«Doch jedes Mal, wenn wir uns treffen, dann diskutiert es», erklärte Peter Müller im vollbesetzten Pavillon der Unterkulmer Kirchgemeinde. Die beiden hatten zu einem öffentlichen Dialog über «Gott und die Welt» eingeladen und diskutierten vor Publikum in einer verblüffenden Offenheit.
«Schon unsere Herkunft ist ganz verschieden», erklärte Müller, «aber dennoch haben wir rasch gespürt: Wir finden uns immer wieder.»
Franz Hochstrasser erzählte, wie er in Sursee in einem streng katholischen Milieu aufgewachsen und erzogen wurde, wie er sich als junger Mann, als Student, immer mehr von der Kirche und ihren Inhalten entfremdet habe. Was erzählt und was teils gelebt wurde, stimmte für ihn kaum überein, «eine Einsicht, die letztlich zum Kirchenaustritt führte.»
Peter Müller erzählte, er sei «pietistisch aufgewachsen, wir gingen nach dem Gottesdienst in die Stunde, waren also Stündeler». In der Freikirche damals sei immer klar gewesen, was richtig, was falsch sei.
Müller hat sich nach seiner Berufslehre der Landeskirche zugewandt, Theologie studiert und ist seit sechs Jahren in Unterkulm im Pfarramt. Kürzlich hat er noch in Theologie promoviert. Hochstrasser hat Psychologie studiert, war Schulleiter einer Fachschule und arbeitete längere Zeit in einem Projekt in Russland.
Durch die Welt mit den Menschen
Mit oder ohne Gott durch die Welt? Bei dieser Frage schieden sich die Meinungen. Während der Pfarrer äussert, «Gott schenkt mir das Leben, er hält mich, durch ihn fühle ich mich getragen», sagt Hochstrasser vorerst einmal, «ohne Gott, ohne Glauben» sei eigentlich negativ belegt. Aber er wolle das hier positiv ausdrücken. «Ich kann zwar Gott nicht erkennen, aber ich leite den Sinn des Lebens aus anderen Gegebenheiten ab.» So schaue er, wie die Menschen ihr Leben gestalten, «miteinander, nicht allein». Es sei für ihn in der Jugend schwierig gewesen an Gott heranzukommen, und so «gehe ich heute durch die Welt ohne Gott, aber mit den Menschen».
Jemand aus dem Publikum hakte nach: «Und wenn Not ist, besinnen Sie sich dann nicht auf Gott und Kirche?» Pfarrer Müller wies darauf hin, dass zwar gelte: «Not lernt beten, aber auch Not lernt fluchen, sich abwenden.» Not sei aber keine Strategie um die Kirche zu füllen. «In der Not suchen die Menschen die Gemeinschaft.»
«Herr Hochstrasser», fragte eine Frau, «in der Not bete ich, was tun Sie?» Dieser erklärte: «In der Not öffne ich mich, gehe zu andern Menschen, ich bin eher diesseitig orientiert.» Hoffnungslos sei das nicht. Überhaupt etwas zu glauben dürfe kein Muss, kein Kampf sein.
Natur und Schöpfung, oder beides?
Er rede heute wieder mehr von «Schöpfung» als von Natur, äusserte Müller, und dabei sei ihm bewusst, «Ich bin Teil der Schöpfung und deshalb auch verantwortlich.» Dieses Bewusstsein sei bedeutsam, erklärte Müller, weil wir heute in einer Generation lebten, die fähig sei, Natur und Schöpfung zu zerstören. «Wir müssen heute die Natur, die Schöpfung bewahren und nicht uns untertan machen.» Da ist Hochstrasser gleicher Meinung. Die Verantwortung könne man nicht aus uns holen. «Für mich gilt: Der Mensch ist wertvoll, das ist die Basis von Respekt.» Auf dieser Grundlage hätten sie keine Differenzen, sagten die beiden Gesprächspartner, «da treffen wir uns».