Erinnert sich noch jemand an den Arabischen Frühling? Vor genau fünf Jahren übergoss sich der 26-jährige Gemüsehändler Mohammed Bouazizi in der tunesischen Stadt Sidi Bouzid mit Öl und setzte damit eine Kettenreaktion in den sogenannten MENA-Staaten in Gang (das Kürzel MENA wird häufig von westlichen Finanzexperten verwendet für «Middle East & North Africa»; der Begriff bezeichnet die Region von Marokko bis zum Iran).

Wie Dominosteine fielen die Diktaturen erst in Tunesien, dann in Ägypten, später im Jemen und in Libyen; die Machthaber wurden aus ihren Palästen verjagt. Was wurden damals nicht für Elogen auf das emanzipatorische Potenzial des Internets angestimmt! Von Facebook- oder Twitter-Revolutionen war die Rede. Die sozialen Netzwerke würden als Katalysator der Demokratisierung das Ende der Geschichte herbeiführen. Bekanntlich kam alles anders. Der Arabische Frühling verwandelte sich in einen Arabischen Herbst.

In Ägypten herrscht unter General Al-Sisi nach dem Interregnum der Muslimbrüder Nachrichtensperre und dieselbe bleierne Ordnung wie unter Mubarak; Libyen und Syrien sind in einen blutigen Bürgerkrieg versunken. Und auch das Narrativ sozialer Netzwerke ist ein anderes.

Nun steht in den USA Facebook im Verdacht, den Ausgang der Wahl durch sogenannte Fake-News zugunsten von Donald Trump beeinflusst zu haben. Seitdem der Konzern im August sein News-Team entlassen und durch Algorithmen ersetzt hat, sind in dem Nachrichtenmodul wiederholt Falschmeldungen eingespielt worden. In einer mazedonischen Kleinstadt beispielsweise verdiente eine ganze Armada von Clickworkern Geld mit Fake-News-Seiten, die über soziale Netzwerke wie Facebook viral wurden. Und auf dem Kurznachrichtendienst Twitter konnte Trump auf die Unterstützung von Social Bots zählen.

Diese Meinungsroboter sorgten dafür, dass der Hashtag «TrumpWon» (Trump hat gewonnen) zum Trending Topic in den USA auf Twitter avancierte und ein Gegennarrativ zur medialen Erzählung konstruiert wurde, wonach Clinton das Duell gewonnen habe. Vor allem bei der letzten Debatte traten automatisierte Claqueure als aggressive Agenda-Setter auf den Plan und feuerten siebenmal mehr relevante Hashtags ab als das Clinton-Lager. Auch beim Brexit-Votum haben sich Softwareagenten eingeschaltet.

Wie der Kommunikationswissenschafter Philip N. Howard und sein Co-Autor Bence Kollanyi in einer Studie aufzeigen, handelte es sich bei den aktivsten Accounts beider Lager um Bots. Diese Accounts folgten – welche Ironie – einem ähnlichen Algorithmus. Das belegt, dass es im Meinungswettbewerb schon gar nicht mehr auf Programmatik, sondern lediglich auf eine effektive Programmierung ankommt.

Auch nach seinem Wahlsieg machte Trump auf Twitter kräftig Stimmung – der Kurznachrichtendienst ist das Sprachrohr des künftigen US-Präsidenten. Mitten in der Nacht setzt der Immobilienmilliardär, der nach eigenen Angaben mit nur vier Stunden Schlaf auskommt, Mitteilungen ab, auf die sich am nächsten Morgen begierig die Medien stürzen. Wenn Trump twittert, zittert nicht nur die Börse – der President elect liess mit einem Tweet über die Kostenexplosion der Air Force One kurzzeitig den Aktienkurs einstürzen –, sondern auch seine politischen Gegner. Trump gelingt es, seine Partei mit einem einzigen Tweet auf Linie zu bringen. Trump regiert von seinem Smartphone aus – ein einzigartiges Phänomen. Der ehemalige deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder sagte einmal, zum Regieren brauche er nur «‹Bild›, ‹Bild am Sonntag› und ‹Glotze›». Trump benötigt lediglich einen Twitter-Account und ein Smartphone. Teile und herrsche, so lautet die Maxime im postfaktischen Zeitalter.

Die Tatsache, dass soziale Netzwerke fünf Jahre nach dem Arabischen Frühling einen autoritären Politiker ins Weisse Haus befördert haben, markiertkeine Zäsur, sondern eine historische Kontinuität. Jede Revolution produziert eine Gegenbewegung. Trumps Triumph ist die Konterrevolution auf das revolutionäre Internet, das Herrschaftsdiskurse zu unterminieren sucht, von dem man aber nicht zuletzt seit den Enthüllungen von Edward Snowden weiss, dass es neue zementiert.

Der Facebook-Investor Peter Thiel, der im Wahlkampf Trump unterstützte, brachte das einmal so auf den Punkt: «Wir wollten fliegende Autos, aber wir bekamen 140 Zeichen». Trump hat diese 140 Zeichen usurpiert. Der Mann überträgt Politik in eine simplere Version von maschinen-lesbaren Wörtern und torpediert mit einer Bot-Armee den Diskurs. Das hätten sich die Revolutionäre vom Tahrir-Platz sicher nicht vorstellen können.