Würde Rainer Zulauf Toiletten entwerfen, müssten sie fünf Tonnen schwere Kunden aushalten können. Zulauf ist Architekt, genauer gesagt Landschaftsarchitekt – und in dieser Zunft ein besonderer: Er hat einen der äusserst raren Architektenposten in einem Schweizer Zoo inne.
Seit etwas mehr als zehn Jahren wirkt Zulauf im Basler Zolli.

Seine grössten Projekte waren die Anlagen für Nashörner, Menschenaffen und die Elefantenanlage Tembea, die nächsten März ihre Tore öffnet. Natürlich ohne Elefanten-WC. Tembea ist gleichzeitig sein letztes Grossprojekt in Basel. Er zieht sich aus dem Zolli zurück. «Aus dem schönsten Zoologischen Garten Europas», wie er sagt. Pro Woche verbrachte er rund zwei Tage dort.

Kein Würstlistand, keine Show

Zulauf spricht nie nur vom «Zoo», wenn es um den Zolli geht. Er sagt, sein Arbeitsplatz in Basel sei mehr ein Garten, eine Parkanlage – und genau darum gefällt es ihm hier so gut. Dafür sei der Zolli in der Zoowelt auch anerkannt. «Viele Zoos opfern die Beziehung zwischen Tier und Besucher dem Vergnügen», kritisiert er. Hier noch ein Würstlistand, da noch eine Lightshow und dort ein Fernsehbildschirm. Nicht so der Zolli. Piratenschiffe im Pinguingehege, das passte nicht hierhin.

Genauso wenig soll der Zoo eine exakte Kopie der natürlichen Umgebung der Tiere sein. Nach diesem Grundsatz richtet sich der Zolli. Daran hielt sich auch Zulauf, als er die neue Elefantenanlage entwarf. Echte Kopien sind teilweise nur schon wegen der Klimaunterschiede nicht möglich: Viele afrikanische Pflanzen würden bei den momentanen Temperaturen sofort eingehen.

Inspiration in Tansania geholt

In den USA, erzählt er, gebe es Zoos, die Baumstämme in Afrika fotografieren, die Form in Latex giessen und diese zu Hause nach Foto bemalen. Er hält nichts von dieser vorgespielten Nähe zur Natur. «Die Besucher sollen sehen, dass die Tiere hier gehalten und gepflegt werden.» Zulauf zeigt auf einen rostroten Kran, an dem die Tierpfleger Heu aufhängen können. Auch Absperrzäune werden nicht in meterhohen Gräsern versteckt, sind stattdessen gut sichtbar.

Während im Gehege nebenan drei Wildhunde an einem Schafskadaver reissen, erzählt Zulauf, er sei selbst zweimal nach Tansania gereist. Zur Inspiration: In Tembea stehen nun meterdicke Stämme von Affenbrotbäumen und Kopjes, von Wind und Wetter rundgeschliffene Felsen. Beides besteht aus Beton. Zum einen hält dieser Liebesbekundungen elefantöser Art besser stand als richtige Bäume. Aber es gibt noch einen anderen Grund: «Die Betonbäume sind Anmutungen an den natürlichen Lebensraum, keine Kopien», sagt Zulauf. Sie sollen im Kopf der Besucher Bilder hervorrufen. Er nennt den Zoo darum auch «Psychotop».

Hi-Tech im Affenbrotbaum

Die Elemente dienen aber nicht nur als Dekoration. Viele haben eine Funktion. In den meisten steckt Futter, zu dem die Tiere durch schmale Löcher gelangen. Im Innern der Anmutung an den Affenbrotbaum steckt neben Futter auch eine Hi-Tech-Maschine. Eine Zeitschaltuhr mit Zufallsgenerator regelt automatisch, wann welche Zugänge zu den Futterstellen offen sind. Die Tiere müssen ihre Nahrung immer wieder neu suchen. «Hier gibt es nicht um neun Uhr Frühstück und um 17 Uhr Abendessen», sagt Zulauf.

Die Elefanten zeigen sich an diesem bitterkalten Morgen nicht auf der Aussenanlage, auch die Panzernashörner bleiben an der Wärme. Dafür schleichen zwei Fischotter über den sumpfigen Boden. Diesen hat Zulauf eingebaut, weil die Nashörner vom Gehen auf Beton Fussprobleme bekamen. Panzernashörner leben nicht in der Savanne, sondern in Indien, am Fusse des Himalajas. Auf weichem Boden, das hat Zulauf auf einer Reise in die Gegend festgestellt. Reisen ist seine grosse Leidenschaft. Im Mai war er auf Borneo, war dort Teil einer Trekking-Gruppe. Auch die nächste Reise wird ihn auf die drittgrösste Insel der Welt führen. Der Orang-Utan hat es ihm dort angetan.

In den Fussstapfen des Vaters

Zulauf wohnt in Baden und ist Mitbegründer des Zürcher Landschaftsarchitekturbüros Studio Vulkan, aus dem er sich ebenfalls zurückzieht. Der 64-Jährige fühlt sich Tieren und Pflanzen sehr verbunden. Sein Vater war Landschaftsarchitekt im Zoo Zürich. Er rechnete damit, seinen Posten zu übernehmen, doch es klappte nicht.

20 Jahre später fragte der Zolli sein Studio an. Das sei Zufall gewesen, sagt Zulauf, aber ein schöner. Die Kombination von Landschaftsarchitektur und Zoologie ist für ihn das grösste. Reihenhäuser bauen ist nicht sein Ding. Verschmitzt lächelnd sagt er: «Kollegen aus der Branche mit 37 Altersheimen im Portfolio beneiden mich.»