Es ist nicht so, dass Marcel Iseli Probleme herbeisehnt. Aber dagegen einzuwenden hätte er nichts. «Wenn alles rund läuft, wäre ich enttäuscht», sagt er vor dem Start in ein einmaliges Abenteuer. Schliesslich sollen die Teilnehmer etwas zu berichten haben. «Wo es Probleme gibt, da entstehen Geschichten», sagt Iseli. Der 59-Jährige war acht Jahre Bad Zurzachs Gemeindeammann und sass von 2000 bis 2005 für die FDP im Grossen Rat. Heute ist er Mitinhaber von Hürzeler Bicycle Holidays und organisiert Veloferien auf der halben Welt. Nun folgt sein Meisterstück: Von Moskau nach Peking – oder 7800 Kilometer in 80 Tagen.

Die Idee hatte Marcel Iseli erstmals 2002. Russland, die Mongolei und China sollen mit dem Rad erkundet werden. Pulsierende Grossstädte entdecken, den Ural überqueren, die Weiten Sibiriens, die Steppen der Mongolei, den Baikalsee und die Chinesische Mauer erleben. Und nach 80 Tagen die Einfahrt in Peking auf dem Platz des Himmlischen Friedens.

Drei Jahre Vorbereitung

Drei Jahre dauerten die Vorbereitungen. «Nur mit dem Fahrrad kann man bewusst alle Sinne ansprechen und zugleich sportlich aktiv sein», sagt er. Zudem reizt ihn das Unbekannte. «Der Osten ist für viele Mittel- und Westeuropäer Terra Incognita», sagt Iseli, «nur wenige kennen zum Beispiel die Facetten eines riesigen Landes wie Russland mit all seinen Völkern und Kulturen.»

Die Reise führt die Teilnehmer durch sieben Zeitzonen entlang der Zarengold-Eisenbahnlinie. Doch wer nimmt diese Abenteuerreise auf sich? «Es sind velobegeisterte Hobbyfahrer», sagt Iseli, «einige stehen mitten im Berufsleben, andere nutzen den Trip, um auszusteigen, um ihre Pension einzuleiten. Ein Arzt hat sogar seine Praxis aufgegeben», erzählt Iseli. Das Durchschnittsalter der Teilnehmer liegt bei über 50 Jahren. «Alle sind noch fit und neugierig», sagt Iseli. 4 Frauen, 21 Männer und 3 Begleitpersonen nehmen die 80-tägige Reise unter die Räder.

10'000 Liter Wasser an Bord

Begleitet wird der Tross von zwei Luxus-Nightliner-Bussen. Diese führen den Proviant und über 10'000 Liter Wasser mit, haben eine Küche, sanitäre Anlagen, Waschmaschinen, Schlafplätze, eine Velowerkstatt und das Radlager. «Die Strasse und die Nightliner werden unser Zuhause sein», sagt Iseli. Nur rund alle 1200 Kilometer kommt die Reisegruppe an einer grösseren Stadt vorbei. Dort gönnt man sich ein Hotelbett und einen Ruhetag. Die täglichen Etappen betragen rund 120 Kilometer.

«Wir werden Überraschungen erleben», ist sich Iseli sicher, «Unwetter, Strassensperren, Probleme bei der Grenzabfertigung.» Alleine für Russland benötigen die Teilnehmer ein spezielles Visum. Normale Touristenvisa sind maximal einen Monat gültig. Doch die Reisegruppe wird zwei Monate im ehemaligen Zarenreich verbringen. Wegen der Besorgung der Visa ist auch der staatliche Fernsehsender Russia 1 auf die Schweizer aufmerksam geworden. Von der ersten Etappe soll ein Beitrag gesendet werden. «Ich hoffe, dass der Rummel nicht zu gross wird», sagt Iseli, «denn das ist nicht das Ziel der Reise.»

Empfang in der Botschaft

Heute treffen sich die Teilnehmer in Riga, der Hauptstadt Lettlands. Morgen beginnt der Transfer in den Bussen nach Moskau. Am 10. Juni wird die Gruppe in der Residenz der Schweizer Botschaft empfangen. Zu den Gästen zählen Botschaftsmitarbeiter, Vertreter des Russischen Rad-, Tourismus- und Wirtschaftsverbandes. Noch bevor die eigentliche Tour startet, wird der Kreml, der Rote Platz und das Mausoleum von Lenin besichtigt. Das Abenteuer auf vier Rädern beginnt am 12. Juni, dem Russischen Nationalfeiertag.