Der Widerstand der Bez-Lehrkräfte ist standes- und bildungspolitisch motiviert. Weil es im 6. Primarschuljahr kein Fachlehrersystem und keine Zusatzangebote für Begabte gebe, drohe ein Bildungsabbau, so der BLV.
Auch die Sekundar- und die Realschule müssen, wenn das Volk am 11. März Ja zum Reformpaket sagt, ein Jahr hergeben. Trotzdem tönt es hier ganz anders: Der Verband der Reallehrerinnen und Reallehrer (rla) und die Sekundarlehrpersonen Aargau (SLA) befürworten die Vorlage und damit das Strukturmodell 6/3.
Angstmacherei
Insbesondere der Vorstand des rla zeigt sich kämpferisch: In einem Positionspapier kommen die Bez-Kollegen nicht gut weg: «Das Argument, dass das Gesamtniveau sinke, ist Angstmacherei. Es stellt auf arrogante Weise die Leistung der Primarlehrpersonen infrage, die zur adäquaten Vermittlung des Schulstoffes für heterogene Klassen pädagogisch und fachlich durchaus befähigt sind.»
Oder: «Das Stimmvolk wird leider oft verunsichert, weil aus den Reihen von Lehrpersonen immer wieder Bedenken geäussert werden, die letztlich dem gewerkschaftlichen Interesse dienen und nicht wirklich dem Kind.» Schliesslich: «Das Argument, dass ein junger Mensch den Stufenwechsel im 6. Jahr besser vollziehen kann als im 7., ist eine Behauptung. Allen Unkenrufen zum Trotz sind wir der Meinung, dass die Umstellung sogar positiv beurteilt werden kann.»
Ungute Separation
«Vielen gibt die neue Struktur Anlass zu allerlei Befürchtungen – uns gibt sie Anlass zu viel Hoffnung», sagt Gabriele Baldinger, Mitglied des rla-Vorstandes. «Wir haben ausreichend Zeit für die Umstellung.» Die Reallehrerin erinnert daran, dass die Umstellung jene Schulzeit verlängert, welche alle Kinder miteinander verbringen, und jene verkürzt, in welcher die Jugendlichen in drei Leistungszügen separiert werden – was positiv sei: «Wenn Jugendliche separiert werden, lernen sie, dass sie nicht mehr zu den anderen gehören – und die anderen nicht mehr zu ihnen.»
Die verkürzte Oberstufe braucht ein Viertel weniger Lehrpersonen, in allen Leistungszügen. Das weiss auch Gabriele Baldinger, doch es schreckt sie nicht. Sie verweist auf den heute grossen Lehrermangel an der Oberstufe. «Durch natürliche Abgänge und Zurückhaltung bei den Neueinstellungen könnte sich die Zahl der entwurzelten Lehrpersonen in Luft auflösen.»
Wille des Volkes
«Das Modell 6/3 ist für uns gegessen», sagt die ehemalige SLA-Präsidentin Elisabeth Abassi. Sie ist heute Vizepräsidentin des Aargauischen Lehrerinnen- und Lehrerverbandes, also des Dachverbandes, der die Ja-Parole zum Stärkungspaket beschlossen hat. «Das Schweizer Volk und das Aargauer Volk haben ihren klaren Willen für einheitliche Schulstrukturen bekundet, für mich ist ganz klar, dass wir diese Umstellung jetzt vollziehen müssen.»
Die Bedenken der Bez-Lehrpersonen kann die Sekundarlehrerin und Schulleiterin bis zu einem gewissen Grad verstehen: «Dass die Besten in der 6. Primarklasse etwas weniger Nahrung erhalten als in der 1. Bez, ist möglich. In der Sekundarschule unterrichten wir ungefähr den Leistungsschnitt der 13-Jährigen, da ändert sich durch die Umteilung des Jahres nicht viel.»
«Wir brauchen die Reform»
Esther Erne, die aktuelle SLA-Präsidentin, betont: «Die Vorteile des Stärkungspaketes sind eindeutig grösser als die Nachteile. Massnahmen wie die Aufwertung des Kindergartens, die Zusatzlektionen für belastete Gemeinden oder die regionalen Spezialklassen kommen der gesamten Schule Aargau zugute. Es wäre fatal, wenn das Paket abgelehnt würde.» Eine grosse Arbeitslosigkeit unter den Sekundarlehrpersonen befürchtet sie nicht: «Für die Zusatzlektionen werden ja auch qualifizierte Lehrpersonen gebraucht.»
Auch dass Seklehrer auf die Primarstufe wechseln, kann sie sich vorstellen. «Es ist allerdings wichtig, dass der Kanton die Bedingungen für dieses 6. Primarjahr attraktiv gestaltet. Sonst ist es dann tatsächlich so, dass die Sekundarlehrkräfte in den Kanton Zürich statt in die Primarstufe wechseln.»