Regelung? Ist das nicht zu viel Regulierung? Killt das nicht einmal mehr die unternehmerische Freiheit? Jeder soll doch nach seiner Fasson selig werden.

Andreas Schaffner, Wirtschafts-Chef und Stv. Chefredaktor der «Nordwestschweiz».

Andreas Schaffner, Wirtschafts-Chef und Stv. Chefredaktor der «Nordwestschweiz».

Ich bin also eigentlich auch gegen zusätzliche Regulierungen. Aber ich möchte, dass man sich grundlegende Gedanken macht über die Reformation des Arbeitsrechts. Man muss darüber nachdenken, wie man das Arbeitsverhältnis im Zeitalter von Wissensarbeit regelt. Wenn Kreativität gefragt ist, können wir nicht mit Mustern kommen, die aus dem industriellen Zeitalter stammen. Zeit gegen Arbeit lautete da die Devise. Die starre Regelung im Gesetz, die von einem Bundesamt umgesetzt werden muss, wird schon längst den Bedürfnissen von Arbeitgebern und Arbeitnehmern, die in dieser neuen Welt Spitzenleistungen erbringen müssen, nicht gerecht. Wir sprechen hier von ausgewiesenen und gesuchten Fachkräften.

Umfrage

Unerreichbar sein für den Chef – gehört das ins Gesetz?
51%

Ja

49%

Nein

Unser heutiges Gesetz ist nicht dazu da, ihre Erreichbarkeit nach Büroschluss zu regeln. Viel eher müssen neue Vereinbarungen her, in denen die Erreichbarkeit «erkauft» wird. Es muss ein fairer Tausch sein, wo neben der Arbeitsleistung auch die Warterei eine Rolle spielt.

Trotz meiner Skepsis gegenüber neuen Regulierungen bin ich klar der Meinung, dass es ein neues Gesetz braucht. Aber nicht eines, dass den Arbeitgebern das Versenden von Mails und SMS per se verbietet. Sondern in dem die Abgeltung des dadurch verursachten Aufwands – und des Stresses – klar festgelegt wird. Eines, das dann auch den «Kauf» von Ferien ermöglicht. Eines, das flexible Arbeitszeiten zulässt, und eines, das das Arbeiten in den eigenen vier Wänden nicht unter Generalverdacht stellt. Und ja: Ich finde, zur Gesundheitsprävention gehört in heutiger Zeit auch, dass man sich also einmal eine digitale Auszeit nehmen kann, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben. Auch hierfür können Arbeitgeber künftig stärker in die Pflicht genommen werden.

KONTRA von der Praktikantin Flurina Dünki: «Was als Recht gedacht ist, kann in einen Zwang münden»

«Ein ausformuliertes Recht auf Abschaltung ist nicht notwendig. Der Anspruch ist im geltenden Arbeitsrecht bereits enthalten.»

Die Entspannung nach Feierabend gelingt im digitalen Zeitalter nur mit der Verbannung mobiler Geräte aus unserer Reichweite. Die Beantwortung von Textnachrichten aus dem Büro, ja nur schon die Gewissheit, für Vorgesetzte in der Freizeit via digitale Kanäle erreichbar sein zu müssen, kann zu schwerwiegenden gesundheitlichen Folgen führen. Die seit 1. Januar geltende Ergänzung im französischen Arbeitsrecht, die grösseren Betrieben konkrete Massnahmen zum Schutz vor digitaler Kommunikation in der Freizeit vorschreibt, klingt deshalb im ersten Moment nach einer klugen Lösung.

Flurina Dünki, Praktikantin

Flurina Dünki, Praktikantin

Kompliziert dürfte es jedoch bei der Anwendung der neuen Regelung werden, was erste Umsetzungsbeispiele beweisen. Die Aussendienstmitarbeiter des Reifenherstellers Michelin etwa konnten bereits vor Inkrafttreten der Gesetzesergänzung zwischen 21 und 7 Uhr sowie am Wochenende keinen beruflichen E-Mail-Verkehr betreiben. Was als Recht auf Abschalten gedacht ist, kann in der Praxis in einen Zwang zur Nichtkommunikation münden. Gewiss führt ein solches Gebot zur besseren Einhaltung von Erholungszeiten. Doch wird das aufgezwungene Kappen der Kommunikationskanäle nie den Bedürfnissen aller Mitarbeiter oder auftretenden Ausnahmesituationen gerecht.

Nicht von ungefähr formuliert der Gesetzgeber seine Artikel in generell-abstrakter Form. Die Rechtsnorm muss auf eine Vielzahl von Personen und für eine Vielzahl Lebenssachverhalte anwendbar sein. Beim Rechtssetzungsprozess muss jeder einzelne Ausdruck auf diese Eignung überprüft werden, in der Schweiz dazu noch in drei verschiedenen Sprachversionen. Laut Schweizerischem Arbeitsrecht, im Obligationenrecht verankert, hat der Arbeitgeber auf die Gesundheit der Arbeitnehmer Rücksicht zu nehmen und «Massnahmen zu treffen, die nach dem Stand der Technik anwendbar sind». Mit dieser Formulierung hat der Schweizer Gesetzgeber auch für eine digitalisierte Arbeitswelt vorgesorgt.

Der Gesetzeszusatz im französischen Arbeitsrecht macht das Recht auf Abschalten zum zwingenden Traktandum der Verhandlungen zwischen Gewerkschaften und Personalverantwortlichen. Der Schweizer Gesetzestext erlaubt dem Arbeitnehmer ebenfalls, sein Handy in der Freizeit abzuschalten. Ohne Rechtsreform.