Hätten Zustände einen Geruch, würde es hier drin nach Konzentration riechen. Campus Sursee, 1. Stock, Raum 17-256. Junge Männer sitzen vor Computern, die Finger fliegen über die Tastatur, die Augen sind streng auf den Bildschirm gerichtet. Über den schwarz-grauen Teppichboden entspannt sich ein Gewirr aus Netzwerkkabeln. Auf den Tischen sind Laptops und Notizbücher aufgeklappt, daneben Fastfood für das Gehirn: Bananen, Mini-Snickers. $

Miro Haller, 20, Beinwil am See, hat Kopfhörer eingestöpselt. Ein Radio soll versteckt Daten versenden, hiess es in der Aufgabenstellung. Miro muss herausfinden, wie, und was das für Daten sind. «Capture the Flag», heisst der Aufgabentyp in Hackersprache: Finde das Fähnlein. Um 6.30 Uhr ist Miro an diesem Samstag aufgestanden, um 9 begann die technische Prüfung. Jetzt ist kurz vor Mittag – und Miro ernüchtert: «Ich habe einen Ansatz verfolgt, der mich nicht weiterbrachte. Ich muss wohl nochmals von vorn anfangen.»

Was hier stattfindet, hat einen langen Namen: European Cyber Security Challenge, Schweizer Final. Während dreier Tage treffen sich die besten 20 Nachwuchs-Hacker der Schweiz. Das Europa-Final findet im November in Düsseldorf statt, die besten zehn werden als «Team Schweiz» dabei sein. Eine Fachjury bewertet technisches Können, Auffassungsgabe, aber auch sogenannte «social skills». Mitorganisator Adrian Bachmann sagt es so: «Wir wollen keine Fachspezialisten, die Super-Cracks sind, sich aber nicht ausdrücken und nicht im Team arbeiten können». Deshalb gehören zum Auswahlverfahren auch Interviews und Präsentationen vor der Gruppe.

Hacker unter sich: Der Schweizer Final der European Cyber Security Challenge in Sursee.

Miro Haller hat es dieses Jahr als einziger Aargauer in das Final geschafft. Die az besuchte ihn wenige Tage davor zu Hause am Hallwilersee. «Voll Klischee», sagt er und lacht laut, als er den Weg in sein Zimmer zeigt: Dieses befindet sich im Keller. Neben Bett, BMX-Bike und Röhrenfernseher steht ein Pult mit zwei Bildschirmen. Daneben: ein hüfthoher schwarzer Rechner, Modell «Trooper».

Dass er sich für Informatik interessiert, merkte Miro an der Neuen Kantonsschule Aarau. Er belegte das Akzentfach «infcom.ch», das Ergänzungsfach Informatik, das Freifach Programmieren – «alles, was man nehmen konnte». Die schwierigeren Aufgaben fand er schnell interessanter als die einfachen. «Ich wollte immer noch mehr ausprobieren. Einen obendrauf setzen.» Die Kantischüler schrieben einfache Games. Es wäre erlaubt gewesen, das Projekt abzugeben, wenn das Game noch nicht funktionierte. Miro ging das «gegen den Strich», er gab immer nur fertig ab.

Buhlen mit Bumerang

In Sursee ist Mittagspause. In der Campus-Kantine gibt es Kalbsadrio oder Vegi-Plätzli. Wichtig ist aber vor allem der Kaffee. Pause wäre eigentlich bis 13 Uhr, schon um Viertel vor räumen die Hacker ihre Tabletts ab. Mitorganisator Bernhard Tellenbach, Präsident Swiss Cyber Storm (siehe Box rechts), sagt schmunzelnd: «Man muss sie zu Pausen zwingen.»

Am Nachmittag müssen sie zuerst aber zuhören. «Sponsor Talks» stehen auf dem Programm. IT-Sicherheitsfirmen rücken sich in Englisch gehaltenen Präsentationen ins beste Licht. Enrico Petrov von der Aarauer terreActive AG sagt: «We are part of the good guys» und schenkt jedem Teilnehmer einen Rucksack, darin A4-Blätter: ein Unternehmensporträt, Stellenbeschriebe und eine Information mit dem Titel «Dein neuer Arbeitgeber».

Die Zürcher Open Systems AG verschenkt Kunststoff-Bumerangs. Aufdruck: «Hope to see you again». Dann öffnet Tellenbach die Fenster und versucht, die Hacker zu einer Fünf-Minuten-Pause zu motivieren. Er ist chancenlos. «I can see you want to hack?», fragt er rhetorisch. «OK, then hack.»

Miro sagt, wenn man eine Programmiersprache gelernt habe, sei es nicht mehr so schwierig, die nächste zu lernen: «Die Wörter sind oft gleich, aber die Grammatik ändert sich». Nach der Matura versuchte er es bei IT-Sicherheitsunternehmen. In Zürich fand er einen Praktikumsplatz. Das Zwischenjahr endete vor wenigen Wochen mit einem guten Arbeitszeugnis und einem definitiven Entscheid: Gestern Montag begann Miro das Informatik-Studium an der ETH Zürich.

Nicht im falschen Loch verrennen

Inzwischen ist er in seinem Radio-Rätsel einen Schritt weiter gekommen. Er hat von einem Teamkollegen einen Tipp bekommen: «Ich bin jetzt auf dem richtigen Weg. Hoffe ich.» Die Zeit drängt. Es ist nach 15 Uhr – und um 17 Uhr ist Abgabe. Rätsel, die nicht ganz gelöst sind, geben nicht die volle Punktzahl. Und löst ein Hacker eines anderen Teams das Radio-Rätsel vor Miro, gibts Abzug.

Ausgerechnet jetzt muss er zum Interview antraben. Zwei Jurymitglieder wollen wissen, was seine Motivation ist. Welche Anwendungen er beherrscht. Und dann: noch ein Rätsel. Er müsse sich acht Billardkugeln vorstellen. Eine sei schwerer als die anderen. Er habe eine Goldwaage vor sich, dürfe sie nur zweimal benutzen. Wie findet er die schwerere Kugel? Miro hat die Lösung schnell, sagt später: «Ich bin gut in Mathe. Logisch denken fällt mir leicht.»

Ivan Bütler ist Co-Architekt der IT-Rätsel. «Wir haben viel Inspiration aus dem Alltag», sagt er. Daraus müsse man dann Rätsel formen, die «verhebed». Adrian von Arx, 27, hat schon mehrfach teilgenommen. Er vergleicht die Aufgaben mit einer morschen Holztür: «Du musst drücken und schauen, wo sie einbricht. Aber sie kann auch an zwei Orten einbrechen, dann musst du aufpassen, dass du dich nicht im falschen Loch verrennst.» Die Jury beobachtet. Am Schluss braucht die Schweiz für die EM ein Team, das mit allen denkbaren Challenges zurechtkommt.

Miro ist zurück am Laptop. In einer Audio-Software schaut er sich einen Tonschnipsel an. Und stellt fest: Was man nicht hören kann, kann man in etwas Lesbares übersetzen. Wo der Ton steigt, bedeutet das eine 1, wo er abfällt eine 0. Er notiert Zahl um Zahl. Plötzlich wird aus dem Binärcode ein Satz: «{...the real voice}».

Er schnappt seinen Laptop, fragt den Gruppenchef: «Könnte das die Flag sein?» – «Sieht so aus.» Sofort zum Jurytisch. «Ähm, sorry, ist das die Flag von Radio Manchester?» «Jawohl, genau!», sagt Architekt Ivan zufrieden. Miro atmet auf. Dann fragt er seinen Teamchef: «Hat jemand schon diese CSI Cyber Case Files angeschaut?» – «Nä-äh.» – «Macht es Sinn, wenn ich mir die noch anschaue?» – Klar! Mach nume!» Es ist ja erst halb fünf.

Fortsetzung folgt im November: Miro Haller hat die Qualifikation geschafft und fährt mit dem Team Schweiz ans Europa-Final.