Mit dem Auto fährt der Schriftsteller Klaus Merz durch das Wynental. Milchig-matt döst der Horizont im Hintergrund. Wie eine müde, leere Seite, die auf Gedanken wartet. Die Eröffnungssequenz aus dem Film «Merzluft» von Heinz Bütler weist den Weg. Der Zuschauer begleitet den Schriftsteller bei einer Spurensuche. Es ist die Expedition zu den poetischen Stoffen, die seine Seiten gestalten. Das Menziken, das er gekannt hat, in dem er aufgewachsen ist, ist wichtig. Das Wynental überhaupt. Kindheitserlebnisse spielen eine entscheidende Rolle.

Klaus Merz berichtet im Film von Krankenparaden, die er mit seinem behinderten Bruder Martin im Dorf aufgeführt hat, und erzählt, wie er vom Begafften zum Beobachter wurde.

Grosser Andrang im Atelierkino

Zum zweiten Mal, nachdem der Film an den Solothurner Filmtagen Ende Januar Premiere gefeiert hatte, wurde «Merzluft» gestern Vormittag im Atelierkino des Theaters am Bahnhof vorgeführt. Das Interesse war sehr gross. Nur mit zusätzlich herbeigeschafften Stühlen konnte der Publikumsandrang bewältigt werden.

Im Kino anwesend waren auch Klaus Merz und Regisseur Heinz Bütler. Bei einem Podiumsgespräch beantworteten sie im Anschluss an die Vorstellung die Fragen von Manfred Papst. Der Ressortleiter Kultur der NZZ am Sonntag ist in «Merzluft» einer der Protagonisten und Teil eines Deuterzirkels, der hellhörig und weitsichtig die poetische Tiefe von Merz› Sprache auslotet.

Im Gespräch wurde erneut das Wynental zum Thema. Klaus Merz sagte: «Man muss wissen, von welchem Boden man sich abstösst.» Der Blick nach vorne könne nur gelingen, wenn man gleichzeitig auch zurückblicke. So führt die gefilmte Autofahrt den Schriftsteller vorbei an bekannten Weiden und Wäldern zu vertrauten aber auch neu errichteten Häusern. Und all die Eindrücke münden in schöpfungsbereite Anekdoten.

Manfred Papst merkte im Theater am Bahnhof weiter an, dass die Dörfer im Wynental nun nicht gerade mit der eindrücklichsten Architektur der Welt aufwarten würden. «Doch hat Heinz Bütler in seinem Film eine eigene und charakteristische Poesie und Schönheit entdeckt.» Man war sich auf dem Podium und mit dem Publikum einig, dass Landschaften, Ortschaften und Dichtung im Film einen berückenden Gleichklang erzeugen würden.

Ein Quäntchen Kritik

Er habe den Film auf einige wenige Motive konzentrieren wollen, führte Heinz Bütler aus. «Mich hat interessiert, aus welcher Welt Klaus Merz seine Stoffe bezieht. Deshalb die Reise durch das Wynental und auch die Beschränkung darauf.»

Mit der Öffnung des Podiums zum Publikum hin wurde in Reinach schliesslich auch den Kinozuschauern die Möglichkeit gegeben, Fragen zu stellen. Dabei stellte sich heraus, dass einige Liebhaber der Dichtung von Klaus Merz ihn sich nur schwer vorstellen können hinter einem Steuer sitzend. «Ich bringe das Tempo der Autofahrt nicht mit der Poesie zusammen», meinte eine Zuschauerin.

Es war dies ein Quäntchen Kritik an einem ausserordentlichen und tiefgründigen Film, der es schafft, die literarische Sprache zum Hauptdarsteller zu machen, und eine einmalige Innensicht in das Werk eines Autors bietet. Es war aber auch ein Hinweis auf die empfindliche und zarte Kraft der Sprache von Klaus Merz, die einen unabhängigen Wert besitzt.