Ali Khamenei brachte es auf den Punkt: «Nach ihm gibt es wohl niemanden in unserem Heimatland, mit dem ich eine so lange Zeit von Höhen und Tiefen der Geschichte gemeinsam teilen durfte», schrieb der iranische Revolutionsführer in seiner Kondolenzbotschaft zum Tod von Akbar Haschemi Rafsandschani. Selbst Meinungsverschiedenheiten bei der Interpretation des islamischen Rechtes hätten die 59 Jahre währende Freundschaft nicht trüben können.

Der Tod des 82-jährigen Politikers, analysierte der iranische Politologe Bahman Kalbasi, markiere den «tiefsten Einschnitt in der Geschichte des Landes seit dem Tod von Ayatollah Khomeini im Sommer 1989». Es war Rafsandschani, der damals im Expertenrat die Wahl des unerfahrenen Ali Khamenei zum neuen Revolutionsführer durchsetzte. Rafsandschani selbst wurde zum Staatspräsidenten gewählt – eine Position, die es ihm gestattete, eine solide Machtbasis im Lande aufzubauen. Sie ermöglichte es dem gewieften Taktiker und Strategen, bis zu seinem Tod die politische Entwicklung der Islamischen Republik immer wieder massgeblich zu beeinflussen.

Geduld zahlt sich aus

Rafsandschani war es auch, der den am Ende glücklosen Reformpräsidenten Mohammed Khatami unterstützte und Manipulationen bei der umstrittenen Wahl des Hardliners Ahmadinedschad schonungslos anprangerte. Seine damals geäusserte Kritik an Revolutionsführer Khamenei belastete die gemeinsame Freundschaft, führte aber nicht zum Bruch. Auf Drängen von Rafsandschani – und am Ende mit dem Segen Khameneis – setzte sich bei den letzten Präsidentenwahlen vor dreieinhalb Jahren mit Hassan Rohani erneut ein Reformer durch. Dessen Sieg war auch ein Triumph Rafsandschanis, der einmal mehr bewiesen hatte, dass sich politische Geduld im Iran auszahlt.

Für den charismatischen Rohani ist der Tod des mächtigen Rafsandschani ein schwerer Schlag. «Seine Wiederwahl im Sommer dieses Jahres ist jetzt alles andere als sicher», befürchtet der an der Universität von Teheran lehrende Geschichtsprofessor Mohammed Marandi. Kleriker in der für Schiiten heiligen Stadt Ghom gehen davon aus, dass sich das fragile Gleichgewicht innerhalb der herrschenden Geistlichkeit jetzt zugunsten der Hardliner verschieben könnte.

Die Zeit der geheimen Treffen, auf denen Rafsandschani politische Weichen im Iran stellen konnte, sei jetzt endgültig vorbei, jubilierte der für seine erzkonservativen Kommentare gefürchtete Zeitungskolumnist Hamidreza Taraghi. Mit dem «Verschwinden von Rafsanschanis unsichtbaren Händen», hofft der Hardliner nicht ohne Häme, werde sich politische Entscheidungsfindung im Iran in Zukunft leichter gestalten. Sicher ist dies nicht. Eine Erschütterung des politischen Systems, da sind sich die Analysten einig, bedeutet der Tod von Rafsandschani in jedem Fall. Mit dem Abgang des 82-jährigen Geistlichen setzt sich auch der Generationenwechsel im Iran fort. Die Drahtzieher der Revolution sterben aus. Viele ihrer Nachfolger gelten als kompromissunwillig und ideologisch verbohrt.

Khamenei ist noch mächtiger

Ob sie aus dem Tod Rafsandschanis politisches Kapital schlagen können, hängt in erster Linie von Revolutionsführer Ali Khamenei ab. Der oberste iranische Geistliche ist jetzt noch mächtiger als zuvor. Die direkte, meist ungeschminkte Kritik seines einflussreichen Weggefährten und Freundes braucht Khamenei nicht mehr zu fürchten. Wie der 78 Jahre alte Ayatollah seinen erweiterten politischen Bewegungsspielraum nutzen wird, ist gegenwärtig noch nicht absehbar. Mit der Absegnung des Atomabkommens hat Khamenei allerdings bewiesen, dass er auch Entscheidungen treffen kann, die den Hardlinern gründlich missfallen.