Warm, weich und geheimnisvoll klingt die Stimme von Melinda Nadj Abonji, als sie zu singen beginnt. In ihre ungarischen Worte webt Balts Nill feine Gitarrenklänge, eine melancholische, fremdländisch anmutende Melodie. Wer die Muttersprache der Schriftstellerin nicht beherrscht, versteht nichts – und trotzdem erzeugen Sprache und Musik Bilder vor dem inneren Auge, von Landschaften, über die Abonji zuvor gelesen hat, von Schnee, Meereswellen, tanzenden Menschen. Die zierliche Frau in Wanderschuhen und der Multiinstrumentalist im schwarzen Blazer beweisen mit ihrem Zusammenspiel, dass Musikalität sich nicht um Spartengrenzen schert.

Publikum tauchte sofort ein

Pappeln säumen die Strasse und lösen bei Ildiko, der Ich-Erzählerin in Abonjis Roman «Tauben fliegen auf», Gedanken an ihre erste Liebe aus. Das Buch beginnt mit Ildikos Erinnerungen an eine Familienreise in die Heimat, die Provinz Vojvodina im Norden Serbiens. Die Erzählung ist plastisch, voller Leben.

Obwohl die Lesung erst vor Minuten begonnen hat, ist das Publikum im Theater am Bahnhof in Reinach längst eingetaucht in die Welt von Melinda Nadj Abonji. Bevor die Autorin angefangen hat zu lesen, sang sie wehmütige Klänge, welche die Zuhörenden bannten.

Unfreiwilliger Humor

Später kommt Humor als Abwechslung: Unfreiwillig komische Missverständnisse beim Deutschlernen der Eltern etwa. Manchmal wundern sie sich über die Schweizer Kultur, schwärmen hingegen in Serbien von der neuen Heimat. Ildiko und ihre Schwester Nomi wachsen zwischen den beiden Kulturen auf, merken sich Wörter wie «Schwarzarbeit», die sie zwar nicht verwenden, die aber im Kopf der Erzählerin eine (nicht immer korrekte) Vorstellung erwecken und mit denen Melinda Nadj Abonji einen Einblick in die Funktionsweise ihrer Fantasie erlaubt. Balts Nill trommelt mit Holzstäbchen auf Blechbüchsen, Pet-Flaschen, schüttelt zerknüllte Bierdosen. Aus Abfallgegenständen entsteht Musik. Wenn Abonji dazu liest, lässt sie ihre Hand über dem Tisch durch die Luft gleiten.

Zwei, die zusammen passen

Seit sie 2010 sowohl mit dem Schweizer als auch dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde, ist die Autorin einem breiten Publikum bekannt. Der erste Auftritt zusammen mit Balts Nill fand aber schon vorher statt. Die beiden passen künstlerisch zusammen: Worte, Gesang, Klänge ergänzen sich, auch wenn Abonji nach den Ausschnitten aus «Tauben fliegen auf» noch weitere eigene und fremde Texte liest.

Am Schluss der Veranstaltung teilen Abonji und Balts Nill noch einen besonderen Schatz mit dem TaB-Publikum. Der Musiker legt eine Schallplatte auf, und überraschend füllt das vertraute Schnurren einer Katze den Raum, später legen sich verträumte bis jazzige Klavierklänge darüber. Die Platte ist vom amerikanischen Komponisten Alvin Curran und passt gut zur vorangegangenen Lesung: Schönheit findet sich im Einfachen, und Musik findet sich im Alltäglichen.