Welcher potenzielle Lehrling soll vor Ihrer Türe stehen, damit Ihr Herz ein paar Takte höher schlägt?
Roger Segessenmann: Ein handwerklich geschickter, aufgestellter junger Burschen. Zum Beispiel ein Bauernsohn.
Was ist schwieriger zu finden: ein handwerklich geschickter oder ein aufgestellter Lehrling?
Ein handwerklich Geschickter.
Woran liegt das?
Heute wachsen die Jungen mit Fernseher, Computer und Handy auf. Viele haben noch nie etwas mit den Händen gemacht. Weil bei jungen Menschen das Interesse am Handwerklichen fehlt, ist es schwierig einen Lehrling zu finden.
Auf Ihr Inserat haben sich bereits einige Schnupperstifte gemeldet. War der Traumlehrling bereits darunter?
Bisher nicht.
Warum schreiben Sie Ihre Lehrstelle nicht im Internet aus?
Weil ich dann einen Riesenstapel Bewerbungen bekomme, die alle unbrauchbar sind.
Unbrauchbar?
Das sind dann alles solche, die sonst nichts bekommen. Und heute geht das so schnell: Beim Bewerbungsformular die Adresse ändern und die Bewerbung abschicken. Interesse am Beruf ist gar keines vorhanden. Schaue ich mir die Noten und das Betragen der Bewerber an, dann weiss ich, dass die nie und nimmer Kaminfeger werden könnten.
Welchen Schulabschluss setzen Sie voraus?
Mindestens einen guten Realabschluss.
Wie oft bilden Sie Lehrlinge aus?
Normalerweise habe ich alle drei Jahre einen Neuen. In letzter Zeit hatten wir öfters ein paar Jahre keinen, weil wir niemanden fanden.
Warum sind Sie eigentlich Kaminfeger geworden?
Als Kind schaute ich dem Kaminfeger zu, der bei uns russte. Er fragte mich, ob ich nicht Kaminfeger werden wolle. Die Schnupperlehre gefiel mir so gut, dass ich gleich mehrere machte.
Warum soll ein junger Mensch Kaminfeger werden?
Es ist ein vielseitiger Beruf und wer ausgelernt ist, kann sehr selbstständig arbeiten,
Und weshalb soll jemand gerade bei Ihnen in die Ausbildung gehen?
Weil wir mit sechs Kaminfegern ein relativ grosser Betrieb sind und ein Lehrling von den unterschiedlichen Arbeitsweisen profitieren kann. Denn jeder Kaminfeger hat seine eigenen Art etwas zu Tun.
Und welche Schattenseiten Ihres Berufs würden Sie einem Schnupperstift nicht verschweigen?
Schattenseiten? (überlegt lange)
Vielleicht, dass Sie bei der Arbeit schmutzig werden?
Ja, das stimmt. Aber wir sind noch immer wieder sauber geworden. Und eine Kaminfegerfrau, die hat den saubersten Ehemann.
Warum das?
Die persönliche Reinigung ist in der Arbeitszeit inbegriffen. Am Abend zieht der Kaminfeger die Arbeitskleider aus duscht und fährt sauber nach Hause.
Ein künftiger Kaminfeger ist nicht nur Feger, sondern auch Brandverhinderer. Mögen Sie Feuer?
Ja sehr – aber nur im Ofen.
Was ist der häufigste Grund für einen Brand?
Unwissen. Die jüngere Generation ist nicht mehr mit Öfen aufgewachsen.
Was passiert durch Unwissen?
Man kippt zum Beispiel die Asche vom Cheminée zu früh in den Abfall und es fängt an zu brennen. Asche darf man nur in nichtbrennbaren Behältern mit Deckel auf nichtbrennbarer Unterlage lagern.
Wie oft gibt es eigentlich Kamin- und Russbrände?
Es gibt Winter, da brennt es in unserer Gegend nie und ein andermal zählen wir bis zu 15 Brände.
Hat ein Kaminfeger Schuldgefühle, wenn es brennt?
Nein nie, denn brennen tut es wegen Bedienungsfehlern und nicht, weil wir unsere Arbeit schlecht gemacht haben.
Vor welchem Fehler möchten Sie einen künftigen Lehrling bewahren?
Zu Beginn muss ich Lehrlingen immer wieder sagen, dass ihre Hände dreckig sind. Der klassische Anfängerfehler ist, sich mit der russigen Hand an einer weissen Wand abzustützen.
Was hilft, dass Sie in Zukunft einfacher Nachwuchs finden?
Die Eltern sollten darauf achten, dass ihre Kinder zwischendurch etwas in die Finger nehmen können. Auch in einem Mehrfamilienhaus kann man Fenster putzen oder dem Abwart helfen.