Der langjährige Präsident eines Medienunternehmens hat mal erklärt, wie er persönlich den Wandel der Branche erlebt: Früher liess sich der Verwaltungsrat zwei Mal pro Jahr über den Geschäftsgang informieren, der immer irgendwo zwischen ziemlich gut und sehr gut lag. Dann diskutierte man ein paar Formalien und schritt zum Mittagessen. Heute hingegen müsse der Verwaltungsrat in hoher Kadenz strategische Entscheide treffen, von denen das langfristige Überleben des Unternehmens abhängen kann.
In den Medienhäusern ist es vorbei mit der Gemütlichkeit. Die Branche befindet sich in einem Strukturwandel wie kaum eine andere. Dabei stellt sich einmal mehr heraus, dass man kurzfristige Veränderungen tendenziell überschätzt und langfristige unterschätzt. Microsoft-Gründer Bill Gates prophezeite 1990 das Ende der Zeitungen innert zehn Jahren. Heute wissen wir: Er lag komplett falsch. Aber wir sehen auch: Der Wandel findet statt, wenn auch langsamer.
Zwei Ereignisse führen uns das dieser Tage wieder vor Augen: Die «Financial Times Deutschland» wird eingestellt - gestern erschien die letzte Ausgabe. Und die stolze «Frankfurter Rundschau» ist insolvent. Weiteren Zeitungen droht dasselbe Schicksal. Dabei sind die traditionellen Medienmarken gefragter denn je. Dank Mobile und Online werden sie von so vielen Menschen gelesen wie noch nie. Gleichzeitig brechen Werbeeinnahmen weg, weil noch niemand herausgefunden hat, wie man mit Online-Journalismus Geld verdienen kann. Die «Weltwoche» hat diesen Wandel mit einer einfachen Rechnung aufgezeigt: Der «Tages-Anzeiger» publizierte von Januar bis Oktober 1990 total 18 236 Inserateseiten - 2012 waren es noch 3527. Bei der NZZ fiel die Zahl von 11 512 auf 3452, beim «Blick» von 3313 auf 1301.
Dabei hat die Zeitung nichts von ihrer journalistischen und staatspolitischen Bedeutung verloren. Sie allein informiert umfassend über politische Geschäfte, sie nimmt die Rolle der vierten Macht im Staat wahr, sie enthüllt Missstände, zeigt Zusammenhänge auf, bringt Steine ins Rollen. Da befremdet der Abgesang, der nun bereits seit Jahren voreilig erschallt. FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher wundert sich zu Recht über «eine Branche, die noch ihre eigene Krise zum Hype macht». Und stellt fest: «Jeder weiss, dass in einer Welt ohne Papier sofort eine Zeitung mit Papier eine Marktlücke ist.»
Jeder Kanal hat seine Stärken: Die Zeitung hat in einer Welt der Reizüberflutung durch Breaking News umso stärker die Aufgabe der unaufgeregten Einordnung - wie in der heutigen Ausgabe der «Fokus» unsere Berlin-Korrespondentin über Kanzlerkandidat Peer Steinbrück. Online und Mobile sind unschlagbar schnell und bieten die Chance zur Ergänzung mit Videos, Galerien, Diskussionsforen - der Schneeeinbruch im Mittelland generierte gestern die meisten Klicks. Die Chancen der neuen Kanäle will auch die «Nordwestschweiz» stärker nutzen und arbeitet seit Montag nach neuen Abläufen. Kernpunkt: Jeder Journalist arbeitet für Print, Online und Mobile. Unsere Leserinnen und Leser sollen selber entscheiden, wo sie was lesen wollen. Und klar: Wir wollen im Netz Geld verdienen. Deshalb planen wir, 2013 online kostenpflichtig zu machen.
Die Musikindustrie verdient heute gutes Geld im Netz. Das muss auch den traditionellen Medienmarken gelingen. Sonst wird es ihre Inhalte eines Tages nicht mehr geben. So einfach funktioniert der Markt.
Herzlichen Dank für das zahlreiche Feedback und für die Inputs.
@Manuel Krummenacher: Danke für die Blumen. Sie schreiben etwas Wichtiges: Wir müssen uns mit seriös recherchierten Hintergrundinformationen, Analysen und Interviews profilieren.
@Knoff Hoff: Einverstanden - wir müssen ein Alleinstellungsmerkmal haben, wenn wir Geld verdienen wollen. Ein solches sind zum Beispiel unsere Regionen. Niemand berichtet so umfassend darüber wie wir.
@Vogt: Stimmt nicht - wir zensurieren keine Blogs. Beiträge die justiziabel oder unter der Gürtellinie sind, erscheinen jedoch nicht - wie bei allen anderen Online-Portalen auch nicht.
Ich will da kein Zeitungs- oder Verlegerbashing unterstützen. Aber mithelfen, bewusst zu machen, dass überall dort, wo Konsumenten das steuern können, das leichte Grossverdienertum langsam zu sterben kommt. Auch, weil sich die Konsumenten umverteilen von unten nach oben ja länger je weniger leisten können, da sie es bei Wohnungsmieten, Krankenkassen, staatlichen Gebühren an die Beamten einfach müssen, wollen sie einigermassen anständig überleben. Einzig privilegierte werden Spitzenpolitiker und Beamte bleiben. Und natürlich eben, die Erben der bisherigen Grossverdiener oder Vermögenden.
Das Niveau der AZ ist Dritte Liga. Sie können und wollen nicht recherchieren; sind voreingenommen. Lieber noch die Botschaft im Subrtal abonnieren, da diese noch ab und zu die besseren Artikel haben.
Die AZ würde gut daran tun, ihre Schreiberlinge mal auszuwechseln mit Leuten die ein Niveau aufweisen das wir aus dem SPIEGEL, WELT, FAZ, Weltwoche etc. gewohnt sind.
Die AZ scheut sich auch vor Blogs - sie zensuriert sehr gerne und scheut sich vor Tatsachen.
Die heutigen Abopreise sind schon zu hoch angesetzt.
Beachtet man das die Onlinestellung des Blattes wesentlich günstiger und rationeller erfolgt als die Printausgabe, so sind die heutigen Preise schlicht eine frechheit.
Etliche Onlineleser werden sich von der AZ abwenden und das Blatt wird wenieger atraktiv fuer die Werbung.
Alternatieven gibt es ja im Web zu genuege, zumal die Schlagzeilen und Berichte eh aus ein und dem selben Topf stammen. "Hast Du eine Zeitung gelesen, so hast Du all die restlichen auch gelesen".........
Sehr geehrter Herr Dorrer, hoi Christian,
Ich möchte Ihnen wieder sprechen, denn der gute Journalismus auch der in der AZ ist nur Beilage. Die Gebühren respektive Abo Preise haben den einzigen Zweck die Kosten der Verbreitung des Blattes zu decken.
Jeder der sich ein wenig auskennt weiss das. Von dem her würde eine kostenpflichtige Ausgabe der AZ eher einer Preiserhöhung gleich kommen.
Das Problem ist eher das bei der Online Ausgabe die Einnahmen Seite massiv leidet, weil die Konkurrenz wesentlich grösser und stärker ist und die Werbe Kunden nicht so viel bezahlen wollen wie bei der Print Ausgabe. Ausserdem dürfte es auch Probleme geben mit der Werbe Menge, welche in den Print ausgaben bedeutend grösser sein dürfte.
Da die Online Ausgabe der AZ nun offensichtlich einen sehr grossen Leser Anteil hat möchte man profitieren was verständlich ist. Ich werde als Leser dann schon mal weg fallen, als Einkommens Loser, kann ich es mir nicht leisten etwas für das Angebot zu bezahlen. Andere werden auch weg fallen, da es eher Zufalls Leser sind, welche von anderen zur AZ gelotst werden.
Der Verlust an Besuchern reduziert dann wieder die Werbeeinnahmen, was eine weitere Verteuerung des Angebotes notwendig macht. Schluss endlich werden Sie kosten haben für ein Abo wie Heute für die Print Ausgabe. Was Heute zumindest niemand bezahlen würde, da das Informations Angebot auch ohne AZ riesig ist.
Die 2. Möglichkeit wäre die Print Ausgabe kostenlos abzugeben und so die Auflage wieder nach oben zu bringen. Nur würde man das wohl einen Toten Gaul reiten nennen von dem man besser absteigen sollte. Die Papier kosten, die Kosten der Verteilung, und der Druck bleiben dann am Betrieb hängen.
Daher mein 3. Vorschlag: An stelle einer Kostenpflichtigen Webseite oder Online Ausgabe, nur eine kostenpflichtige Zustellung, eines Kostenpflichtigen PDF Files. Welches einmal am Tag zugestellt wird. Aufgebaut wie die Heutigen Zeitungen, würde dies, die Einnahmen sichern und die Auflage halten. Vielleicht etwas Informativer und besser aufgearbeitet würde schon reichen um eine höhere Qualität gegen über der Online Ausgabe zu sichern.
Die Verteil Zeit zwischen 17 und 19 Uhr könnte ich mir vorstellen. Eventuell auch eine 2. Ausgabe zwischen 11 und 12 Uhr.
Meines Erachtens ist die Aufgabe einer Tageszeitung nicht nur das Überbringen der Nachricht, sondern auch das Einordnen, Querverbinden und Klassifizieren. Eine Nachricht sollte immer ein neues Kapitel in einem oder mehreren Dossiers sein. In diese Dossiers gehören multimedial vernetzt Nachrichten, Videos und Kommentare aus dem GANZEN politischen Spektrum. Dazu gehören ganz klar auch Beiträge, wie sie @Maya Hächler 08.12.12 | 15:20 erwähnt.
Dafür würde ich gerne ein paar Talerchen ausgeben. In Ihren Archiven ist auch genug Material um solche Dossiers rückwirkend auszufüttern: Arabischer Frühling, Eurorettung, Bilaterale Verträge, Klimawandel/-Schwindel, Islamisierung Europas, Alternative Energien, Kostenwahrheit im öV, .... Es gibt doch genügend Themen, die man gerne mal anstelle eines Buches möglichst vollständig runterladen und in Ruhe durchgehen möchte.
NOGO: Einseitige Berichterstattung, Panikmache, Manipulation, Demagogie. Das muss auch klar sein.
Ich danke Ihnen für diesen Kommentar. Ich danke Ihnen, dass Sie nicht -wie leider einige Ihrer Kollegen- einfach einen Sündenbock gesucht und auf Google gezeigt haben. Ihr Markt verändert sich nicht erst seit der Verbreitung des Internets. Schon die Gratiszeitungen haben einen Wandel gebracht.
Jetzt braucht es Mut. Mut, auf Qualität zu setzen statt den Gratismedien nachzueifern. Nicht jeden Quatsch von Stars und Sternchen zu bringen, nicht dreimal am Tag die Titel zu ändern um die Klickrate zu optimieren und nicht die Qualität eines Artikels an dessen Views zu messen. Das machen schon genug Gratiszeitungen.
Auch vom Wettlauf um die aktuellste Meldung würde ich mich verabschieden. Selbst die schnellste Zeitung ist langsamer als Twitter & Co. Eine gute Zeitung bietet aber, was Twitter nicht kann: seriös recherchierte Hintergrundinformationen, Analysen, Interviews. Diese sind nicht "breaking", sondern einfach lesenswert.
So hat die Zeitung der Zukunft (egal ob auf Papier oder online) vielleicht nur noch 10-20 Seiten, aber diese wenigen Seiten sind ihren Preis wert. Man bezahlt gerne dafür, weil man die Information nicht gestern schon auf Twitter oder einem Blog gelesen hat.
Ich denke Sie sind auf einem guten Weg. Sie haben sich schon jetzt nicht zu sehr zum Boulevard verführen lassen und auch die regionalen Informationen sind eine grosse Stärke.
Für die Zukunft wünsche Ich Ihnen und Ihrem Team viel Erfolg!
Wirklich? Sie vergleichen Äpfel mit Birnen.
a) Das gute Geld, das die Musikindustrie verdient, kommt von den i-Phone- und vergleichbaren Kunden. Einfache Geräte für den analogen Konsum von geschriebenen Nachrichten und Bildern gibt es nicht und das Radio ist schon lange erfunden.
b) Runtergeladene Musik kann ich jahrelang hören, das Verfalldatum eines Zeitungsartikels ist nach einmaligem Lesen erreicht.
c) Den Trend haben nicht die Main- sondern die oppositionellen Independent-Labels gesetzt. Auf welchen Zug wollen die MSM aufspringen?
d) Musik hören ist passiv, Lesen ist aktiv.
Also: Wo könnten die Nachrichten-Medien ansetzen?
Für die heute gebotene "Qualität" wird kein Mensch auch nur 5 Rappen zahlen wollen: Alle Medien bedienen sich bei den gleichen Quellen und schreiben den gleichen Einheitsbrei. Was aber viel schlimmer ist: Alle verschweigen uns das Gleiche. Welche Tages-Zeitung hat heute noch ein Alleinstellungs-Merkmal? Dort müssen Sie ansetzen. Marketing für Anfänger, Lektion 1: Werbung sei rar, klar, wahr.
Und das muss Ihnen klar sein: Ihre einzige Eigen-Werbung sind Ihre Artikel.