Warum bereitet es uns Unbehagen, wenn einzelne muslimische Schüler sich weigern, einer Lehrerin die Hand zu geben? Weil hinter der Haltung eine enge Auslegung des Korans steckt. Sie jagt uns Angst ein, weil Islamisten sich auf ebenso mittelalterliche Überlieferungen beziehen, wenn sie Dieben die Hand abhacken und Fremdgängerinnen steinigen. Oder wenn islamistische Terroristen Anschläge verüben. Über dem gesamten Islam-Diskurs schwebt eine Angst, wegen der Muslime unter Generalverdacht stehen. Das Verhältnis zwischen Nichtmuslimen und Muslimen ist deshalb von Misstrauen geprägt. Und dieses Misstrauen bleibt bestehen, weil drei grosse Missverständnisse die Debatte prägen.

Eine starke Organisation fehlt

Stets ist die Rede von DEN Muslimen. Dabei sind sie keine homogene Bevölkerungsgruppe. Bosnier und Albaner sind die grösste Gemeinschaft in der Schweiz. Weder sprachlich noch historisch haben sie viel gemeinsam mit anderen Muslimen, Türken etwa. Bei den Kurden wiederum handelt es sich oftmals um politische Flüchtlinge, die Befreiungsbewegungen nahe standen und mit Religion eher wenig am Hut haben. Aus komplett anderen Kulturkreisen kommen die Afrikaner in der Schweiz: Tunesier haben schlicht einen anderen Hintergrund als Somalier oder Eritreer (die zur Hälfte Christen sind). Deshalb gibt es bis heute keinen starken Muslim-Verband auf nationaler Ebene. Die Föderation Islamischer Dachorganisationen der Schweiz (Fids), die vom Tunesier Montassar Benmrad geleitet wird, ist schwach. So schwach, dass Benmrad, der wie die Mehrheit der Muslime in der Schweiz Frauen zum Gruss die Hand reicht, sich nicht klar von Handschlagverweigerern distanzieren kann. Auch deshalb, weil konservative Mitglieder seiner Fids die Handschlagfrage anders beurteilen als die progressiveren.

Die Handschlag-Debatte führte direkt zur nächsten: Vom Ausland gesponserte Imame halten Predigten in Schweizer Moscheen. Sie sprechen aber meist gar nicht die Sprache hiesiger Muslime, Deutsch. Wollen wir Imame, die weder deutsch noch die Bedürfnisse der gläubigen Muslime in der Schweiz kennen? Wollen das die Moscheegänger selbst? Nein. Eine Lösung läge eigentlich auf der Hand. Imame könnten in der Schweiz ausgebildet werden. Fundamentalopposition kommt lediglich aus Reihen der SVP. Doch kommt die Debatte gar nicht recht in Gang. Ähnlich bei der Diskussion um die Finanzierung: Warum nicht den Islam den Landeskirchen gleichstellen? Die Muslime könnten analog den Kirchensteuern eine Art Moscheesteuer eintreiben. Doch einzelne Moscheevereine tun sich schwer mit der Idee, vom jetzigen System Abschied zu nehmen, das auf Mitgliederbeiträgen und Zuwendungen aus dem Ausland beruht. Vor allem die finanziell gut aufgestellten Vereine haben sich gut arrangiert.

«Wenn es ihnen nicht passt, sollen sie doch gehen!», ist ein viel gehörter Spruch. Gehen wir in ein muslimisches Land, passen wir uns schliesslich auch an. Der Ringier-Publizist Frank A. Meyer zielte in diese Richtung, als er ein entsprechendes Zitat des australischen Ex-Premiers von 2008 portierte. Wer mit einem «Wir» und einem «Sie» argumentiert, verkennt jedoch, dass sich auch die konservativsten Muslime selbst zum «Wir» zählen. Sie fühlen sich in der Schweiz zu Hause. Aussprüche wie der eingangs erwähnte, erreichen diejenigen gar nicht erst, an die sie sich richten. Denn «sie» fühlen sich gar nicht angesprochen. Wer also so argumentiert, muss sich den Vorwurf machen lassen, blosse Problembewirtschaftung zu betreiben, statt zu einer Lösung beizutragen.

Handeln müssen die Muslime

Und damit sind wir wiederum bei den muslimischen Handschlagverweigerern. Und ihren Unterstützern, die dieses Gehabe als durch die Grundrechte garantierte Freiheit verkennen. Sie haben Einfluss in der grössten Schweizer Muslimorganisation von Montassar Benmrad. Er könnte die von Misstrauen und Missverständnissen geprägte Debatte einen Schritt weiter bringen. Dazu darf er sich jedoch nicht mit blossen Beteuerungen begnügen, wonach die Mehrheit der Muslime hier gut integriert ist. Er muss dieses klare Signal an die muslimische Gemeinschaft selbst senden: Wer sich zu den hier lebenden Muslimen zählt, soll eine Handlungsanweisung des Propheten nicht allzu ernst nehmen. Denn «wir» reichen uns zum Gruss die Hand.