Ein lautes Geisselknallen durchbricht die Stille über dem Lenzburger Widmi-Quartier. Das ist ungewohnt. Um diese Jahreszeit haben die Chlausgeisseln längst wieder zu schweigen.

Das Knallen zur Unzeit gilt Geisselvater Ernst Lüthi. Nur wenige Stunden vor dem Auftritt der Geisselklöpfer aus der ganzen Region ist der Geisselvater am vergangenen Samstagmittag im 94. Altersjahr gestorben. In seinem Daheim an der Brunnmattstrasse. Mit einem ohrenbetäubenden Lärm vor seinem Haus schickte eine grosse Schar Geisselklöpfer ihren Geisselvater Ernst Lüthi auf die letzte Reise. Lüthis Tochter Margrit Gloor ist gerührt. «Zeitlebens stand unser Vater in der Öffentlichkeit. Er hätte sich diesen Abschied gewünscht.»

Lauter Abschied: Geisselklöpfer erweisen Ernst Lüthi die letzte Ehre.

Ernst Lüthi war die Koryphäe in der wachsenden Geisselklöpf-Gemeinde in der Region Lenzburg-Seetal. «Über Jahrzehnte hinweg verkörperte er das Chlausklöpfen. Ihm allein ist es zu verdanken, dass der alte Brauch nicht ausgestorben ist», sagt Urs Schwager, Obmann der Chlausklöpfer. Tatsächlich hat der gelernte Seiler Ernst Lüthi vor rund 60 Jahren in seiner Garage eine Geisselproduktion eingerichtet. Dies, nachdem sein Arbeitgeber, die Lenzburger Arova, beschlossen hatte, die Seilproduktion einzustellen. Das hat ihm eine Rüge der Seilerei-Direktion eingetragen. Vater habe dies nicht gekümmert, erinnert sich die Tochter. «Er hat seine Überzeugung gelebt und so das Brauchtum gerettet.»

In all den Jahren und weit über die Pensionierung hinaus konnte man zu jeder Zeit bei Ernst Lüthi vorbeigehen, sei’s um den Zwick zu ersetzen, eine Reparatur vorzunehmen oder Tricks und Kniffe zu lernen, damit die Geissel noch lauter knallt.

Während der Klöpf-Saison war Ernst Lüthi bis ins hohe Alter bei Veranstaltungen interessierter Zuschauer. Immer hat er einen Beitrag zur Förderung des Brauchtums geleistet. Dazu erzählt Chlausklöpf-Obmann Urs Schwager diese charmante Episode: Auch die Meitli sollten keine Angst vor dem Geisselschwingen haben. «Am Regional-Wettbewerb, dem jährlichen Geisselklöpf-Finale, hat Ernst Lüthi den drei bestklassierten Frauen seit Jahren einen Blumenstrauss gesponsert. Bis vor zwei Jahren hat er ihn auch noch persönlich überreicht.»

Nebst den Chlausgeisseln hat Ernst Lüthi ein weiteres wichtiges Brauchtum in der Region mitgetragen: die Seetaler Meitlitage. Er knüpfte die Netze, mit denen die Meitli in Fahrwangen und Meisterschwanden Jahr für Jahr Männer einfangen. Und weil dann und wann auch stattliche Männer in den Netzen landen, kommt es immer wieder vor, dass es ein Seil «putzt».

Ernst Lüthi wird am Mittwoch, 15. Februar, beerdigt. Die Trauergemeinde trifft sich um 14 Uhr im reformierten Kirchgemeindehaus Lenzburg und anschliessend im Restaurant Ochsen zum Essen. «Vater war ein lebensfroher Mensch. Er hat sich eine grosse Beerdigung gewünscht», sagt Margrit Gloor.

Die Chlausklöpfer wollen die Tradition am Leben erhalten. Ebenso klar ist für Klöpf-Obmann Urs Schwager dies: «Ich bin überzeugt, dass nun auch im Himmel oben geklöpft wird.»

Ernst Lüthi hatte seine Nachfolge geregelt. Robert Werren und sein Sohn Daniel aus Egliswil waren schon seit einiger Zeit für die Geisselfabrikation zuständig und hatten für die wachsende Chlausklöpf-Gemeinde Chlausgeisseln gefertigt und geflickt. Pro Jahr produzierten sie gegen 1000 Stück. Doch das Schicksal hat es anders gewollt. Wenige Wochen vor Ernst Lüthi ist am 9. Januar Geisselmacher Robert Werren 69-jährig gestorben. «Nach einem langen Leiden durfte er friedlich einschlafen», schreibt die Familie in der Todesanzeige. Auf Wunsch des Verstorbenen fand die Beisetzung im engsten Familienkreis statt. Im Gegensatz zu Lüthi hatte er sich einen stillen Abschied gewünscht. Die wachsende Gemeinde der Chlausklöpfer trauert. «Innerhalb von kurzer Zeit mussten wir von den zwei wichtigsten Persönlichkeiten unserer Tradition Abschied nehmen», sagt Geisselklöpf-Obmann Urs Schwager. (str)

Ein stiller Abschied von Robert Werren

Ernst Lüthi hatte seine Nachfolge geregelt. Robert Werren und sein Sohn Daniel aus Egliswil waren schon seit einiger Zeit für die Geisselfabrikation zuständig und hatten für die wachsende Chlausklöpf-Gemeinde Chlausgeisseln gefertigt und geflickt. Pro Jahr produzierten sie gegen 1000 Stück. Doch das Schicksal hat es anders gewollt. Wenige Wochen vor Ernst Lüthi ist am 9. Januar Geisselmacher Robert Werren 69-jährig gestorben. «Nach einem langen Leiden durfte er friedlich einschlafen», schreibt die Familie in der Todesanzeige. Auf Wunsch des Verstorbenen fand die Beisetzung im engsten Familienkreis statt. Im Gegensatz zu Lüthi hatte er sich einen stillen Abschied gewünscht. Die wachsende Gemeinde der Chlausklöpfer trauert. «Innerhalb von kurzer Zeit mussten wir von den zwei wichtigsten Persönlichkeiten unserer Tradition Abschied nehmen», sagt Geisselklöpf-Obmann Urs Schwager. (str)