So viel Publicity hätte sie nicht erwartet. Lea Kiefer lacht und streicht eine blonde Strähne aus dem Gesicht. Die ganze Schweiz kennt jetzt den Staffelbacher Findling – und die junge ETH-Geologin, die ihn auf seiner vorläufig letzten Reise begleitet hat. Gross war das mediale Echo auf den spektakulären Umzug des 124 Tonnen schweren Riesenbrockens von der Kiesgrube Stoltenrain an seinen neuen Bestimmungsort.

Seither läuft es bei der Abteilung für Umwelt rund, Lea Kiefer bekommt vielerlei Rückmeldungen. Auf ihrem Schreibtisch stapeln sich Briefe, sogar handgeschriebene sind dabei. «Die Leute sind sehr interessiert, sie wollen alles Mögliche über diesen Stein und Findlinge allgemein wissen», sagt die 27-Jährige, die seit zwei Jahren als Fachspezialistin Rohstoffe und Geologie beim Kanton Aargau arbeitet und – wie die ganze Abteilung – inzwischen ziemlich stolz ist auf den Fund und das Interesse, das er weckt. «Am Anfang hat mich der Rummel fast ein bisschen überfordert, aber jetzt freue ich mich, dass der Stein so gut ankommt.»

«Es ist toll, dass wir ihn haben, auch wenn er geologisch nicht der speziellste oder spektakulärste Fund in der Schweiz ist», sagt Lea Kiefer. Aber für die Region sei er speziell, wegen seiner Grösse und seiner Beschaffenheit, ein wertvoller Zeitzeuge. Deshalb sei er auch geschützt.

Fünf Stunden in 1,5 Minuten: Des Findlings kleine, aber spektakuläre Reise.

Stein stammt aus Wattenmeer

Unterdessen hat man den Findling weiter untersucht und neue Erkenntnisse gewonnen. «Wir gehen davon aus, dass dieses Gestein durch Ablagerungen in einer Art Wattenmeer entstanden ist.» Wie kann man das sagen? Lea Kiefer präzisiert: «Einerseits aufgrund der Merkmale, der sichtbaren Strukturen und Bestandteile an der Oberfläche.» Mit dem Finger folgt sie feinen Linien auf dem regennassen Stein, einer Bänderung, die durch verschiedene Schichten abgelagerten Schlamms entstanden ist, wie die Geologin weiss.

Daneben finden sich Bruchstücke von fossilen Meerestieren und kohlige Pflanzenbestandteile. «Ein Zeichen dafür, dass der Stein im Salzwasser, aber nicht allzu weit vom Land entfernt entstanden sein muss.» Mikroskopische Untersuchungen von ganz dünn geschliffenen Gesteinsproben, sogenannte Dünnschliffe, würden ausserdem Hinweise auf die verschiedenen Mineralien geben. Aus all diesen Informationen könne schliesslich das Milieu rekonstruiert werden, in dem der Stein gebildet worden sei – in diesem Fall wahrscheinlich eben ein Wattenmeer.

Rätselraten ums Alter

Danach wird erforscht, wo der Stein herkommt. Das sei noch schwieriger zu bestimmen, erklärt Lea Kiefer, denn es habe in der Zeitgeschichte nicht nur einmal ein solches Wattenmeer gegeben. «Wir verfolgen im Moment zwei Möglichkeiten», so die Geologin. Der Findling könnte aus der sogenannten Oberen Meeresmolasse stammen. Während der Alpenfaltung sei das heutige Mittelland nämlich von einem Meeresarm überflutet gewesen, Schuttablagerungen des entstehenden Gebirges und marine Ablagerungen hätten sich abgewechselt. In diesem Fall wäre der Stein etwa 20 Millionen Jahre alt. «Wenns so wäre, befände sich der Entstehungsort irgendwo zwischen Luzern und Staffelbach, so Kiefer. Derzeit hat ein Spezialist den Auftrag, weitere Untersuchungen anzustellen und diesen Entstehungsort weiter einzugrenzen.

Wettbewerb: Wie soll der Stein heissen?

Es gibt den Erdmannlistein, den Hexenstein oder den
Titistein. Auch der Staffelbacher Findling hat einen Namen verdient, findet Geologin Lea Kiefer. Im kommenden Jahr will der Kanton deshalb einen Namenswettbewerb unter Schulklassen lancieren.

Würde die zweite Theorie zutreffen, die die die Fachleute verfolgen, wäre der Stein wesentlich älter. Dann wäre er irgendwo hinter Luzern in den Zentralalpen entstanden, auch da habe es während des Mesozoikums (250 bis 66 Millionen Jahre vor heute) mehrere Wattenmeerphasen gegeben.

Sich mit einem solchen Fund auseinanderzusetzen sei «schon mega cool», sagt Lea Kiefer, betont aber im selben Atemzug, dass dies wirklich nicht ihre Hauptaufgabe sei. Die junge Geologin ist zuständig für den Materialabbau im Kanton, hat also den Überblick, was in den Aargauer Ton- und Kiesgruben und in den Kalksteinbrüchen vor sich geht. Und diese Tätigkeit, die Aufgaben von der Abbauplanung bis zur Rekultivierung von Gruben umfasse, sei auch sehr spannend – auch wenn nicht alle Tage ein solches Prachtsstück wie der Findling von Staffelbach zum Vorschein komme.