Ich habe in den letzten Jahrzehnten viele dumme Sätze gehört. Einer der dümmsten lautet: «Einen Hitler wird es nie mehr geben. Wir wissen ja jetzt, was daraus geworden ist.» Natürlich wird es den Original-Hitler nie mehr geben, den haben ja Gott sei Dank längst die Würmer gefressen. Nach Hitler kam in Deutschland zuerst eine Generation, die nicht darüber reden wollte, dann eine Generation, die ein schlechtes Gewissen hatte, danach eine, die alles aufarbeiten wollte, darauf diejenige, die wiedergutmachen wollte, und jetzt die Generation: «Hä? Hitler? Ist das der Sänger von Rammstein?»

Wir Schweizer waren ja fein raus, es gab zwar bei uns auch braune Figuren, die schafften es aber zum Glück nicht an die Macht. Es hätte auch anders laufen können, darauf müssen wir uns nichts einbilden. Es mag für viele ernüchternd sein, aber wir sind nicht generell schlauer als die Deutschen. Wir können uns ja heute nicht mehr vorstellen, wie ein ganzes Volk auf so eine erbärmliche Witzfigur hereinfallen konnte. Ein kleiner, von Minderwertigkeitsgefühlen getriebener, herumschreiender Zwerg, der sich in eine Position manövrieren konnte, an der ihn niemand mehr zu eliminieren wagte.

Und immer wieder die Frage: «Warum hat niemand etwas getan gegen diese Ausgeburt des Bösen?» Da kann ich nur einen Tipp geben: Es war eben nicht so, dass eines Morgens ein Unbekannter namens Adolf auftauchte und schon am Nachmittag am Fernsehen die Leute aufforderte: «Kommt mit, lasst uns mal die Juden ausrotten. Alle mir nach!» Da hätten die Leute gemerkt, dass etwas nicht stimmt und hätten ihn in die Psychiatrie eingeliefert. Nein, das Ganze kam schleichend, hatte mit Arbeitsplätzen und Autobahnen zu tun und wurde durch Angstverbreitung immer mächtiger, bis es zu spät war, die Lawine aufzuhalten.

Peach Weber, Komiker

Der Kolumnist aus Hägglingen ist seit 38 Jahren Komiker und jetzt mit dem Programm «GäxBomb!» unterwegs. Abschiedsvorstellung: 15. Oktober 2027 im Hallenstadion.

Als ich in der Schule im Skilager war, gab es eine Regel: Am Mittwochnachmittag wurde nicht Ski gefahren. Warum? Weil da die meisten Skiunfälle passieren. Das lag nicht am Wochentag, sondern weil sie erfahrungsgemäss am dritten Tag geschehen, wenn man das Gefühl hat: Jetzt habe ich es im Griff, es kann mir nichts mehr passieren.

Warum ich Ihnen das erzähle? Weil heute Dienstag ist. Natürlich ist heute Montag, aber in unserem gemeinsamen Skilager ist es eben ein Tag vor dem ominösen Mittwoch.
Wir sind im Moment Zeugen einer Zeit von Bewegungen, die prädestiniert dafür sind, dass uns dereinst unsere Kindeskinder vorwurfsvoll fragen könnten: «Warum habt ihr damals nichts getan? Damals, als diese Witzfiguren erst eine laute Minderheit waren. Warum habt ihr es zugelassen, dass sie in den Jahren nach 2017 auf über fünfzig Prozent kamen, die Macht übernahmen und den dritten Weltkrieg angezettelt haben? Damals hätte man es doch noch verhindern können.»

Ich gestehe hier ehrlich, ich bin mit den Entwicklungen in unserer Zeit ziemlich überfordert. Gut, da wird jetzt mancher Pseudo-Intellektuelle schnöden: «Kein Wunder, ist halt ein einfältiger Komiker!» Aber ich möchte Ihnen auch meinen Verdacht verraten: Wir alle sind überfordert. Einerseits das schlechte Gewissen, dass wir unseren Nachkommen Hexa-Quinto-Makro-Billiarden an Schulden hinterlassen, dazu aufgebrauchte Rohstoffe und genug Müll für eine strahlende Zukunft. Andererseits eine Zeit, in der ein ewig Pubertierender legal in eines der wichtigsten Ämter der Welt gewählt wird.

Der nächste Hitler wird kein lächerliches Schnäuzchen haben, an dem wir ihn erkennen könnten. Er kommt vielleicht mit einem jämmerlichen Toupet, mit einem steifen Bein oder noch raffinierter: als Frau! Wiederholungen in der Geschichte kommen immer dergestalt, dass man sie erst im Nachhinein als Wiederholungen klar erkennt.

Wir müssen also wachsam sein, deshalb soll diese Kolumne als Aufruf dienen: Halten Sie Ausschau nach Personen, die Ihnen verdächtig vorkommen, Personen, von denen Sie vermuten, dass sie eine solche Rolle einnehmen wollen. Bitte melden Sie mir diese Subjekte. Ich werde dann den Widerstand organisieren, wir werden uns rechtzeitig zusammentun und etwas dagegen unternehmen. Versprochen!

Auf dass unsere Enkel uns niemals vorwurfsvoll fragen können: warum . . .
Sie sehen, ich bleibe Optimist, einfach mit Betonung auf Mist.