Das Zugunglück hatte sich am Freitag auf der vielbefahrenen Bahnstrecke Karlsruhe-Basel ereignet. Aus noch ungeklärten Gründen sprangen beim Bahnhof der südbadischen Kleinstadt Müllheim acht Waggons mit explosiven Chemikalien aus den Schienen. Rund 300 Menschen im Bahnhof wurden von einer Staubwolke eingehüllt. Feuerwehr und Polizei riefen Grossalarm aus und evakuierten ein ganzes Wohngebiet im Umkreis von einem halben Kilometer.

Die Chemikalien waren jedoch weniger problematisch als befürchtet. Der Einsatzleiter der Feuerwehr spricht von grossem Glück: «Wäre noch mehr Chemikalien ausgetreten, hätte eine Giftwolke über die Kleinstadt ziehen können.»

Explosive Güter in Aargauer Wohngebieten

Die Strecke Karlsruhe-Basel ist Teil des wichtigsten europäischen Güterkorridors Rotterdam-Köln-Basel-Mailand-Genua. In der Schweiz führt eine der beiden Hauptlinien quer durch den Kanton Aargau; nämlich von Aarau über Lenzburg nach Wohlen und von dort durch das ganze Freiamt nach Arth-Goldau.

Die Güterzüge passieren dabei auch dicht bebaute Wohngebiete. Das Risiko einer Entgleisung wird vom Bundesamt für Verkehr (BAV) jedoch als gering eingestuft. «In der Schweiz gibt es heute keine Bahnstrecke, auf der das Risiko im nicht akzeptablen Bereich liegt», heisst es in einer Stellungnahme, die das BAV im Sommer 2009 als Reaktion auf das verheerende Eisenbahnunglück im italienischen Viareggio verschickte.

In der Küstenstadt war damals ein mit Flüssiggas beladener Güterzug explodiert. 31 Menschen starben, dutzende weitere wurden verletzt. Der Sachschaden war enorm.

Bei der Explosion eines Güterzuges starben 31 Menschen.

Inferno im italienischen Viareggio

Bei der Explosion eines Güterzuges starben 31 Menschen.

Die Stellungnahme des BAV hat immer noch Gültigkeit. In der Schweiz sollen demnach folgende Mechanismen das Risiko eines solchen Unglücks auf ein Minimum reduzieren:

Sensoren I: Im Schienennetz sind in regelmässigen Abständen Heissläufer-Ortungsanlagen installiert. Diese reagieren auf überhitzte Räder und Bremsen und schlagen Alarm.

Sensoren II: Kesselwagen in Schweizer Besitz verfügen über Detektoren, die bei einer Entgleisung eine Bremsung einleiten.

Besseres Rollmaterial: In den vergangenen Jahren wurden die Kesselwände von Wagen, in denen besonders gefährliche Chemikalien (z.B. Chlor) transportiert werden, verstärkt.

Kontrollen I: Internationale Züge müssen von dem Bahnunternehmen überprüft werden, das den Transport in der Schweiz durchführt (z.b. SBB Cargo oder BLS Cargo). Diese Kontrolle kann vertraglich in einer «Vertrauensübernahme» an ein ausländischen Unternehmen übertragen werden.

Kontrollen II: Unabhängig dieser Erstkontrolle führen die Schweizer Infrastruktur-Gesellschaften, die für Bau und Betrieb des Schienennetzes verantwortlich sind (z.B. SBB Infrastruktur), zusätzliche Stichproben durch.

Kontrollen III: Als dritte Instanz prüft auch das Bundesamt für Verkehr zufällig ausgewählte Güterzüge. «Jeder Zug, der durch die Schweiz fährt, wird damit mindestens einmal überprüft», sagte BAV-Sprecherin Florence Pictet der az.

Mit diesen Massnahmen konnte das Risiko eines Zugunglücks mit gefährlichen Gütern gegenüber 2001 deutlich gesenkt werden, wie das Bundesamt für Verkehr festhält.