Nachdenklich steht Andreas Pfeiffer, Leiter des Kernkraftwerks Leibstadt, vor dem Reaktormodell im Infozentrum. Dass in der Schutzhülle um den Atomreaktor in «seinem» Kraftwerk vor zwei Wochen sechs Löcher festgestellt wurden, hat den Maschinenbau-Ingenieur persönlich getroffen.

Herr Pfeiffer, wie haben Sie von den Löchern in der Reaktorschutzhülle erfahren?

Andreas Pfeiffer: Ich wurde am 24. Juni telefonisch informiert, dass ein Mitarbeiter bei einem Rundgang auf die Löcher gestossen war. Eigentlich wurde dabei die Befestigung von neu installierten Defibrillatoren überprüft, dabei wurden die Bohrlöcher der Feuerlöscher zufällig entdeckt und unmittelbar gemeldet.

Wie haben Sie auf diese Nachricht reagiert – ein solcher Vorfall ist ja nicht alltäglich.

Ich bin zuerst tief erschrocken und habe mich dann gefragt, wie es passieren kann, dass bei der Montage von Feuerlöschern das Containment beschädigt wird. Ich bedaure diesen Vorfall sehr, und wir setzen alles daran, ihn aufzuklären und die notwendigen Lehren daraus zu ziehen.

Haben Sie inzwischen herausgefunden, wer die Löcher gebohrt hat?

Die zwei Feuerlöscher wurden im Jahr 2008 von Fremdpersonal montiert.

Das heisst also, dass die Löcher in der Reaktorhülle sechs Jahre lang unbemerkt geblieben sind?

Ja, das ist tatsächlich so. Allerdings waren fünf Bohrlöcher mit Schrauben verschlossen, eines war offen, aber von der Feuerlöscher-Halterung verdeckt. Der Durchmesser der Löcher beträgt ungefähr 6 Millimeter.

Dennoch lief der Atomreaktor sechs Jahre lang, obwohl die Schutzhülle mehrere Löcher aufwies.

Das stimmt, ich möchte aber ausdrücklich festhalten, dass trotz der Löcher alle sicherheitsrelevanten Anforderungen eingehalten wurden. Wir haben nachgewiesen, dass sowohl im Normalbetrieb als auch bei einem Störfall im Kraftwerk die Stabilität des Containments nicht beeinträchtigt gewesen wäre. Die Hülle hätte ihre Schutzfunktion weiter erfüllt.

Wie ist das möglich? Durch ein Loch kann doch Radioaktivität aus dem Kraftwerk entweichen?

Nein, das ist nicht möglich, im Reaktorschutzbehälter herrscht bei Normalbetrieb Unterdruck. Das heisst, es kann keine Luft und damit auch keine Radioaktivität entweichen. Und selbst in einem Störfall wären die gesetzlichen Grenzwerte eingehalten worden.

Ist das wirklich so harmlos? Immerhin die Aufsichtsbehörde Ensi verfügt, dass das AKW abgestellt werden muss, wenn die Löcher nicht bis zum 18. Juli verschweisst sind.

Das Kraftwerk ist mit den Löchern nicht in jenem Zustand, den wir uns vorstellen und der der Auslegung entspricht. Deshalb setzen wir alles daran, die Frist für die Reparatur zu erfüllen. Aber auch das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat Ensi ist zum Schluss gekommen, dass die Sicherheit des Kraftwerks bei laufendem Betrieb gewährleistet ist, sonsten wäre die sofortige Abschaltung angeordnet worden.

Inzwischen sind die Löcher provisorisch abgedichtet – was haben Sie sonst noch unternommen?

Ich habe eine vertiefte Untersuchung angeordnet, die zeigen soll, wie es 2008 zu diesem unerfreulichen Vorfall kommen konnte. Weshalb hat eine Fremdfirma bei der Montage der Feuerlöscher die Löcher gebohrt? Und warum haben wir nicht die notwendigen Kontrollen durchgeführt, um dies festzustellen? Es ist aber zu früh, zu diesen Fragen jetzt schon Aussagen zu machen.

Das Ensi kritisiert Leibstadt ungewohnt scharf, die Rede ist von organisatorischen Mängeln und einem Vorfall, der nicht passieren darf.

Die Kritik des Ensi ist berechtigt. Auch ich muss festhalten, dass so etwas in einem Kernkraftwerk nicht passieren darf. Aber es sind Menschen am Werk und wir haben verschiedene Barrieren, um sicherzustellen, dass ein Einzelfehler keine gravierenden Auswirkungen auf Mensch und Umwelt hat.

Was tun Sie, dass ein solcher Vorfall tatsächlich nicht mehr passiert?

Wir schulen unser Personal intensiv, zudem gibt es heute Anweisungen, die einen solchen Vorfall verhindern würden. Diese haben wir erlassen, bevor wir von den Löchern gewusst haben.

Wegen Feuerlöschern: Löcher in Schutzhülle des AKW gebohrt