Am Tag nach dem «Rundschau»-Bericht umhüllt dichter Nebel den Kühlturm des Atomkraftwerks Leibstadt (KKL). Selbst wenn Wasserdampf aufsteigen würde, wäre er kaum sichtbar. Rolf Aebi führt seinen Hund Gassi. Vor knapp fünf Monaten sind er und seine Frau aus der Region Landquart nach Leibstadt gezogen. «Die Bündner sagten, wir spinnen, wenn wir ins AKW-Dorf ziehen», sagt der IV-Rentner. «Aber wir fühlen uns wohl hier und haben keine Angst.» Den Gutschein für die Jodtabletten, den er beim Zuzug in die Gemeinde erhielt, hat er noch nicht eingelöst. «Das werde ich auch nach der ‹Rundschau›-Sendung nicht tun», sagt Aebi. Allerdings: Die Dampfsäule hat er noch nie aufsteigen sehen.

Problem 2015 erkannt

Nach einem Betriebsunterbruch von einem halben Jahr soll das Atomkraftwerk in zwei Wochen wieder hochgefahren werden. Am Mittwochabend erhob das SRF-Recherche-Magazin «Rundschau» schwere Vorwürfe gegen dieses Vorhaben. Kritische Siedezustände im
Reaktor, sogenannte Dryouts, hatten zur Oxidation mehrerer Hüllrohre der Brennelemente geführt. Das Kernkraftwerk Leibstadt habe die Problematik bereits 2015 erkannt und die Behörden verständigt. Die Atomaufsichtsbehörde Ensi informierte aber erst kurz vor Weihnachten 2016 auf ihrer Website über das Auftreten von Dryouts. In der Sendung kamen nebst KKL-Direktor Andreas Pfeiffer mehrere Experten zu Wort. Die Hauptkritik der «Rundschau»: Obwohl die Ursache für das Versagen der Kühlung nicht geklärt ist, wollen die Verantwortlichen das Atomkraftwerk Mitte Februar wieder ans Netz bringen.

Strassenumfrage

Wie reagiert die Bevölkerung des 1270-Einwohner-Dorfes, das so eng mit der Atomindustrie verwoben ist, auf den «Rundschau»-Bericht? Eine Strassenumfrage zeigt: Die Stimmung in Leibstadt ist weit unter dem Siedepunkt. Genau wie im November 2016, als 90 Prozent der Stimmenden gegen die Atomausstiegsinitiative waren. Die Verkäuferin in der Bäckerei Maier sagt: «Es liegt im ureigensten Interesse der AKW-Angestellten, dass alles sicher ist. Die meisten wohnen ja mit ihren Familien in der Region.» Einzig ein älterer Herr aus der Nachbargemeinde Schwaderloch, der nicht namentlich genannt werden will, ärgert sich massiv. «Die Vorfälle werden verschwiegen. Die Behörden machen, was sie wollen», sagt er und fügt an: «Wäre das vor der Abstimmung im November publik geworden, wäre ein anderes Resultat herausgekommen.»

"Die Leute schütteln den Kopf"

Leibstadts Ammann Hanspeter Erne glaubt das nicht. «Die Leute hier schütteln den Kopf über die selbst ernannten Experten, die mehr zu wissen glauben als die wirklichen Experten», sagt er. Auch fühlt er sich nicht ungenügend informiert. So gab es Mitte Oktober im KKL ein Behördentreffen aller umliegenden Gemeinden. «Das KKL hat uns über die Oxidation informiert und wir durften Fragen stellen», sagt Erne. Weiter sei versprochen worden, dass man nicht ans Netz gehe, bevor man nicht wisse, was Sache ist. Diesen Widerspruch zur «Rundschau»-Aussage kann Erne nicht aufräumen, sagt aber: «Ich denke nicht, dass das Ensi hochfahren lässt, solange eine Unsicherheit besteht. Diese Verantwortung würde niemand übernehmen.»

Ähnlich beurteilt der Leibstadter SVP-Nationalrat Hansjörg Knecht die Lage: «Ich gehe davon aus, dass man die Wiederaufnahme des Betriebs verantworten kann und dass die Prozesse im KKL aufs Strengste überwacht werden.» Er habe Vertrauen in die Schweizer Sicherheitskultur. «Das Ensi arbeitet und entscheidet unabhängig von der Politik und den AKW-Betreibern. Beim Ensi arbeiten Profis, die machen einen guten Job und ich vertraue ihnen.» Knecht fordert aber auch: «Die Sicherheit muss zwingend vor den wirtschaftlichen Interessen stehen.» Der Stillstand des KKL dürfte Betriebsausfallkosten von rund 180 Millionen Franken verursacht haben.