Sie stellen abends den Wecker und erwachen morgens zeitig – wie jeder, der eine Arbeit hat und dessen Einsatz irgendwo gefragt ist. Sie montieren, nähen, servieren, waschen, kochen, arbeiten im Büro. Und doch sind sie anders: Sie sind die Angestellten des sogenannt Zweiten Arbeitsmarktes. Manchmal stehen sie morgens dann doch nicht pünktlich auf der Matte.

Der Erste Arbeitsmarkt ist der bekannte: Da erhält derjenige Arbeit, der für einen Job am besten qualifiziert ist. Wer die Anforderungen nicht erfüllt, wird ersetzt. So bleiben die Unternehmen profitabel und konkurrenzfähig. Das sind die Regeln des freien Marktes.

Fällt jemand aus dem System, tritt der Sozialstaat in Aktion: Der Rausgefallene erhält zur Überbrückung Geld von der Arbeitslosenkasse. Klappt der Wiedereinstieg nicht, zahlt die Sozialhilfe. Diese Töpfe füllen jene, die arbeiten, mit einem Teil ihres Lohnes via Abzüge und Steuern.

Viele sind psychisch beeinträchtigt

Eine Studie der Fachhochschule Nordwestschweiz, der Scuola universitaria professionale della Svizzera italiana und der Fernfachhochschule Schweiz listete kürzlich die Zahlen zu den Schweizer Sozialfirmen auf: Rund 400 dieser Firmen gibt es in der Schweiz bereits. Der Umsatz beträgt 630 Millionen Franken pro Jahr. 10 000 Angestellte betreuen dort 43 000 Beschäftigte. 40 Prozent davon sind psychisch oder geistig beeinträchtigt, weitere 40 Prozent beziehen Arbeitslosengeld und rund 20 Prozent sind Sozialhilfebezüger. (az)

Fit für Arbeitsmarkt bleiben

Es ist eine Binsenwahrheit: keine Arbeit zu haben, macht auf die Dauer unglücklich und krank. Deshalb schuf die Arbeitslosenversicherung vor rund zwanzig Jahren Beschäftigungsprogramme.

Auch für Ausgesteuerte sind in den letzten Jahren Angebote in sogenannten Sozialfirmen entstanden. Diese sind die Arbeitgeber in diesem Zweiten Arbeitsmarkt, die Arbeitenden sind Menschen wie die Monteure in der Solarwerkstatt (Foto), sie stellen abends den Wecker, erscheinen – meistens – pünktlich zur Arbeit.

«Es geht darum, die Arbeitsmarkt-Fitness der Leute zu erhalten», sagt Reto Schaffer. Er ist Geschäftsführer der Trinamo AG. Anfang 2012 wurden in dieser Sozialfirma drei Institutionen fusioniert: die Stollenwerkstatt in Aarau, Pegasus in Baden und Wohlen, WivA Fricktal in Möhlin und Rheinfelden.

Dass eine gemeinnützige Organisation, also eine Non-Profit-Firma, eine Aktiengesellschaft ist, gab es zuvor noch nie im Kanton Aargau. Steuerrechtlich musste das erst ermöglicht werden. Der Grund für die Änderung der Rechtsform war nicht finanzieller Art – die Trinamo AG vergibt keine Aktien. Weil eine Stiftung (Stollenwerkstatt) und zwei Vereine fusionierten, musste ohnehin eine neue Rechtsform gefunden werden.

Ohne Stempel auf der Stirne

Der andere Grund: Die Beschäftigten sollen in einer echten Firma arbeiten können. «Eine Stiftung kann stigmatisierend wirken», sagt Reto Schaffer, «uns war das AG im Namen deshalb wichtig.»

Das Gefühl, eine nützliche Arbeitskraft zu sein, ist essenziell, um die «Fitness» der Klienten zu erhalten. Schaffer würde deshalb intern nie sagen, welche Bereiche seines Unternehmens quersubventioniert werden müssen. «Dies zu kommunizieren, wäre für viele Beschäftigten demotivierend», sagt Schaffer.

Klar ist: Eigenprodukte wie Schmuck oder Zündwürfel aus der Werkstatt machen nur 0,02 Prozent des gesamten Umsatzes aus.

Und doch sind auch diese Beschäftigten Teil eines ausgeklügelten Netzwerkes, das zu einem grossen Teil für sich selber produziert: Als Aarauer Unternehmen mit 130 Mitarbeitern und 600 Teilnehmern braucht es Köche für die Kantinen, Arbeiter in der hauseigenen Wäscherei, Putzpersonal, Möbel aus der Schreinerei und T-Shirts aus der Näherei und so weiter.

Daneben betreibt Trinamo das Restaurant in der Badi Wohlen, den «Roten Turm» in Baden, den Velo-Lieferservice «Voilà», die Velostation in Aarau und ein Elektro-Recycling.

Im Bistro «Mojo» an der Neumattstrasse in Aarau finden schliesslich auch die Tischdekorationen aus der Kunstwerkstatt Verwendung. Die verschiedenen Teilnehmer, Werkstätten und Betriebe zu orchestrieren, ist ein Balance-Akt. Am Ende muss die Rechnung aufgehen.

Riesige Bandbreite an Personen

Ein Balance-Akt ist es auch mit einem Teil der Beschäftigten: «Bei manchen Teilnehmergruppen wissen wir morgens nie, wer auf der Matte steht», sagt Schaffer.

Dass die Firma inzwischen so viele Abteilungen hat, ist deshalb ein Vorteil: Je nach Auftragslage oder Eignung können Betreute auch mal verschoben werden. Denn einfach entlassen – das geht hier nicht.

«Ziel ist es die Produktivität des Einzelnen dank mehr Motivation zu steigern», sagt Schaffer. So arbeitet ein psychisch Kranker vielleicht zuerst täglich ein paar Stunden in der Küche, schöpft später das Essen in der Kantine und arbeitet im Idealfall am Schluss fast 100 Prozent belastbar im Service eines Trinamo-Restaurants. Die Anforderungen steigen kleinschrittig, mit Rückfällen wird gerechnet.

Die Klientel ist breit: Asylbewerber sind darunter, die hier freiwillig arbeiten können. Es gibt Berufspraktika, Taglohnstellen für Ausgesteuerte und es gibt geschützte Arbeitsplätze für Behinderte, wo es nur um Beschäftigung geht.

Und die Arbeitslosen des Regionalen Arbeitsvermittlungszentrums (RAV) bekommen hier einen Arbeitsalltag und Weiterbildung und steigern damit ihre Chancen auf einen Wiedereinstieg in den freien Arbeitsmarkt.

Die ganze heterogene Masse, die dort rausgefallen ist, findet in diesem hoch differenzierten System eine Beschäftigung. Dieses wird immer noch komplexer: Reto Schaffer überlegt sich, ob Trinamo in die Landwirtschaft einsteigen könnte, um als Unternehmen noch autarker zu funktionieren: Produzent, Verarbeiter, Lieferant und Konsument in einem. Ein geschlossener Kreislauf.

Auch der Staat ist Auftraggeber

Sozialfirmen unter Beobachtung

Was sagt der lokale Velomechaniker dazu, dass die Trinamo AG in der Velostation am Aarauer Bahnhof einen «Platten» viel günstiger flicken kann, weil die Mitarbeiter IV-Bezüger oder Sozialhilfeempfänger sind, deren Lohn die Gemeinde bezahlt? Und wie steht es generell mit der Konkurrenzsituation zwischen Sozial- und normalen Firmen?
Zwischen der Velostation am Bahnhof und dem Velohändler Grassi in der Aarauer Halde gibt es keine Animositäten. «Ich finde es gut, dass Trinamo das macht», sagt Geschäftsführer Lorenzo Grassi, «es ist eine gute Sache.» Die Leute in der Velostation könnten nur einfache Reparaturen machen, komplexere Fälle würden an seine Werkstatt verwiesen. Es gibt kaum jemanden, der den psychisch oder geistig Beeinträchtigten die Arbeit missgönnt.
Häufiger im Fokus der Privatwirtschaft sind die regulären Arbeitslosen des RAV. Sie erhalten ihr Taggeld von der Arbeitslosenversicherung. Für die Beschäftigungsprogramme, in denen sie arbeiten, gibt es im Kanton Aargau seit dem Jahr 1998 die Tripartite Kommission. Diese besteht aus Vertretern von Staat, Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Sie gibt Richtlinien heraus und kontrolliert, dass es nicht zur Konkurrenzsituation mit der Privatwirtschaft kommt. Für ihre Beschäftigungsprogramme müssen die Anbieter jährlich Bericht erstatten, inwiefern ihre Tätigkeit andere konkurrenzieren könnte. «Beschwerden gibt es nicht oft», sagt David Reichart, stellvertretender. Leiter des kantonalen Amtes für Wirtschaft und Arbeit, «und wenn, können sie jeweils bereinigt werden.»
Die Trinamo AG bietet ihre Leistungen – ob Mittagsmenü, Velolieferdienst oder Montagearbeit – laut eigenen Angaben zu marktüblichen Preisen an. Die Montagearbeiten spielen im internationalen Markt. Die Sozialfirmen argumentieren, es gelinge ihnen oft zu verhindern, dass solche Aufträge für einfache Serienarbeit ins Ausland abwanderten. Fabian Allemann, Arbeitsagoge bei Trinamo, sagt aber: «Auch wir spüren den Preisdruck aus dem Ausland, zum Beispiel aus Polen. Und eben hat ein Kunde seinen Auftrag nach China vergeben.» (kus)

Viele Kunden der Trinamo AG sind Gemeinden, die für ihre Sozialfälle und ausgesteuerten Erwerbslosen Beschäftigungs- oder Wiedereingliederungs-Programme massgeschneidert einkaufen. Laut Schaffer finden rund 20 Prozent der Ausgesteuerten jeweils wieder einen Job.

Besser sieht es bei den Personen aus, welche das Amt für Wirtschaft und Arbeit schickt: Laut Schaffer besteht bei guter Wirtschaftslage bei rund der Hälfte aller Beschäftigten im Zweiten Arbeitsmarkt die Chance, dass sie die Rückkehr in den Ersten Arbeitsmarkt schaffen.

David Reichart, stellvertretender Leiter des kantonalen Amtes für Wirtschaft und Arbeit, sagt: «Die Trinamo AG ist mindestens so innovativ wie ein normales Unternehmen.» Auch bei der Stiftung Wendepunkt oder beim «Lernwerk» in Vogelsang stelle er dies fest. «Solche Anbieter müssen ständig überlegen, wie sie ihre Programme optimieren können, um ihre Klienten möglichst nahe an den Arbeitsmarkt zu bringen.»

Das Amt für Wirtschaft und Arbeit beziehungsweise das RAV kauft aufgrund der wirtschaftlichen Prognosen die Beschäftigungsprogramme und Kurse für die regulären Arbeitslosen ein.

«Oft sind sie nicht happy, wenn das RAV sie zu uns schickt», sagt Reto Schaffer, «aber bereits nach zwei Wochen ist die Motivation meist schon hoch.» Ein Arbeitsloser kann dann, wenn er gefragt wird, sagen: «Ich arbeite bei der Trinamo AG».

«Früher hat man eher mal einen Arbeiter mitgetragen, der nicht 100 Prozent leistungsfähig war», sagt Reichart beim Amt für Wirtschaft und Arbeit.

«Der Arbeitsmarkt war früher aber auch kleinräumiger. Heute müssen die Firmen gegen die Konkurrenz national und oft auch international bestehen können.» Aber auch die Mentalität der Unternehmen hat sich gewandelt und ist weniger familiär: «Man nimmt nur die Besten», sagt Reichart.

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